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Griechische Schuldenkrise : Braucht Griechenland einen Schuldenschnitt?

Die Unterzeichnung des Auslandsschulden-Abkommen in London 1953

Trotzdem bleibt die Frage, ob es nicht sinnvoller wäre, Griechenland von seinen Schulden zu befreien, um dem Land einen Neuanfang zu ermöglichen. Ökonomen wie Ifo-Chef Hans-Werner Sinn argumentieren, Griechenland könne seine Schulden ohnehin nicht zurückzahlen, das Geld sei weg. Es sei deshalb sinnvoller, offen den Bankrott zu erklären und mit dem Land über einen Schuldenschnitt zu verhandeln. Die Gegenposition vertritt Paul De Grauwe, Professor an der London School of Economcis. Er schreibt, Griechenland sei „illiquide“, nicht „insolvent“. Seit die Zinslast durch die früheren Schuldenschnitte auf nur zwei Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung gesenkt worden sei, reiche dem Land ein nominales Wachstum von zwei Prozent im Jahr, um flüssig zu sein. Und das sei nicht unerreichbar. Die Zahl der Ökonomen, die für Griechenland so optimistisch sind, ist allerdings in letzter Zeit überschaubar geworden.

Sicher ist: Bei der Frage, ob die Schulden Griechenlands trotz des ersten (offenen) Schuldenschnitts im März 2012 und des zweiten (verdeckten) Schuldenschnitts im November 2012 jetzt wieder untragbar hoch sind, spielt die desaströse Entwicklung der Wirtschaft eine erhebliche Rolle. Der IWF beispielsweise kommt in seiner letzten Analyse vom 26. Juni zu dem Schluss, dass die Schulden Griechenlands im Verhältnis zu seiner Wirtschaftsleistung nicht mehr tragbar seien. Er schlägt daher als eine Lösung einen Schuldenschnitt vor.

Griechenland wird auf absehbare Zeit seine Schulden nicht zurückzahlen

Im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung haben die Schulden Griechenlands nach den Schuldenschnitten nicht etwa abgenommen, sie sind sogar größer und größer geworden. Zuletzt lagen sie bei knapp 180 Prozent des BIP. Das hängt in erster Linie mit dem dramatischen Einbruch der Wirtschaft zusammen. Zwar sind auch die nominalen Schulden gestiegen, von 305 auf 319 und zuletzt 317 Milliarden Euro. Der weitaus stärkere Effekt ging aber vom Rückgang des Bruttoinlandsprodukts aus.

Was bedeutet das nun für die Frage, ob Griechenland aus seinen Schulden „herauswachsen“ kann – oder ob sie ihm erlassen werden müssen? Die Wahrheit ist: Niemand kennt die künftigen Wachstumsraten der griechischen Wirtschaft. Es ist reine Spekulation, dass die Wirtschaft in Griechenland irgendwann wieder so kräftig wachsen wird, dass sich das Schuldenproblem von allein erledigt. Im Gegenteil: Wenn es stimmt, dass das wahre Problem die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit ist und sich dies innerhalb des Euros nur unter Mühen ändern lässt, wird die griechische Wirtschaft noch lange zu kämpfen haben. Zumal alles in den letzten Wochen nur schlimmer geworden ist.

Es ist daher unwahrscheinlich, dass Griechenland auf absehbare Zeit die Schulden zurückzahlen kann. Allerdings sind die meisten Zahlungsfristen bereits so weit in die Zukunft verschoben worden, dass es auch nicht wirklich dringend ist, das Problem sofort zu lösen. Das wichtigste Argument, warum man die Forderungen trotzdem nicht erlässt, ist wohl: Weil die Politiker in den Gläubigerländern dann offen zugeben müssten, dass das Geld weg ist.

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