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Griechische Demokratie : Am Scheideweg

  • -Aktualisiert am

Immer gleiche Parolen

„Griechenland geht voran – Europa verändert sich“, lautet ein Slogan. Damit erhöhe Tsipras das Volk, meint der Philosoph Stelios Ramfos. „Was Griechenland aber braucht, ist Maß.“ Zu glauben, ganz Europa ändern zu können, bedingt Größenwahn. Doch Größenwahn ist ein Hindernis auf dem Weg zum Kompromiss. Bis heute hat Syriza keinen Kompromiss mit den Geldgebern gefunden.

Freigeschossen hat Syriza den Weg mittels des Referendums und der immer gleichen Parolen: Demokratie und Würde, Volk und Solidarität. Doch von welcher Demokratie und welcher Solidarität genau spricht Tsipras? Als 2012 die ersten Gehälter und Stellen gekürzt wurden und mancher Berufsgruppe der Verlust ihrer Privilegien drohte, setzte ein Prozess der gesellschaftlichen Selbstzerfleischung ein.

Jede Berufsgruppe zeigte mit dem Finger auf die andere und bezichtigte sie irgendeiner Vorteilsnahme. Die Grundschullehrer zeigten auf die Gymnasiallehrer, weil sie angeblich kaum arbeiten und sich mit Privatunterricht Schwarzgeld hinzuverdienen. Alle Lehrer zeigten auf die Mitarbeiter der halbstaatlichen Stromgesellschaft DEI, weil sie angeblich zu viel verdienen und etliche Vorzüge genießen. Das Justizministerium zeigte auf das Wirtschaftsministerium, weil die Mitarbeiter angeblich mehr Boni erhalten als sonst wo, und das Wirtschaftsministerium richtete den Zeigefinger auf das Transportministerium, weil dort angeblich alle an der Vergabe von Führerscheinen mitverdienen.

Die Bauern-Demokraten

Wer wie viel profitiert, war das alles beherrschende Thema. Niemand ließ ein gutes Haar an dem anderen. Es herrschen Zwietracht und Neid, trotz Suppenküchen. Jeder fühlt sich übervorteilt, jeder hat Angst, über den Tisch gezogen zu werden. Vom Nachbarn, vom Staat, von der EU.

Die jetzige Krise ist seit langem keine bloß wirtschaftliche, sondern vor allem eine gesellschaftliche. Was Griechenland benötigt, sind nicht allein makroökonomische Maßnahmen. Ohne einen Kultur- und Mentalitätswandel wird Griechenland nie auf die Höhe eines modernen europäischen Staates aufrücken, egal auf welche Reformen die EU dringt. Doch ein solcher Wandel kann nicht verordnet werden. Ein Wandel benötigt Einsicht und viel Zeit. Er muss flankiert werden von mehr Investitionen in das völlig marode Bildungssystem.

Seit der Gründung des Staates lastet auf dem Land das Erbe der Vergangenheit. Ein Volk wurde aus dem Mittelalter in die Moderne katapultiert und ist noch immer nicht ganz angekommen. Nach ihrer Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich bildeten die Balkanstaaten eine andere Gesellschaftsform als in den meisten anderen europäischen Ländern. Der britische Historiker Mark Mazower spricht von „Bauern-Demokratien“.

Leben in einem armen Land

Jahrhundertelang lag Griechenland danieder, eingekapselt wie in Bernstein, abgekoppelt von den Entwicklungen in Europa. Scholastik, Renaissance, Humanismus, Aufklärung, alle geistigen Strömungen gingen an dem Land vorüber. Ständegesellschaft, Zunftwesen, Bürgertum, Industrialisierung, ein Parteiensystem, ein Klassenbewusstsein – nichts dergleichen existierte.

Es gab türkische Grundherren, reiche, griechische Händler, Bankiers und eine reiche, orthodoxe Kirche. Die breite Masse aber pflügte die Erde, melkte Schafe und Ziegen, fischte, lebte in einem armen Land, das unter der Herrschaft der Osmanen und ihrer griechischen Helfer vor allem nur eines kannte: Willkür und eine erdrückende, 400-jährige Steuerlast.

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