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Altersbezüge : Griechenland zahlt höhere Renten als Deutschland

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Angela Merkel empfängt Alexis Tsipras vor dem Kanzleramt mit militärischen Ehren. Bild: dpa

Am Abend empfängt Kanzlerin Merkel den griechischen Ministerpräsidenten zum Essen. Für Zündstoff sorgen neue Zahlen über die Höhe der griechischen Renten.

          Griechenlands Ministerpräsident Alexis Tsipras ist zu seinem ersten offiziellen Besuch in Berlin eingetroffen. Tsipras wurde von Merkel vor dem Kanzleramt mit militärischen Ehren begrüßt, nachdem er am Nachmittag auf dem militärischen Teil des Flughafens Tegel gelandet war, wo ihn eine Ehreneskorte in Empfang genommen hatte. Für Tsipras ist dies der erste Deutschland-Aufenthalt seit seiner Ernennung zum Ministerpräsidenten Ende Januar.

          Im Vorfeld bemühten sich beide Seiten um versöhnliche Töne. Zum Reizthema aber könnten die griechischen Renten werden. Zwar beklagt die linke griechische Regierung, die Rentner im Land verarmten, doch die internationalen Geldgeber sehen die Sache anders.

          In Brüssel kursieren neue Zahlen zum griechischen Rentensystem. Laut übereinstimmenden Berichten von „Welt“ und „Handelsblatt“ ist die durchschnittlich gezahlte Rente in Griechenland höher als in Deutschland. In Griechenland liegt die Durchschnittsrente demnach bei knapp 960 Euro, was 63 Prozent des Durchschnittseinkommens entspricht. In Deutschland liegt die Durchschnittsrente im Westen Ende 2013 bei 734 Euro und im Osten bei 896 Euro.

          Der Konvoi mit dem griechischen Ministerpräsidenten Tsipras verlässt den militärischen Teil des Flughafens Berlin-Tegel.

          Ein etwas differenziertes Bild ergibt sich, wenn man statt der Durchschnittsrente die sogenannte Standardrente vergleicht. Sie gibt an, wieviel ein Arbeitnehmer erhalten würde, der 45 Jahre lang ein Durchschnittsgehalt bezogen und in die Rentenversicherung eingezahlt hat. In Griechenland liegt die Standardrente laut Handelsblatt bei rund 1100 Euro, was etwa 80 Prozent des Durchschnittslohnes entspricht. In Deutschland liegt sie zwar absolut gesehen mit 1287 Euro im Westen und 1187 Euro im Osten geringfügig darüber, doch gemessen am Durchschnittslohn mit 48 Prozent deutlich darunter.

          Insgesamt gibt Griechenland 17,5 Prozent seiner Wirtschaftsleistung für Renten aus, das ist mehr als die 13,2 Prozent, die EU-Staaten durchschnittlich ausgeben. Und: Griechenlands Renten sind trotz aller Spar-Rhetorik in den vergangenen Jahren kaum gesunken.

          Rente künftig mit 67 Jahren

          Die Zahlen sorgen für Zündstoff zwischen Deutschland und Griechenland. Um den schon lange köchelnden Streit über die Altersversorgung zu entschärfen, ist Alexis Tsipras nun offenbar bereit etwas auf die Geldgeber zuzugehen. Nach Angaben aus Regierungskreisen in Athen sollen Arbeitnehmer künftig auch in Griechenland generell erst mit 67 Jahren in Rente gehen. Die Rente mit 62 soll es nur für jene geben, die mindestens 40 Jahre lang gearbeitet haben. Im Wahlkampf hatte es noch zu den zentralen Wahlversprechen von Tsipras’ linker Syriza-Partei gehört, dass die Renten nicht angetastet werden.

          Dass der Streit über die griechischen Renten rasch beigelegt wird, ist wenig wahrscheinlich. Die Bundesregierung hat vor dem Antrittsbesuch des griechischen Ministerpräsidenten die Erwartungen gedämpft. Bei dem Treffen wolle Tsipras die Grundrisse des gesamten Regierungsprogramms vorstellen, hieß es. Nach einem ersten Gespräch ist ein Arbeitsessen geplant. Finanzminister Wolfgang Schäuble, der in Griechenland wegen seines Beharrens auf Reformen in der Kritik steht, und Vizekanzler Sigmar Gabriel wurden nicht erwartet. Am Dienstag will sich Tsipras mit den Spitzen der Linkspartei treffen, die mit seiner Syriza-Partei verbündet ist.

          Bundesbank: Auch die Insolvenz eines Staates muss in der Eurozone möglich sein

          Fraglich bleibt, wie lang der griechischen Regierung noch das Geld reicht, weil sie ihre Schulden weiter bedienen muss, vor allem beim IWF und bei der EZB. Die „Financial Times“ berichtete, Tsipras habe Merkel in dem Brief vor einer Überforderung gewarnt. Es werde Griechenland nicht möglich sein, seine Schuldenverpflichtungen in den kommenden Wochen zu erfüllen, wenn die EU nicht kurzfristige Finanzhilfen gewähre, berief sich die Zeitung auf den Brief vom 15. März.

          Regierungssprecher Steffen Seibert bestätigte ein Schreiben, aber nicht dessen Inhalt. In den vergangenen Tagen war wieder intensiv über eine Staatspleite Griechenlands und ein Ausscheiden aus der Eurozone („Grexit“) spekuliert worden. Nach Informationen der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ verfügt die griechische Regierung nur noch bis 8. April über genügend Liquidität.

          Gegenwind bekommt Alexis Tsipras auch von der Deutschen Bundesbank. Kurz vor seinem Besuch schlagen die Notenbanker in ihrem jüngsten Monatsbericht abermals wenig versöhnlich Töne an. Alle Eurostaaten seien für ihre Schulden selbst verantwortlich. Eine Finanzierung durch die Notenbank sei ebenso verboten wie eine Gemeinschaftshaftung. Deshalb müsste in der Währungsunion auch „der Extremfall einer Insolvenz eines Mitgliedstaates möglichst verkraftbar sein“.

          Belastet wird der Besuch auch weiterhin durch griechische Forderungen nach weiterer finanzieller Wiedergutmachung für Nazi-Unrecht. Die Bundesregierung stellt sich auf den Standpunkt, dass das Thema Reparationszahlungen juristisch beendet ist.

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