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Griechische Schuldenkrise : Dieter Nuhr hat recht!

Predigt Gläubigerhass: der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras Bild: AFP

Das Referendum in Griechenland hat gezeigt: Es gibt ein paar Dinge auf der Welt, wo die Demokratie nichts zu suchen hat. Schulden zum Beispiel.

          Welch ein Aufstand! Per Twitter und Facebook hatte der Comedian Dieter Nuhr („Nuhr im Ersten“) kurz nach Abschluss des griechischen Referendums am vergangenen Sonntag eine kleine, ehrlich gemeinte Frechheit über die Griechen in die Welt gepustet. Und schon brach der Sturm im Internet los.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Nuhrs Sentenz (sie war zuvor schon vielfach von No-Names im Netz zu lesen) ist natürlich ein Plagiat. Imitiert wird der griechische Ministerpräsident und Syriza-Chef Alexis Tsipras: „Meine Familie hat demokratisch abgestimmt: Der Hauskredit wird nicht zurückgezahlt. Ein Sieg des Volkswillens!“ 2600 Favoriten-Sternchen und 1500 Retweets fing Nuhr sich daraufhin allein auf Twitter ein, 143.000 Daumen hoch und mehr als 3000 Kommentare auf Facebook, eine ziemlich böse Pöbelei mit dem Satiriker Jan Böhmermann inklusive. Der Tenor vieler Kommentare, wörtlich oder sinngemäß: Nuhrs Vergleich hinke, sei „populistisch“, gar „nationalistisch“ und angesichts des Elends vieler Griechen zudem zynisch und menschenverachtend.

          Selbstverständlichkeiten von Dieter Nuhr

          Dabei hat Nuhr lediglich auf eine Selbstverständlichkeit hingewiesen: Verträge sind durch Abstimmungen eines einzelnen Vertragspartners nicht kündbar. Geltendes Recht darf nicht gebrochen werden, Rechtsbruch bleibt Rechtsbruch. Daran ändert sich auch dann nichts, wenn sich der Rechtsbruch durch einen Mehrheitswillen zu legitimieren trachtet. Wenn der Hausvater beschließt, aus welchen Gründen auch immer, seinen Hauskredit nicht zurückzuzahlen, dann ist ihm diese Entscheidung natürlich unbenommen. Er muss freilich, ob er will oder nicht, bereit sein, die Konsequenzen zu tragen. Am Ende schickt ihn womöglich sogar ein Strafrichter in das Gefängnis.

          Was gilt der Prophet im eigenen Land? Für seine Replik auf das Schulden-Referendum in Griechenland, wurde Kabarettist Dieter Nuhr zum Feinbild im Internet.

          Es mag für den Hausvater erträglicher sein, wenn er sich bei seinem Rechtsbruch auf den Willen der ganzen Familie berufen kann. Dann erspart er sich hinterher die Vorwürfe seiner Frau, sie habe doch immer gesagt, der Hausbau sei zu aufwendig, mit dem Kredit habe man sich übernommen – und überhaupt dürfe man nicht über seine Verhältnisse leben. Aber es bleibt dabei: Das Verfahren, durch welches die Entscheidung des Rechtsbruchs zustande kam, ändert nichts am Tatbestand des Rechtsbruchs selbst.

          Sage keiner, das Beispiel des Hauskredits träfe nicht das Verhalten der Griechen. Die Griechen haben sich viel Geld geliehen. Jetzt sagen sie, sie könnten die Zinsen nicht zahlen und den Kredit nicht tilgen, weil andernfalls die Menschen im Land darben müssten. Sie verlangen den Erlass der alten Schulden und wollen viel neues Geld, am liebsten geschenkt. Anstatt ihr Land in Ordnung zu bringen, damit endlich die Staatsausgaben nicht höher sind als die Einnahmen, versprechen sie (Stand: Samstag Nachmittag), sie seien großzügig bereit, darüber zu verhandeln, womöglich eines Tages ihre Ausgaben zu reduzieren, sofern sie auf der Stelle neues Geld bekommen. Den eklatanten Widerspruch zwischen Sparversprechen und Referendums-Nein zum Sparen nehmen sie sportlich: Ihre Versprechen zu brechen hat die griechischen Politiker noch nie sonderlich irritiert. Hauptsache, es gibt neues Geld. So gesehen, ist das Verhalten der Griechen sogar um einiges dreister als das Verhalten von Dieter Nuhrs Hausvater. Der will ja nur den alten Kredit nicht zurückzahlen.

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