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Schuldenkrise : Was passiert, wenn Griechenland den Euro verlässt?

Wenn es zum Knall käme und Griechenland austreten müsste, würde es allerdings an den Börsen ohne Zweifel erst mal stark nach unten gehen. Die Zinsen, die andere Krisenländer der Europeripherie für ihre Anleihen zahlen müssten, würden steigen, warnt John Higgins vom Analysehaus Capital Economics. Allerdings muss er zugeben, dass die Risikoaufschläge der anderen Krisenländer nach dem Syriza-Wahlsieg und der neuen Eskalation der Griechen-Krise fast gar nicht gestiegen sind. Italien, Spanien und Portugal können sich zu historisch niedrigen Zinsen refinanzieren. Ein Grund dafür ist, dass die EZB für notfalls unbegrenzte Anleihekäufe bereitsteht. Zudem gibt es, falls die Märkte keinen Kredit mehr geben sollten, den Euro-Krisenfonds ESM, der neue Hilfen vergeben könnte. Berenberg-Ökonom Schmieding spricht von einer „gut geölten Maschinerie, um mit Krisen im Euroraum umzugehen“.

Unklar was mit griechischen Schulden passieren würde

Für Griechenland selbst und seine Bevölkerung würde ein Euro-Ausstieg allerdings kurzfristig „verheerend“ sein, warnt S&P-Analyst Krämer. Er sagt für die einfachen Leute schwere Entbehrungen voraus. Griechenland ist stark von Importen abhängig. Wenn das Land knapp an Devisen werde und sich mit der abgewerteten neuen Währung teurere Importe nicht mehr leisten kann, könnte es zu Engpässen in der Versorgung etwa von Benzin oder Medikamenten kommen. Der Grexit-Schock würde zudem zunächst einmal sämtliche Investitionen stoppen, die Produktions- und Lieferketten unterbrechen und das Land abermals in eine Rezession werfen. Schon jetzt ist die Arbeitslosigkeit mit über 25 Prozent die höchste im Euroraum. Andere Ökonomen halten jedoch nach einer starken Abwertung einer neuen griechischen Währung um vielleicht ein Drittel auch eine schnellere Erholung der hellenischen Wirtschaft als im Euro für möglich, weil griechische Produkte oder Hotelangebote dann preislich sehr viel wettbewerbsfähiger wären. Das ist der Grund, warum etwa Hans-Werner Sinn, der Chef des Ifo-Instituts, einen Euro-Ausstieg empfiehlt.

Ob mit oder ohne Euro-Austritt ist Griechenlands langfristige Schuldentragfähigkeit nicht gesichert. „Die Wahrscheinlichkeit, dass Griechenland entweder kurz- oder mittel- bis längerfristig nochmals einen Zahlungsausfall erleidet, beziffern wir auf über 70 Prozent“, sagt DZ-Bank-Chefvolkswirt Stefan Bielmeier. Es stehen große Summen auf dem Spiel. Von den 322 Milliarden Euro Schulden Griechenlands halten öffentliche Gläubiger ganze 257 Milliarden Euro, rund 80 Prozent. Auf Deutschland entfallen mehr als 60 Milliarden Euro an Hilfskreditegarantien und indirekten Ausfallrisiken, die etwa über den Target-Saldo der griechischen Zentralbank zustande kommen.

Wie viel von diesen Forderungen uneinbringbar ist – ob mit oder ohne Grexit –, darüber wird es noch langen und heftigen Streit geben. Im Bundesfinanzministerium will man von der Frage nichts wissen, doch einige Ökonomen sind schon weiter. Der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Marcel Fratzscher, hat unlängst empfohlen, dass Deutschland es sich leisten könnte, davon 40 bis 50 Milliarden Euro abzuschreiben.

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