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Griechenlands Schuldenkrise : Wohin die Kredite wirklich geflossen sind

Flucht aus Athen: Reiche sollen ihr Geld ins Ausland gebracht haben. Bild: dpa

Milliarden wurden bislang an Griechenland gezahlt. Fast nur die Banken haben von der Hilfe für Griechenland profitiert, wird stets behauptet. Aber ist das auch wahr?

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          Es ist ein Argument, das sich verselbständigt hat und in jeder Griechenland-Talkshow und vielen politischen Debatten zu hören ist: Mit den 220 Milliarden Euro, die Euroländer, Europäische Zentralbank und Internationaler Währungsfonds Griechenland seit Krisenbeginn effektiv zur Verfügung gestellt haben, wurden fast ausschließlich ausländische Banken gerettet. Bei der griechischen Bevölkerung sei dagegen so gut wie nichts angekommen, heißt es von vielen, die gegen die in ihren Augen verfehlte Rettungspolitik der Gläubiger wettern. Griechenlands Finanzminister Giannis Varoufakis behauptet, dass 90 Prozent der Hilfen den Banken genutzt hätten. Das Argument klingt stark, diskreditiert es doch sämtliche Bemühungen, die griechische Volkswirtschaft zum Laufen zu bringen, als einen rein eigennützigen Akt. Aber ist es auch wahr?

          Johannes Pennekamp

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

          Tobias Piller

          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.

          Es stimmt zwar, dass Banken in Frankreich, Deutschland und Amerika von den Rettungspaketen profitiert haben – aber das ist längst nicht die ganze Wahrheit. Das zumindest ist das Ergebnis einer Auswertung des Münchener Ifo-Instituts, die schon seit einem Monat öffentlich zugänglich ist. Von den Krediten und Stützungsmaßnahmen sei nur etwa ein Drittel den ausländischen Kreditgebern zugute gekommen, von zwei Dritteln der Gelder hätten dagegen die Griechen selbst profitiert – in Form von einem höheren Konsumniveau, das sie sich sonst nicht hätten leisten könnten, und Kapitalflucht ins Ausland. „So gesehen kann man grob davon ausgehen, dass von den öffentlichen Kreditmitteln, die Griechenland während der Krise bekommen hat, ein Drittel der griechischen Leistungsbilanzdefizite, ein Drittel der Tilgung von griechischen Auslandsschulden und ein Drittel der Vermögensanlage von Griechen im Ausland diente“, schreibt Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn in der Analyse.

          Sinn nennt reichere Griechen als Profiteure

          Um die Rettung der Banken und Finanzinvestoren, „die sich in Griechenland engagiert hatten und öffentliche Anschlusskredite verlangten, mit denen Griechenland in die Lage versetzt werden sollte, seine Schulden zurückzuzahlen“, sei es tatsächlich bei der ersten Rettungsmaßnahme der internationalen Gläubiger im Frühjahr 2010 gegangen. Ende März 2010 hatten französische Banken nach der Ifo-Berechnung Ansprüche von 53 Milliarden Euro gegenüber privaten und öffentlichen Schuldnern in Griechenland, deutsche Banken hatten Forderungen von 33 Milliarden Euro, amerikanische von 10 Milliarden Euro und britische von 9 Milliarden Euro. Allein diese Summen zu betrachten greife aber viel zu kurz.

          Sinn, der für seine Auswertung auch die Kreditströme zwischen den europäischen Notenbanken (Target-Salden) berücksichtigt, macht ein mit den Stützungsmaßnahmen in Verbindung stehendes „Überschießen des Konsums“ in Griechenland aus. Der Ökonom setzt für seine Analyse den privaten und öffentlichen Konsum ins Verhältnis zum griechischen Nettonationaleinkommen. Während das Verhältnis in Deutschland seit längerer Zeit bei knapp 90 Prozent liege, sei es in Griechenland nach dem Euro-Beitritt 2001 von 95 „auf Werte von 110 Prozent gestiegen, wo es bis zum aktuellen Rand verblieb“.

          Sinn vertritt die Ansicht, dass dieses Konsumniveau nur schwer mit der These einer humanitären Katastrophe durch Kaputtsparen in Einklang zu bringen sei. Allerdings ist das griechische Bruttoinlandsprodukt – und damit der materielle Wohlstand – in den vergangenen Jahren erheblich zurückgegangen. Die Arbeitslosigkeit steht auf Rekordniveau. Auch das Rentenniveau und die Zahl der öffentlichen Angestellten wurden zurückgefahren. In einer Übersicht des europäischen Statistikamtes Eurostat, in der der „tatsächliche Individualverbrauch“ – ein um die Kaufkraft bereinigter Wert für den materiellen Wohlstand von Haushalten – verglichen wird, lag Griechenland im Jahr 2014 in der EU auf Rang 15 der 28 Länder, mit einem Konsumniveau, das 17 Prozentpunkte unterhalb des EU-Durchschnitts liegt. Deutschland liegt auf Rang 2 mit 23 Punkten oberhalb des Durchschnitts. Neben den Geldern für die Auslandsbanken und dem künstlich gestützten Konsum nennt Sinn vor allem die reicheren Griechen als Profiteure der Hilfskredite. „In der Tat gibt es anekdotische Berichte, dass Griechen in großem Umfang Bargeld ins Ausland transferiert haben, um dort Vermögenswerte zu erwerben, so zum Beispiel nach Bulgarien, wo sie als Immobilienkäufer in Erscheinung traten“, schreibt Sinn.

          Für Deutschland stehen 90 Milliarden Euro im Feuer

          Auch in anderen südeuropäischen Ländern wie Italien wird immer wieder das Banken-Argument von Varoufakis aufgegriffen. Doch dabei werden viele Argumente vergessen, die vor drei und fünf Jahren die öffentliche Diskussion gerade in Südeuropa bestimmten: Damals pochten gerade Italiener darauf, dass Rettungskredite bereitgestellt werden. Alle Zweifel in Deutschland und Nordeuropa wurden als unsolidarisches Verhalten gebrandmarkt, zudem als gefährlich, weil doch ohne Rettungspakete die Europäische Währungsunion zusammenbrechen könnte wie ein Dominospiel, in dem ein Stein nach dem anderen fällt.

          Während der Streit über die wahren Profiteure der Kredite sich auf die Vergangenheit bezieht, könnte künftig die Frage im Zentrum stehen, wie viel die Euroländer im Fall eines griechischen Staatsbankrotts und der griechischen Banken verlieren könnten. Auch das hat das Ifo-Institut kürzlich (mit Verweis auf die Zahlen von Ende März 2015) errechnet. Für Deutschland stehen demnach im schlimmsten Fall fast 90 Milliarden Euro im Feuer.

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