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Griechische Schuldenkrise : Braucht Griechenland einen Schuldenschnitt?

Verhandlungspartner - oder schon längst nicht mehr? Der griechische Ministerpräsident Tsipras und EZB-Präsident Draghi Bild: AP

In London wurde den Deutschen nach 1945 ein Großteil ihrer Schulden erlassen. Ein Vorbild für den Umgang mit Griechenland? Nein. Dafür gibt es bessere Argumente.

          Zwei Fragen werden im Augenblick im Ausland stärker diskutiert als in Deutschland. Beide betreffen die gewaltigen Schulden Griechenlands – und das Problem, was man mit ihnen macht, wenn es nicht zu einem Austritt Griechenlands aus der Eurozone kommt. Die erste Frage: Müssten nicht eigentlich die Deutschen die Ersten sein, die für einen Schuldenschnitt Griechenlands plädieren – weil sie aus ihrer eigenen Geschichte wissen, dass ein hoch verschuldeter Staat (wie Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg) nur dann wieder auf die Beine kommt, wenn er zunächst die Schulden loswird und dann mit dem Wachstum beginnen kann?

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die zweite Frage, die international stärker diskutiert wird als hierzulande, hängt eng damit zusammen: Kann Griechenland es schaffen, aus seinen Schulden „herauszuwachsen“? Falls Griechenland den Euro doch nicht verlässt, gäbe es im Prinzip ja zwei Möglichkeiten, wie das Land seine erdrückenden Schulden wieder in den Griff bekommt. Entweder die Gläubiger erlassen dem Land einen großen Teil davon. Oder aber Griechenland schafft es tatsächlich, durch erzwungene Reformen und zusätzliche Hilfen seine Wirtschaft so anzukurbeln, dass das Wachstum und die dann wieder sprudelnden Steuereinnahmen die „Tragfähigkeit“ der Schulden wiederherstellen, wie das im Slang der internationalen Institutionen heißt.

          Schuldenkonferenz war Fundament des Wirtschaftswunders

          In den Verhandlungen über die Zukunft Griechenlands war es zuletzt so, dass Deutschland besonders vehement gegen einen Schuldenschnitt war – zumindest gegen einen „klassischen“, wie sich Kanzlerin Angela Merkel ausdrückte. Frankreich hatte sich in dieser Frage offener gezeigt, der Internationale Währungsfonds (IWF) hatte sogar in diese Richtung gedrängt.

          Amerikanische Medien wie die „New York Times“ werfen Deutschland nun unter Berufung auf Ökonomen vor, die historischen Lehren aus der eigenen Nachkriegsgeschichte vergessen zu haben. Sie erinnern an Hermann Josef Abs: Der legendäre spätere Vorstandschef der Deutschen Bank habe als Chefunterhändler der deutschen Delegation bei der Londoner Schuldenkonferenz 1953 durchgesetzt, dass die deutschen Auslandsschulden de facto halbiert worden sein. Das sei das Fundament des Wirtschaftswunders gewesen.

          Zwanzig Jahre vorher sei das Gegenteil passiert: Weil Deutschland unter seinen Schulden aus dem Ersten Weltkrieg und dem Versailler Vertrag zusammenbrach, sei nach der Hyperinflation und der Depression schließlich Adolf Hitler an die Macht gekommen. Er ließ, nach der Streichung der Reparationen 1932, die deutschen Auslandsschulden 1933 einseitig aufkündigen. Die Westmächte nahmen es weitgehend unwidersprochen hin.

          Was ist davon zu halten? So plausibel es klingt, dass ein Land, dem selbst gewaltige Schulden erlassen worden sind, als Gläubiger zumindest nicht übertrieben hart auftreten sollte – so fraglich ist doch, ob die Fälle wirklich vergleichbar sind. Historiker warnen vor einer Instrumentalisierung der Geschichte. Der Wirtschaftshistoriker Werner Plumpe argumentiert sogar, es habe 1953 gar keinen Schuldenschnitt für Deutschland gegeben, alles sei zurückgezahlt worden. Nur, was „alles“ sei – das habe Abs geschickt heruntergehandelt. Der Freiburger Historiker Jörn Leonhard hebt in der „Süddeutschen Zeitung“ hervor, man müsse den Umgang mit der „historischen Schuld“, zu der Deutschland sich bekenne, säuberlich trennen vom konkreten Umgang mit der Krise.

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