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Griechische Schuldenkrise : Von wegen Ochi

Eine von der komministischen Gewerkschaft Pame am Freitagabend in Athen Bild: Reuters

Die Griechen haben im Referendum mit Nein gestimmt. Alexis Tsipras verhandelt trotzdem wieder mit den Gläubigern – das schadet ihm allerdings kaum. Warum eigentlich?

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          „Ochi, Ochi“, hallte es wieder durch die Athener Straßen. „Ochi, Ochi“. Ochi, das ist der Schlachtruf geworden für alle, die die Austeritätspolitik Griechenlands ablehnen. Mit Ochi, dem griechischen Nein, stimmten vergangenen Sonntag 61 Prozent der Bevölkerung, um ein Angebot der Euroländer abzulehnen, welches schon längst nicht mehr auf dem Tisch lag. Nun verhandelt der griechische Premierminister Alexis Tsipras doch mit den Euroländern, abgesegnet mit großer Mehrheit vom Parlament, allerdings ohne Regierungsmehrheit. Das Angebot der Regierung Tsipras ähnelt nun sehr demjenigen, welches mit Ochi von der Mehrheit der Griechen abgelehnt wurde.

          Franz Nestler
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Deshalb zogen am Wochenende wieder Tausende durch die Stadt, wie seit zwei Wochen nahezu täglich Demonstranten durch die Innenstadt zogen zum zentralen Syntagma-Platz direkt vor dem Parlament. Es waren abermals Tausende, organisiert von der militanten Arbeiterfront Pame, einer kommunistischen Gewerkschaft in Griechenland. Dass sie zu militanten Aktionen bereit sind, zeigen sie auch gern: An den Außenseiten der Demonstration haben sich viele junge Männer positioniert. Mit Helmen, Mundschutz und massiven Fahnenstangen aus Holz, die eher an Schlagstöcke erinnern. Sie sind enttäuscht: „Tsipras hat die Griechen belogen“, sagt einer und fügt an: „Es ist als hätte das Referendum niemals stattgefunden“.

          Doch stimmt das wirklich? Denn so einfach ist das nicht. So gespalten, wie es vor dem Referendum wirkte, ist Griechenland gar nicht. 80 Prozent wollen unbedingt den Euro behalten, und das unter allen Umständen. Gleichzeitig haben mehr als 60 Prozent der Menschen Tsipras ein starkes Verhandlungsmandat gegeben. Das weiß auch Alexis Tsipras. Eine Politik gegen ihn ist vorerst nicht möglich, er sitzt fest im Sattel, wenngleich der Fortbestand der Regierung in ihrer jetzigen Form insgesamt sehr unsicher ist. Für eine Revolte gegen ihn gibt es daher auch keine Anzeichen. Und beim Volk hat er den Eindruck hinterlassen, nichts unversucht gelassen zu haben: Über Monate hat er hart verhandelt und das Beste, was dabei rausgekommen ist, sind die Vorschläge, die nun auf dem Tisch liegen.

          „Wir wollen die Schulden zurückzahlen“

          Deshalb ist die Stimmung außerhalb der ideologischen Demonstrationen auch nur halb so schlecht. Der Taxifahrer Stefano erzählt: „Natürlich wollen wir die Schulden zurückzahlen, das verlangt schon allein unser griechischer Stolz.“ Und schiebt hinterher, aus Angst, nicht richtig verstanden worden zu sein: „Verstehst du? Verstehst du? Wir wollen zurückzahlen!“ Außerdem wisse er ja, dass der Euro auch etwas kostet – aber weniger als die Einführung der Drachme. Und der Schuldenschnitt? „Es ist doch besser, wenn wir 80 Prozent zurückzahlen als gar nichts“, sagt Stefano.  

          Der neue Tsipras-Vorschlag könnte genau dahin führen. Zwar sind die Reformen genau so hart wie die, die im Referendum abgelehnt wurden. Aber das Programm erstreckt sich über drei Jahre, außerdem werden erstmals Erleichterungen im Schuldendienst in Aussicht gestellt – für Tsipras Partei Syriza eine rote Linie, ohne die sie kein Abkommen mit den Gläubigern akzeptieren wollte. Tsipras betonte auch vorher stets, bei einem „Nein“ im Referendum gehe es um bessere Konditionen. Das neue Reformangebot könnte er dann als einen ehrlichen Kompromiss verkaufen.

