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Griechenlands Schuldenkrise : Zwischen Angst, Trotz und Gleichgültigkeit

  • -Aktualisiert am

Welchen hätten Sie gerne? Ein Verkäufer auf dem Fischmarkt in Athen an diesem Freitag. Bild: AP

In Griechenland kennt jeder mindestens einen, der arbeitslos ist oder seine Miete nicht mehr zahlen kann. Selbst entschiedene Tsipras-Anhänger verlieren den Mut. Ein Ortsbesuch.

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          „Was kommt, das kommt!“, ruft Rigas und reckt die Arme gen Himmel: „Irgendwie wird es schon weitergehen!“ Der Inhaber eines kleinen Kaufladens steht für jene Griechen, die, mürbe von der mehr als fünf Jahre währenden Achterbahnfahrt ihres Landes, den Weg der Gleichgültigkeit gewählt haben. Für die Psyche sicher am besten, dieser Mittelmeer-Pragmatismus – zumal wenn man bedenkt, dass der kleine Kaufmann an der momentanen Lage ohnehin nichts ändern kann. Schließlich entscheiden „die“.

          „Die“ sitzen in Brüssel, treffen sich in Luxemburg, diskutieren in Straßburg, in Berlin, Frankfurt, London und New York. „Die“ haben nichts mit dem Alltag von Rigas zu tun. Also macht er das, was er ohnehin jeden Tag macht: seine Regale auffüllen, Kunden bedienen und ihnen – zum Erstaunen vor allem deutscher Touristen – während jedes Einkaufs fein säuberlich eine Quittung präsentieren.

          Vielleicht war Rigas schon längst auf der Bank und hat sein Geld abgehoben, um es unter dem Kopfkissen zu verstecken. Vielleicht hat er aber auch einfach nichts zu verlieren.

          Manolis war auf der Bank

          Anders der fünfzigjährige Athener Manolis Papadopoulos: Gebannt verfolgt der Manager, der in einer Telekommunikationsfirma arbeitet, die Geschehnisse in jeder freien Minute über das Internet. „Wenn Tsipras das durchzieht, der Verrückte, wenn der Grexit kommt, dann gehen wir nach Deutschland“, hat er erst neulich zu seiner Frau gesagt. Sein Arbeitgeber unterhält dort Niederlassungen, er selbst spricht fließend Deutsch, der Wechsel wäre im Prinzip kein Problem.

          Manolis hat Angst. Er fürchtet, dass sein Land im Chaos versinkt, und er möchte nicht, dass seine schulpflichtigen Töchter diese Zukunft erleben müssen.

          Und ja, Manolis war auf der Bank – gerade diese Woche. Schließlich weiß niemand, ob die Kreditinstitute am Montag öffnen werden, und etwas Bargeld braucht der Mensch.

          „Geldabheben ist unpatriotisch“

          Darüber, dass die Europäische Zentralbank am Freitag einen Bankensturm fürchtete und eigens eine Not-Telefonkonferenz veranlasste, wundern sich derweil sowohl Griechen als auch ausländische Beobachter. Schließlich wird seit Monaten berichtet, dass die Griechen Bargeld abziehen. So war es beispielsweise am Donnerstag eine Milliarde Euro, mithin weniger als 100 Euro pro Kopf und Grieche, also sicherlich kein „Run“.

          Ein Besuch in verschiedenen Instituten zeigt denn auch ganz normales Alltagsgeschäft. Fazit: Wer vorsorgen konnte, hat das angesichts der ergebnislosen Marathon-Verhandlungen wohl längst getan.

          Oder auch nicht. „Ich habe mit meinem Sohn darüber diskutiert, ob wir unser Geld vom Konto holen sollen“, sagt Ingenieur Kostas Stavrakas. „Er sagte, das sei unpatriotisch, wir würden damit der Regierung direkt entgegensteuern und dem Grexit Vorschub leisten. Also haben wir es gelassen.“

          „Uns kriegen die nicht unter“

          Auch ansonsten harren die Griechen eher dem, was da kommt, als Vorräte oder Treibstoff zu hamstern. Für die Touristen hingegen wird vorgesorgt: So haben britische Reiseanbieter ihren griechischen Geschäftspartnern auf den Ferieninseln in dieser Woche Geld überwiesen mit der Instruktion, die Beträge sofort von der Bank zu holen und bar vorzuhalten – für den Fall, dass die britischen Touristen in der kommenden Woche kein Geld abheben können

          Der 54 Jahre alte Kostas Stavrakas gehört zu jenen, die immer noch Hoffnung hegen – Hoffnung auf eine gemeinsame Lösung, auf einen Verbleib im Euro und vor allem auf eine Erneuerung des Landes. „Man muss doch einfach sehen, dass diese Regierung erst seit sechs Monaten im Amt ist“, beschwört er die Vernunft. „Aber die Staatsdiener sind dieselben wie zuvor, die ganze Struktur ist noch da, und die neuen Politiker können angesichts der finanziellen Lage bisher nur damit kämpfen, den Staat, das Gesundheits- und das Sozialsystem überhaupt am Laufen zu halten.“

          Vernunft bedeutet in seinen Augen, dass die beiden Seiten sich wirklich aufeinander zubewegen. „Wir können uns nicht totsparen – man hat doch in den vergangenen Jahren gesehen, dass das nichts bringt. Ohne ein echtes Wachstumsprogramm und zumindest einen Teilerlass der Schulden hat das Ganze keinen Sinn. Außerdem kann dieser Staat erst reformiert werden, wenn die neue Regierung Fuß gefasst und die drängendsten Probleme bewältigt hat, um mit den alten Strukturen aufzuräumen.“

          Bei etlichen anderen hingegen ist die Hoffnung, die man in die neuen Gesichter von Syriza gesetzt hatte, längst verpufft. Sie fühlen sich wie ein abgemagertes Hähnchen auf dem Weg zur Schlachtbank – und fürchten gleichzeitig, mit dem Euro auch noch die letzte Stabilität zu verlieren. Und sie gehören zu jener Gruppe, die sich gerne trotzig zeigt. „Uns kriegen die nicht unter, uns nicht!“, hört man dann, oder auch: „Griechenland wird bestraft, weil es eine linke Regierung hat.“ Weitere Lieblingsthemen: die geopolitische Relevanz des Landes, das Interesse der Amerikaner am kleinen Nato-Partner, das Erdgas, Öl und ja, sogar Gold im Hoheitsgebiet.

          Aber selbst die Vertreter dieser Fraktion klingen dabei nunmehr ängstlich und werden schnell still. Zu bitter ist das Elend auf den Straßen der Großstädte und zu klein das Land, als dass nicht jeder mindestens einen kennt, der arbeitslos ist, seine Miete nicht mehr zahlen kann und ohne jegliche Perspektive lebt. Kein Wunder also, dass den Griechen die alles entscheidenden Gespräche in Brüssel, Luxemburg und den anderen Machtzentren der Welt gerade jetzt weiter weg von der Realität scheinen denn je zuvor.

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