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Schuldenkrise : Was passiert, wenn Griechenland den Euro verlässt?

Dann halt nicht: Syriza-Plakate gegen den Reformkurs an einem verlassenen Geschäft in Athen Bild: AFP

Mit jeder gescheiterten Verhandlung wird ein Euro-Austritt der Griechen wahrscheinlicher. Europa könnte diesen Schritt wohl ohne großen Schaden überstehen. Griechenland selbst wohl eher nicht.

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          Die Lage spitzt sich zu: Je mehr sich die Fronten zwischen der Tsipras-Regierung in Griechenland und den europäischen Kreditgebern, vor allem Deutschland, verhärten, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit eines „Grexit“. Offiziell will keine Seite ein Ausscheiden der Griechen aus dem Euroraum. Sowohl Regierungschef Alexis Tsipras und sein Finanzminister Giannis Varoufakis lehnen das ab als auch fast alle wichtigen europäischen Politiker – bis auf einige Euro-Kritiker wie etwa die AfD. Dennoch ist der Grexit mittlerweile kein rein hypothetisches Szenario mehr, sondern eine reale Möglichkeit. Wenn die Tsipras-Regierung gegenüber den Kreditgebern zu hoch pokert, könnte es zu einem „Unfall“ kommen.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Möglich wäre beispielsweise, dass die Europäische Zentralbank den Griechen den Hahn für Ela-Notkredite zudreht. Erst vor kurzem hat sie den Ela-Rahmen für die griechischen Banken auf 59,5 Milliarden Euro ausgeweitet, weil Staatsanleihen nicht mehr als Sicherheiten akzeptiert werden und die Banken deshalb Notliquidität brauchen. Im Falle Zyperns hat der EZB-Rat vor gut zwei Jahren mit Zweidrittelmehrheit ein Ende der Ela-Kredite angedroht, als das dortige Parlament ein hartes Hilfsprogramm abgelehnt hatte. Über ein Wochenende wurde nach hektischer Krisendiplomatie ein abgeschwächtes Programm ausgehandelt. Doch niemand kann garantieren, dass die Regierung in Athen nicht hart bleibt – und sich damit ins Abseits schießt.

          „Es gibt ein 35-Prozent-Risiko für einen Grexit“, sagt Holger Schmieding, Chefökonom der Berenberg-Bank und überzeugter Eurofreund. Griechenland würde dann Kapitalverkehrskontrollen und längere Bankferien anordnen müssen, um eine Währungsumstellung auf eine neue Drachme logistisch zu bewerkstelligen. Es würde chaotisch werden.

          EZB verschafft anderen Krisenländern Sicherheit

          Im Syriza-Lager haben indes einige Vordenker das Szenario schon durchgespielt. Costas Lapavitsas, bis vor kurzem Wirtschaftsprofessor in London und jetzt Syriza-Abgeordneter, empfiehlt seiner Regierung eine „taktische“ Drohung mit dem Euro-Aus. Um einen Ansturm auf die Banken zu verhindern und den Abfluss des Kapitals ins Ausland zu bremsen, seien Abhebelimits und Kapitalkontrollen unerlässlich. Schuldscheine der Regierung könnten als Not-Zahlungsmittel fungieren. Die Notenbank sollte dann, falls es keine neuen Hilfskredite mehr gebe, eine Parallelwährung einführen, meint Lapavitsas. So könnte die Regierung ihre Beamten und Sozialleistungen bezahlen. Gegenüber dem Ausland würde die neue Währung allerdings stark abwerten.

          Griechenland : Alles auf Anfang? - Stimmungsbericht aus Athen

          Kurzfristig würde der Grexit zu erheblichen wirtschaftlichen und finanziellen Verwerfungen führen. Allerdings wäre die Erschütterung für den Euroraum insgesamt verkraftbar. Die Warnung (oder Drohung) von Finanzminister Varoufakis, die Eurozone würde wie ein Kartenhaus zusammenfallen, halten die meisten Fachleute für völlig überzogen. Die Ansteckungsgefahr für den Rest Europas bei einem Griechen-Zusammenbruch sei nicht so groß, sagt etwa Moritz Krämer, Chefanalyst der Ratingagentur S&P. Zum einen hat Griechenland mit seinen elf Millionen Einwohnern wirtschaftlich nur ein geringes Gewicht. Es kommt auf nur knapp 2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts des Euroraums, und die wirtschaftlichen Verflechtungen seien noch geringer, sagt Krämer. Europas Banken haben inzwischen kaum noch Außenstände in Griechenland – weil die öffentliche Hand, sprich Europas Steuerzahler, ja die meisten Schulden übernommen hat.

