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Griechenlands Schuldenkrise : Langsam kriecht die Angst hoch

Griechische Pensionäre warten vor einer Bankfiliale auf die Auszahlung ihrer Rente. Bild: AP

Noch gibt es kaum Hamsterkäufe in Athen. Seit einer Woche steht das Land am Abgrund. Bisher funktioniert vieles erstaunlich gut. Doch langsam ändert sich das.

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          Rund um die Akropolis, dem Wahrzeichen Athens, geht vieles seinen gewohnten Gang. Die Touristen strömen durch die Gassen, setzen sich in die zahllosen kleinen Tavernen und wagen den steilen Aufgang zum Parthenon-Tempel. Für diejenigen, die nur einen Tag da sind, muss es sich so anfühlen, als besuche man ein ganz normales Land.

          Franz Nestler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Erst wer mehrere Tage das Leben in der griechischen Hauptstadt beobachtet, merkt, wie den Athenern langsam die eigene Courage zu denken gibt. Denn an diesem Sonntag haben die Griechen ein Rendezvous mit der Geschichte: Sie entscheiden durch ihre Stimme mit Oxi (Nein) oder Nai (Ja), wie es mit Griechenland weiter geht. Egal wie diese Wahl ausgeht, ab Montag wird vieles anders sein.

          Entscheiden sich die Griechen mit Nai, werden die übrigen Euroländer Griechenland wohl weiter unter die Arme greifen. Auch weil mindestens ein Teil des Führungspersonals in Hellas danach sicher ausgewechselt würde - Finanzminister Giannis Varoufakis hat für diesen Fall seinen Rücktritt schon angekündigt, sein Chef Alexis Tsipras äußerte sich nicht ganz so deutlich.

          Die Regale im Supermarkt leeren sich

          Was passiert, wenn die Griechen mehrheitlich Oxi ankreuzen, ist nicht absehbar. Was macht dann die Europäische Zentralbank und was die anderen Euroländer? Womöglich droht Griechenland  in diesem Fall wirkliches Chaos.

          Unabhängig vom Ausgang des Referendums bereiten sich die Griechen aber auf die kommende Woche vor. Und da gibt es kleine, aber untrügliche Anzeichen dafür, dass die sie langsam nervös werden und ihnen die Angst den Rücken hoch kriecht. Zum Beispiel sind die Schlangen an den Geldautomaten in dieser Woche jeden Tag etwas länger geworden. Immer häufiger hängen an den Automaten „Außer-Betrieb-Schilder“.

          Dass die Banken – wie von der Regierung in Aussicht gestellt – am Dienstag wieder öffnen, glaubt niemand. In den Supermärkten gibt es zwar noch keine Hamsterkäufe, aber die Einkaufswagen sind immer etwas voller geworden, und die Regale ein kleines bisschen leerer.

          Angestellte bringen eigenes Bargeld mit

          Vor allem ältere Menschen machen sich Sorgen. Menschen, die schon die Drachme erlebt haben oder sogar den Militär-Putsch in den sechziger Jahren, sagt Christina. Sie ist Kassiererin eines Sklavenitis, einer großen Discounter-Kette in Griechenland. Besonders ältere Menschen kauften auch länger haltbare Lebensmittel ein wie Reis oder Nudeln. Und was auch auffällt: Viel mehr Menschen bezahlen überall mit Karte, um ihr Bargeld sorgsam zusammen zu halten.


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          © Florian Schuh

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          Apropos Bargeld: Auch hier schleichen sich die kleinen Änderungen in den Alltag ein. Mit 50-Euro-Scheinen kann immer seltener bezahlt werden, die Blicke werden dann an der Kasse düsterer. Die Bargeld-Versorgung fiel für manche Geschäfte in dieser Woche sogar aus, sagt Michal, der in einem Souvenir-Laden kleine Andenken verkauft. Einige Läden sollen sogar ihre Angestellten gebeten haben, Bargeld von zu Hause mitzubringen, welches dann gegen 50-Euro-Scheine getauscht wurde.

          Auch an der Art und Weise, wie die Griechen über das Thema sprechen, merkt man, mit welcher Anspannung sie die Wahl und eine Entscheidung herbeisehnen. Gibt man sich als Ausländer in Athen zu erkennen, möchte jeder seine Meinung darlegen. Besonders die Oxi-Anhänger sind immer euphorischer, gestikulieren mehr und wollen einfach vielen Menschen klarmachen, warum sie so entscheiden.

          Andere wollen die Politik dagegen so weit wie möglich fern halten von den eigenen Geschäften und Tavernen: „Politik verdirbt das Geschäft und  jagt die Touristen weg“, flüstert ein Kellner – um dann doch über das Referendum zu sprechen.

          Aber eines hat sich in Griechenland zumindest noch nicht geändert: Die Gastfreundschaft. Immer noch bekommen Touristen in vielen Tavernen einen Schnaps ausgegeben, Kinder im Souvenirladen ein Spielzeug geschenkt oder einfach nur ein Lächeln. Ob viele Griechen am Montag, wenn das Ergebnis der Abstimmung bekannt ist, immer noch ein Lächeln auf den Lippen haben, ist heute unsicherer denn je.

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