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Griechische Demokratie : Am Scheideweg

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In Politdebatten fallen sich Teilnehmer, egal welcher Partei, gegenseitig ins Wort. Ziel ist es, den Gegner zu übertönen, ihn möglichst nicht zu Wort kommen zu lassen. Wer am lautesten schreit, gewinnt die Oberhand. Und wer nur lange genug auf etwas besteht, bekommt es auch. Was die Zuschauer vor dem Bildschirm täglich sehen und hören, ist das eigene Kaffeehaus.

Erst kürzlich erklärte Energieminister Panajotis Lafazanis, nur eine Partei biete Rettung in der Krise – seine. Eine Koalition, egal mit wem, ist für ihn ein Graus. Zusammenarbeit und Kompromissfähigkeit sind keine Tugenden griechischer Politiker. Ebenso wenig sind es die Tugenden der Bürger. Wie viele Koalitionen hat es in Griechenland gegeben? Und wie lange hielten sie? In den letzten 188 Jahren wurde das Amt des Regierungschefs 190 Mal vergeben.

Das am schwersten zu regierende Volk

Kein Ministerpräsident ist gottgegeben, und schon gar nicht in Griechenland. Wie ein Fels in der Brandung steht allein die Kirche, und ebenso unerschütterlich ist die KKE, die Kommunistische Partei Griechenlands, die ihre Meinung nie ändert und als einzige Partei ein handfestes Programm vorweisen kann.

Wie schwer es ist, in Griechenland zu regieren, erzählt eine Anekdote. Als Andreas Papandreou, Gründer und Chef der sozialistischen Pasok, 1981 die Wahlen mit großer Mehrheit gewann, fragte ihn Staatspräsident Konstantinos Karamanlis, ob er glaube, dass seine Wähler Sozialisten seien. Natürlich nicht, antwortete Papandreou. Karamanlis pflichtete ihm bei und fügte hinzu: Griechen sind Anarchisten. An einem Tag unterstützen sie dich, am nächsten beschimpfen sie dich.

Griechen sind das am schwersten zu regierende Volk. Sie wollen die eierlegende Wollmilchsau. In dieses Bild passt eine Bemerkung von Thanasis Petrakos, Parlamentsabgeordneter von Syriza. „Das griechische Volk trägt den Widerstand in sich“, sagte er kurz vor dem Referendum. Womit er recht hat. Jedem Kind wird in der Schule die Geschichte vom kleinen, stolzen Volk erzählt, das sich immer gegen Großmächte zur Wehr setzen musste. 300 Spartaner gegen das Millionenheer der Perser. General Kolokotronis gegen die osmanischen Besatzer. Partisanenführer Aris Velouchiotis gegen die Nazis. Das ist das Narrativ, auf dem die Nation aufgebaut ist.

Systemwandel durch die Hintertür

Und Stolz, Unabhängigkeit und Freiheit ist der pathetische Wortschatz der Politiker. Dazwischen fällt, wie Sperrfeuer, immer wieder das Wort „Volk!“. Wie Staat und Wirtschaft modernisiert und zukunftsfähig gemacht werden könnten, geht unter im Höhenflug des nationalen Rauschs. Doch keine Partei benutzt Pathos so inflationär wie Syriza. Kein Tag vergeht, an dem es nicht um Würde, Freiheit und Demokratie geht.

Manchmal klingt es, als stünden Xerxes oder Hitler vor der Haustür des Volkes. Nahezu stündlich bombardieren Regierungsmitglieder Syrizas, allen voran Parlamentspräsidentin Zoe Konstantopoulou, die Bevölkerung mit ihrem Neusprech. Ähnlich polemisch ging es zuletzt unter Andreas Papandreou zu. Doch Papandreou lenkte schließlich ein. Griechenland trat nicht wie angekündigt aus der Nato und der EG aus.

Was allerdings Syriza derzeit vorzubereiten scheint, geht über Papandreous Populismus hinaus. Das Volk wird eingeschworen auf einen langen Kampf, von dem klar ist, gegen wen er sich richtet, die Bevölkerung aber darüber im Unklaren lässt, wohin genau er führt. „Kein totalitäres Regime wird an einem Tag installiert“, bemerkte neulich ein besorgter Kommentator. Syriza ist angetreten, die Währungsunion, ja die ganze EU zu reformieren. Syriza träumt vom Systemwandel durch die Hintertür.

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