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Griechenland : Die Angst vor dem „Graccident“

  • Aktualisiert am

Bild: AP

Griechenlands Finanznot wird immer größer. Die Regierung in Athen trifft sich zur Krisensitzung - aber nicht komplett. Und alle Welt spekuliert darüber, ob das Land „per Unfall“ aus dem Kreis der Euro-Staaten ausscheiden muss.

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          Griechenlands Finanznot spitzt sich immer weiter zu. Nach mehreren Krisengesprächen in Brüssel hat Ministerpräsident Alexis Tsipras am Samstag in Athen in einer mehrstündigen Sitzung mit Regierungsmitgliedern nach einer Lösung gesucht - zusammen mit seinem Stellvertreter Giannis Dragasakis und mehreren hohen Funktionären, aber ohne Finanzminister Giannis Varoufakis. Der war offiziell wegen einer Konferenz in Italien verhindert, über ihn machten aber Entmachtungs-Gerüchte die Runde.

          Griechenland droht noch im März das Geld auszugehen. Zwar hat das Land am Freitag seine Kredittranchen an den Internationalen Währungsfonds und an private Kreditgeber zurückgezahlt. Doch schon in der nächsten Woche wird eine weitere Milliarde Euro an den Internationalen Währungsfonds und 1,6 Milliarden Euro für private Investoren fällig. Besonders kritisch wird es am Monatsende, wenn Griechenland die Gehälter für die Staatsbediensteten zahlen muss. Ob das funktioniert, ist derzeit unsicher.

          Zwar wurde das Hilfsprogramm für Griechenland im Februar verlängert, doch die ausstehenden Milliarden werden jetzt noch nicht nach Athen überwiesen - sondern erst, wenn Griechenland weitere Reformen verwirklicht hat. In ihrer Not hat sich die Regierung bisher beholfen, indem sie Geld aus staatlichen Kassen genommen hat, zum Beispiel aus Universitätskassen und aus der Rentenversicherung.

          Teure Wahlversprechen könnten aufgeschoben werden

          Angesichts der Finanznot hat Griechenlands Finanzminister Giannis Varoufakis am Freitagabend auf einer Konferenz erstmals in Aussicht gestellt, die Regierung werde Wahlversprechen aufschieben, um leichter einen Kompromiss mit den Kreditgebern zu finden und um die Geldsorgen zu verkleinern.

          Das fehlende Geld ist auch Hauptthema in den Gesprächen zwischen der griechischen Regierung und den Reformkontrolleuren der „Brüsseler Gruppe“, wie die ehemaligen Troika-Institutionen jetzt genannt werden. Die konservative griechische Zeitung Kathimerini berichtet, eine optimistische Schätzung ergebe für das komplette Jahr einen zusätzlichen Finanzbedarf von zwei Milliarden Euro - doch diese Schätzung gelte bereits jetzt als zu optimistisch.

          Der „Graccident“ rückt in den Fokus

          Immer stärker rückt die Möglichkeit in den Fokus, dass es zum so genannten „Graccident“ kommen könnte: das Wort beschreibt die Möglichkeit, dass Griechenland das Geld ausgeht und es deshalb den Euro verlassen muss. Auch Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble will das nicht mehr ausschließen.

          Wie groß die Gefahren eines „Graccident“ wären, darüber gehen die Schätzungen auseinander. Wer eher für großzügige Griechenland-Hilfen argumentiert, hält die Gefahren eines „Graccident“ für größer - oder umgekehrt. EU-Währungskommissar Pierre Moscovici beispielsweise warnte in einem Interview mit dem Magazin „Spiegel“ vor einem Euro-Austritt Griechenlands. „Wenn ein Land diese Union verlässt, werden die Märkte umgehend die Frage stellen, welches Land als nächstes dran ist, und das könnte der Anfang vom Ende sein.“

          Auch der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Marcel Fratzscher, warnte. „Die Gefahr eines Graccident ist hoch, und wird mit jedem Tag ohne eine klare Strategie für Griechenland größer“, sagte er am Samstag. „Athen sitzt mit einem brennenden Feuerzeug auf dem Pulverfass.“ Die Regierung habe jeden Vertrauensvorschuss verspielt. „Jede Fehlentscheidung kann in den kommenden Wochen die Lage in Griechenland zur Explosion bringen.“

          Weniger Sorgen vor einer Ansteckung hat dagegen Italien. Dessen Wirtschaftsminister Pier Carlo Padoan sagte am Samstag: „Die Risiken für Italien würden bei einem ’Grexit’ nicht steigen.“ Nur für Griechenland wäre das schlecht.

          Griechenlands Finanzminister Giannis Varoufakis aber beteuerte, es werde spätestens bis zum 20. April zu einer Einigung mit den Kreditgebern kommen. Griechenland werde sich auch kein Geld in Russland oder China leihen. „Es gibt keine Alternative, wir fordern keine Hilfe von außerhalb“, sagte Varoufakis. „Wir pflegen gute Beziehungen mit Russland, China und anderen Ländern. Aber unser Problem ist ein europäisches, das wir innerhalb unserer europäischen Familie lösen werden.“

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