          Die soziale Lage im Land wird das kurzfristig kaum verbessern. Dazu reicht ein kurzer Gang zu den sozialen Brennpunkten der Stadt. Etwa an den Omonio-Platz, lediglich zwei Metro-Stationen vom Parlament entfernt. Früher war das ein Vorzeigeplatz, heute ist er eher ein Schandfleck. Viele Häuser stehen leer, die Türen sind mit stabilen Metallketten verriegelt und die Fenster eingeworfen oder vernagelt. Hier kommen Busse voller Flüchtlinge an, streunen Drogenabhängige und ihre Dealer herum, und in den umliegenden Straßen und Parks finden sich viele Obdachlose. An einer Hausfassade begrüßt ein absurd großes Plakat die ankommenden mit „Willkommen in Griechenland“. Nachts verkaufen sich Frauen hier für 40 Euro. Der Verkäufer am Kiosk meint, dass das eigentlich keine klassischen Prostituierten seien – sondern Frauen aus der Nachbarschaft, die ihren Körper aus sozialer Not heraus Freiern hergäben und tagsüber arbeiten gingen.

          „Wir sparen an allem, was geht“

          Am nahen Kanigos-Platz haben sich einige Flüchtlinge unter die Bäume gelegt, um der sengenden Mittagssonne zu entgehen. Hamid, ein junger Syrer, ist einer von Ihnen: „Über Thessaloniki möchte ich nach Deutschland, denn hier gibt es nichts: Keine Arbeit und damit auch keine Hoffnung“. Er selbst kam über die türkische Grenze nach Lesbos und Piräus und dann mit der Metro zum Omonia. Wenige Meter weiter stehen noch mehr Flüchtlinge bei einer mobilen Suppenküche an. „Manche wollen in die Niederlande, andere nach Skandinavien“, erklärt er.  Aber hier bleiben? „Die Griechen haben genug mit sich zu tun, da kann ich nicht helfen“, sagt Hamid.

          Traurig ist die Lage auch im Evangelismos, dem größten Krankenhaus in Griechenland. Schmucklos streckt sich der Betonklotz mit mehr als 1000 Betten in die Höhe. In der Notaufnahme drängen sich die Menschen dicht an dicht, selbst auf dem Flur stehen Behandlungsbetten. Ob man noch gut zurecht komme? Die Krankenschwester an der Information lacht bitter und sagt: „Wir sparen an allem, was geht, noch funktioniert das.“ Aber wie lange noch? Sie zuckt mit den Schultern und zeigt auf einen Arzt, der gerade Visite auf den langen Fluren macht: „Wir zahlen nur noch mit Schecks, aber manche wollen bereits Bargeld sehen – wie sollen wir als Krankenhaus an Bargeld kommen?“ Auch die Gehälter seien gekürzt wurden: Eine Krankenschwester erhalte noch 850 Euro, ein Facharzt maximal 1500 Euro. Deswegen seien viele Praxen auch geschlossen worden, außerdem seien mittlerweile 30 Prozent der Menschen ohne Krankenversicherung – weswegen wieder mehr Patienten hier im Evangelismos seien. 

          Kann sich die Lage hier langfristig bessern? Noch zu Jahresbeginn sah es so aus, als ob sich eine ganz zaghafte wirtschaftliche Erholung einstelle. Doch seitdem hat sich die wirtschaftliche Dynamik extrem abgekühlt. Die vergangenen zwei Wochen haben vielen Unternehmen noch einmal hart zugesetzt. Sicher scheint: So gut wie es den Griechen vor zehn Jahren ging, wird es ihnen für viele Jahrzehnte nicht mehr gehen.

          Sie nehmen es mit Galgenhumor. So sagt Christos, der vor neun Jahren aus Frankfurt nach Athen zog, über das Leben hier: „Es ist halt wie immer – nur ohne Geld“, und lacht. Ob er keine Angst habe, was nach Sonntag kommen werde, falls die Gläubiger das griechische Angebot ablehnen sollten? Er schaut schräg und sagt dann: „Was soll schon nach Sonntag kommen? Montag!“

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