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Griechenland : Jeder Reformplan gilt als Invasion

Stolzer Grieche auf dem Athener Syntagma-Platz. Bild: dpa

In Griechenland melden sich die Reformbefürworter zu Wort. Sie protestieren gegen die Regierungspläne. Wirtschaft und Bildungssystem drohten abermals Staat und Parteien zum Opfer zu fallen.

          3 Min.

          Eine Gruppe reformorientierter Griechen hat sich mit einem öffentlichen Aufruf zu Wort gemeldet und zugleich vorgeführt, dass es in Griechenlands Öffentlichkeit derzeit keine Reformer und Liberale an entscheidenden Positionen gibt – nachdem die liberalen Splitterparteien längst von der politischen Bühne verschwunden sind. An Klarheit mangelt es der liberalen Diaspora jedoch nicht, auch nicht an entschlossenen Worten: „Wir wollen, dass jeder Grieche weiß, dass es eine ganz andere Denkweise über die Lösung der griechischen Probleme gibt“, sagt der Athener Wirtschaftsprofessor George Bitros.

          Tobias Piller

          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.

          Der Publizist Nikos Dimou – der unter anderem Bücher veröffentlicht hat mit den Titeln „Vom Unglück, ein Grieche zu sein“ und „Die Deutschen sind an allem schuld“ – hat eine einfache Erklärung dafür, dass die Griechen in der Ablehnung von Reformen eine neue nationale Identität suchten: „Die griechische Gesellschaft ist sehr konservativ. Jedes Mal, wenn etwas reformiert werden sollte, reagierten die Leute so, als handele es sich um eine ausländische Invasion.“ Dimou beschreibt Griechenland als eine immer noch archaische Gesellschaft, die 1500 Jahre lang in einem mittelalterlichen Stillstand verharrte, keine Renaissance, keine Reformation, keine Aufklärung erlebt hat und damit mental oft noch weitab vom westlichen Europa geblieben sei.

          „Das hat nichts mit der Troika zu tun.“ An der Initiative der liberalen Reformer hat sich Dimou auch beteiligt, weil er befürchtet, dass nun Linke und Marxisten für Griechenland eine Rückkehr in die Vergangenheit wollen. „Die bringen uns zu den Problemen zurück, die wir vor zehn Jahren hatten“, sagt Dimou. Für ihn gehören dazu politisierte Universitäten mit Studenten in den Führungsgremien und „ewigen Studenten“, die den Parteien als Agitatoren dienen. „Bisher ist die neue Regierung nur eine große Show, aber es geschieht nichts, während nun offenbar wird, dass die alte Regierung ihre Versprechen nicht erfüllt hat.“

          180 Milliarden Euro an Fördermitteln seit 1981

          Für den emeritierten Wirtschaftsprofessor George Bitros wie für alle Unterzeichner des Aufrufs ist klar, „dass die frühere Regierung nicht die Reformen durchgesetzt hat, die sie eigentlich den Gläubigern versprochen hat“. Die Wirtschaftlerin Miranda Xafa, in den neunziger Jahren Chefökonomin einer konservativen Regierung, vertritt die gleiche Meinung und äußert noch größere Sorgen über die neue linke Regierung unter Alexis Tsipras: „Die haben keine Agenda für Wachstum, nur Ideologie.“ Daher sei zu befürchten, dass die wenigen zaghaften Reformschritte der Vergangenheit, etwa auf dem Arbeitsmarkt, bald rückgängig gemacht würden. „Man kann sich aber keinen Respekt erwerben, indem man herumläuft und Geld verlangt. Respekt kann sich Griechenland nur erwerben, wenn es in der Lage ist, auf eigenen Beinen zu stehen“, sagt Xafa.

          Der in Leipzig ansässige Wirtschaftsprofessor Spiridon Paraskewopoulos hat sich dem Aufruf gerade aus Sorge um die deutsch-griechischen Beziehungen angeschlossen. Er beschreibt sich als stolzer Auslandsgrieche, der als Gastarbeiter nach Deutschland kam und sich dann über ein Studium emporgearbeitet hat – bis zum Inhaber eines Lehrstuhls für Makroökonomie und dann zum Institutsdirektor in Leipzig. Angesichts der Reparationsforderungen der Griechen macht Paraskewopoulos eine andere Rechnung auf: Seit das Land 1981 in die Europäische Union aufgenommen wurde, habe Griechenland 180 Milliarden Euro an Fördermitteln aus Europa erhalten – und Deutschland in diesen Topf 300 Milliarden Euro eingezahlt.

          Nationalismus und Feindseligkeit gegenüber dem Westen

          Vorerst machen sich die Reformbefürworter aber noch keine Illusionen darüber, dass sich die Mehrheit der Griechen von solchen Ideen beeindrucken lässt. Viele Griechen stehen derzeit mit großem Überschwang hinter der linken Regierung des Ministerpräsidenten Alexis Tsipras, der sich wachsende Zustimmungsquoten von 60 Prozent zuschreibt. Der Aufruf der liberalen Reformer nimmt darauf aber keine Rücksicht: „Während die Regierung uns über alle Medien mit der Botschaft bombardiert, sie kämpfe für die Würde der Bürger, empfinden wir vielmehr, dass die Würde unseres Landes beleidigt wird“, heißt es zu Beginn des Aufrufs, der am Sonntag in der liberal-konservativen Zeitung „Kathimerini“ publiziert und von 45 Personen unterzeichnet wurde. Von Würde ist auch bei den Vertretern der neuen Linksregierung die Rede. Sie meint dabei aber die Griechen in sozialer Notlage und wendet sich gegen die Reformauflagen der Gläubiger.

          Die liberalen Reformer sehen das in ihrem Aufruf gerade andersherum: Beleidigt werde Griechenlands Würde, weil innerhalb von vier Jahren zum zweiten Mal das Wort „Grexit“ die Runde mache und „unser Land als der Paria von Europa wahrgenommen wird“, aber auch, weil die neue Regierung „als Bettler um neue Kredite die Runde macht und gleichzeitig den größten Gläubiger unseres Landes, Deutschland, beleidigt und beschimpft“. Die Liberalen wünschten sich Reformen, damit Griechenland nicht mehr das schwarze Schaf Europas darstelle, und beklagen, „dass sogar die wenigen, zaghaften und ungenügenden Maßnahmen, die während der Krise ergriffen wurden, rückgängig gemacht werden“.

          Die Wirtschaft werde „wieder Beute des wasserköpfigen Staates und seiner Interessengruppen“, das Bildungssystem falle wieder den Parteien zum Opfer; ausländische Investitionen würden wieder „bekämpft und vereitelt“. Zum Bild der Politik der neuen Regierung passten schließlich Fremdenfeindlichkeit, Nationalismus und Feindseligkeit gegenüber dem Westen, die sogar bei der Nazipartei der „Goldenen Morgenröte“ Beifall fänden.

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