          Wenn es zum Knall käme und Griechenland austreten müsste, würde es allerdings an den Börsen ohne Zweifel erst mal stark nach unten gehen. Die Zinsen, die andere Krisenländer der Europeripherie für ihre Anleihen zahlen müssten, würden steigen, warnt John Higgins vom Analysehaus Capital Economics. Allerdings muss er zugeben, dass die Risikoaufschläge der anderen Krisenländer nach dem Syriza-Wahlsieg und der neuen Eskalation der Griechen-Krise fast gar nicht gestiegen sind. Italien, Spanien und Portugal können sich zu historisch niedrigen Zinsen refinanzieren. Ein Grund dafür ist, dass die EZB für notfalls unbegrenzte Anleihekäufe bereitsteht. Zudem gibt es, falls die Märkte keinen Kredit mehr geben sollten, den Euro-Krisenfonds ESM, der neue Hilfen vergeben könnte. Berenberg-Ökonom Schmieding spricht von einer „gut geölten Maschinerie, um mit Krisen im Euroraum umzugehen“.

          Unklar was mit griechischen Schulden passieren würde

          Für Griechenland selbst und seine Bevölkerung würde ein Euro-Ausstieg allerdings kurzfristig „verheerend“ sein, warnt S&P-Analyst Krämer. Er sagt für die einfachen Leute schwere Entbehrungen voraus. Griechenland ist stark von Importen abhängig. Wenn das Land knapp an Devisen werde und sich mit der abgewerteten neuen Währung teurere Importe nicht mehr leisten kann, könnte es zu Engpässen in der Versorgung etwa von Benzin oder Medikamenten kommen. Der Grexit-Schock würde zudem zunächst einmal sämtliche Investitionen stoppen, die Produktions- und Lieferketten unterbrechen und das Land abermals in eine Rezession werfen. Schon jetzt ist die Arbeitslosigkeit mit über 25 Prozent die höchste im Euroraum. Andere Ökonomen halten jedoch nach einer starken Abwertung einer neuen griechischen Währung um vielleicht ein Drittel auch eine schnellere Erholung der hellenischen Wirtschaft als im Euro für möglich, weil griechische Produkte oder Hotelangebote dann preislich sehr viel wettbewerbsfähiger wären. Das ist der Grund, warum etwa Hans-Werner Sinn, der Chef des Ifo-Instituts, einen Euro-Ausstieg empfiehlt.

          Ob mit oder ohne Euro-Austritt ist Griechenlands langfristige Schuldentragfähigkeit nicht gesichert. „Die Wahrscheinlichkeit, dass Griechenland entweder kurz- oder mittel- bis längerfristig nochmals einen Zahlungsausfall erleidet, beziffern wir auf über 70 Prozent“, sagt DZ-Bank-Chefvolkswirt Stefan Bielmeier. Es stehen große Summen auf dem Spiel. Von den 322 Milliarden Euro Schulden Griechenlands halten öffentliche Gläubiger ganze 257 Milliarden Euro, rund 80 Prozent. Auf Deutschland entfallen mehr als 60 Milliarden Euro an Hilfskreditegarantien und indirekten Ausfallrisiken, die etwa über den Target-Saldo der griechischen Zentralbank zustande kommen.

          Wie viel von diesen Forderungen uneinbringbar ist – ob mit oder ohne Grexit –, darüber wird es noch langen und heftigen Streit geben. Im Bundesfinanzministerium will man von der Frage nichts wissen, doch einige Ökonomen sind schon weiter. Der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Marcel Fratzscher, hat unlängst empfohlen, dass Deutschland es sich leisten könnte, davon 40 bis 50 Milliarden Euro abzuschreiben.

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