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Griechenlands Volksabstimmung : Hoffnung der Jugend, Angst der Alten

Mitglieder der Kommunistischen Partei (KKE) demonstrieren für ein „Nein“ im Referendum. Bild: AFP

In ganz Athen streiten die Griechen über das Referendum: Auf der einen Seite stehen die hoffnungsvollen „Oxi“-Anhänger, auf der anderen Seite die stark geschrumpfte Mittelschicht. Geht es nach der Präsenz im Stadtbild, ist klar, wer gewinnen wird.

          Eigentlich standen beide nur nebeneinander an der Ampel. Zwei ältere griechische Männer, der eine vielleicht Mitte 60, der andere 10 Jahre älter. Der ältere von beiden liest eine griechische Zeitung mit einem großen Oxi auf dem Titelblatt. Plötzlich schreit der Jüngere von beiden den Älteren an. Es fällt immer wieder das Wort Schäuble und beide diskutieren leidenschaftlich, gestikulieren aufgeregt und verpassen dabei sogar die Grünphase.

          Franz Nestler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Oxi, das ist griechisch und heißt Nein. Und geht es nach der Regierungspartei Syriza, dann soll sich die griechische Bevölkerung an diesem Sonntag in einem Referendum mit diesem Oxi gegen die Sparpläne der Geldgeber stellen. Ihre politischen Gegner möchten mit Nai stimmen und so den Vorschlag der Gläubiger annehmen, der freilich kein formales Angebot darstellt - das ist eines der Probleme mit der Volksabstimmung.

          Egal wo man in diesen Tagen in Athen auch hinkommt: In jedem Bus wird über das Referendum gesprochen, im Park diskutieren junge Männer bei einer Flasche Bier und auf der Straße schreit eine Frau einem Pärchen „Fasistes“ (Faschisten) hinterher, das gerade ein Nai-Plakat mit einem Oxi übersprüht hat. Der Riss geht teils selbst mitten durch Familien.

          Viele Schäuble-Plakate

          Griechenland scheint tief gespalten: Die neuesten Umfragen signalisieren ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit einem leichten Vorsprung für die „Ja“-Sager. Viele Griechen scheinen aber noch nicht entschieden zu haben. Und immer hängt es auch davon ab, ob die Frage mit einer weiteren Mitgliedschaft in der Währungsunion verknüpft wird - den Euro behalten wollen die Griechen mit großer Mehrheit (drei Viertel) unbedingt.

          Geht es nur nach der Präsenz im Straßenbild, haben die Nai-Anhänger schon verloren. 9 von 10 Plakaten bilden ein großes Oxi ab. Auf den meisten ist ausgerechnet Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble unvorteilhaft abgebildet, auf den Plakaten steht: „Seit fünf Jahren saugt er euer Blut aus. Nun sagt 'Nein' zu ihm.“ Oxi steht auf vielen geschlossenen Ladenfronten, zum Beispiel: „Die Armen wählen Nein!“

          An den Ausgängen der U-Bahn das gleiche Bild: Während unten an der Treppe eine Frau und ein Mann, beide Ende 30, etwas hilflos ihre Nai-Flyer verteilen, steht oben eine ganze Armada junger Menschen. Rund zehn von ihnen diskutieren leidenschaftlich mit Passanten, halten sie auf und geben ihnen Flyer sowie eine linke Zeitung mit an die Hand.

          Viele Selbstmorde

          Auf der Oxi-Seite stehen vor allem junge Menschen. Kein Wunder, jeder zweite von ihnen ist arbeitslos. Auf der Demonstration der griechischen kommunistischen Partei (KKE) vor dem Parlament sind fast alle 25 Jahre alt oder noch jünger. Georgios, einer von ihnen, erklärt: „Wir haben nichts mehr zu verlieren – und mit einem Nein wenigstens die Chance für einen echten Neuanfang.“

          Er glaubt nicht, dass es für seine Generation nicht schlimmer kommen kann, selbst wenn Griechenland aus dem Euro ausscheidet. Ihn treibt vor allem die Hoffnung an, vor dem Referendum am Sonntag hat er keine Angst. „Wie könnte es noch schlimmer werden?“

          Nur wenige Meter weiter klebt ein arbeitsloser Handwerker neue Plakate für Oxi, Georgios übersetzt: „Ich habe meinen Beruf verloren, jetzt will ich wenigstens mit meiner Zeit etwas sinnvolles anstellen.“ Besonders die hohe Selbstmordrate findet er belastend, nach der Volksabstimmung hofft er auf mehr Hoffnung für seine Landsleute.

          „Ihr Deutschen wart verständnisvoll“

          Auf der Ja-Seite dagegen steht vor allem die stark geschrumpfte Mittelschicht. Da ist etwa Dimitros, der am Syntagma-Platz für ein Ja wirbt. „Ich bin nicht politisch getrieben, ich bin kein Stammwähler einer Partei“, sagt er. „Ich möchte nur den Euro behalten, damit meine Kinder und meine Familie eine bessere Zukunft in der europäischen Union haben.“

          Normalerweise arbeitet er als Finanzberater in einem Unternehmen, doch heute hat er freiwillig frei genommen: „Ich möchte die Menschen nur darüber aufklären, warum wir mit Ja stimmen sollten am Sonntag.“ Vor dem Sonntag hat er keine Angst, aber vor den Tagen danach: Er fürchtet um seinen Job und auch darum, dass es zu Ausschreitungen kommen könnte.

          Auch ein Taxifahrer wird mit Ja stimmen: „Tsipras hat das Bahnfahren kostenlos gemacht, ich verliere dadurch mein Geschäft und nun wirft er uns durch seine Amateurhaftigkeit  aus dem Euro heraus“, schimpft er. „Ihr Deutschen wart so verständnisvoll, nun müssen wir auch etwas zurückgeben“, sagt er. Doch ob sich die Nai-Kampagne durchsetzen wird?

          Die gesamte Oxi-Kampagne wirkt jugendlicher. Sie appelliert an die Emotionen, etwa wenn Schäuble auf nahezu der Hälfte der Plakate verteufelt wird. Sie wirkt aber auch amateurhafter. So sind die Flugzettel, die vor dem Parlament verteilt werden, nur in schwarz-weiß schnell in der Universität kopiert worden. Doch die Anhänger sind begeistert, und schon mit ähnlichem Engagement konnte Alexis Tsipras das Land hinter sich bringen und zum Premierminister gewählt werden.

          Die Nai-Kampagne dagegen wirkt etwas verhafteter in den europäischen politischen Spielregeln, erwachsener und im Mittelstand verortet. Zumindest noch werden keine Feindbilder plakatiert, sondern lediglich ein „Ja zum Euro!“. Die Flyer sind aus Hochglanzpapier. Doch, und darauf kommt es an: Während kaum einer der Passanten am griechischen Parlament ein Ja-Flugblatt mitnimmt, kommt kaum einer von ihnen aus der U-Bahn ohne einen Oxi-Flyer.

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