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Griechische Demokratie : Am Scheideweg

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Der Überzeugungstäter

Tsipras ist Überzeugungstäter. Seine Ideologie zu verraten – und koste es die Spaltung seines Landes – käme ihm nie in den Sinn. Mit Pathos bekannte er sich verbal zu Europa und zum Euro. Doch seine größte Überzeugungskraft liegt in seiner reinen Weste. Niemand bringt ihn mit der alten Politikerkaste in Verbindung. Darin liegt seine Glaubwürdigkeit. Er verkörpert den neuen Politiker.

Von den alten will niemand mehr etwas wissen. Doch genau jene alten – Simitis, Papandreou, Karamanlis, Samaras, Venizelos – beschworen das Volk, beim Referendum mit Ja zu stimmen. Schlimmer noch. Juncker, Schulz, die halbe Politikerkaste der EU, alle warnten, mahnten, rieten von einem Nein ab, obgleich sie es hätten besser wissen müssen.

Europäer und Griechen haben sich nie wirklich verstanden, sich nie in die Gedanken- und Gefühlswelt des anderen hineinversetzt. Auf jede Art von Einmischung, besonders von außen, reagieren Griechen allergisch. So verwandeln sich Ratschläge und Empfehlungen, egal wie richtig, falsch, sachlich oder polemisch sie sind, in ihr Gegenteil. Auch mit Regeln halten Griechen es anders. In Europa herrscht das Primat der Regeln, in Griechenland das Primat des Regelbruchs.

In der Hand der Oligarchen

Es ist immer noch ein revolutionärer Akt, so, wie der Staat für viele nach wie vor eine feindliche Macht ist. Das ist zugespitzt formuliert und verletzt die Gefühle vieler Griechen, die an Regeln glauben und sich an Regeln halten wollen, es im Alltag aber nur schwer können, weil nahezu alle um sie herum immer irgendwann irgendwelche Regeln biegen, dehnen, verwässern, sie zum eigenen Nutzen und zur eigenen Bequemlichkeit schlichtweg ignorieren. Autofahren gegen die Einbahnstraße, Rauchen im Bus – so ist der Süden. Richtig. Nur, wo sind die Grenzen? Warum nicht auch im Großen etwas biegen und dehnen, wenn man es auch im Kleinen tut?

Ebenfalls historisch verwurzelt ist die Vorliebe für das Ochi. Mit „Ochi!“ lehnte 1940 der griechische Diktator Metaxas das Ultimatum Benito Mussolinis ab. „Ochi!“ war das Wort der Linken im Kampf gegen die Junta. Das „Ochi!“ ist durchtränkt vom Fluidum des Heroischen. Es ist verwoben mit Stolz und Vaterland. Wer nein sagt, beugt sich nicht, er steht auf und kämpft für Gott, Ehre, Vaterland oder alles zusammen.

Auch die Presse hat das „Ochi!“ im Referendum befeuert. Ihr glaubt schon seit langem keiner mehr. Sie ist in den Händen reicher Oligarchen, die beste Beziehungen haben zu den alten Parteien. Vielen Bürgern kommt es so vor, als spreche aus dem Flachbildschirm nicht Griechenland zu ihnen, sondern Brüssel und Berlin.

Für oder gegen das Gemeinwohl?

Blieben die Abertausenden Einzel- und Gruppeninteressen, die sich wie Bäche und Flüsse in den großen Strom der Neinsager ergossen: Restaurantbesitzer und Hoteliers, Rentner, Bauern, Beamte, Angestellte, die potentiellen Profiteure eines Grexits, die sogenannte Drachme-Fraktion, reiche Griechen, die ihre Vermögen im Ausland geparkt haben, Unternehmen, die auf den Ausverkauf des Landes warten, die Anhängerschaft der faschistischen Partei Goldene Morgenröte, die den Euro und Europa strikt ablehnt, die ultraorthodoxe Priesterschaft, die den Westen verteufelt, die Jugend, die keine Zukunft sieht und bei den Eltern wohnt, die ihre Zukunft radikal verspielt haben, und die daran glaubt, dass nichts auf der Welt noch schlimmer werden könne als ihre eigene Situation.

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