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Schuldenkrise : Muss Griechenland jetzt aus dem Euro ausscheiden?

Rentner fordern in Iraklio auf Kreta von einem Angestellten der national Bank die Auszahlung ihrer Pensionen. Bild: Reuters

Ökonomen streiten darüber, ob ein Grexit ökonomisch Sinn macht. Verschiedene Szenarien sind jetzt möglich – und das Referendum könnte noch einmal alles verändern.

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          Die Lage in Griechenland ist dramatisch: Geschlossene Banken und vor allem die Unsicherheit darüber, wie es in dem Land weitergehen wird, fügen der griechischen Wirtschaft  und seinen Bewohnern schon jetzt großen Schaden zu. Wirtschaftsforscher versuchen in dieser turbulenten Situation, die Lage nüchtern zu analysieren und ziehen Schlüsse über mögliche und wünschenswerte ökonomische Szenarien.

          Finanzkrise : Ausnahmezustand wegen griechischer Schuldenkrise

          Johannes Pennekamp

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

          Hans-Werner Sinn, der Präsident des Münchner Ifo-Instituts, plädiert seit langer Zeit für einen geordneten Grexit, also einen geregelten Ausstieg des Landes aus dem Euroraum. Wie ein solcher Prozess aussehen könnte, hat Sinn nun noch einmal beschrieben. „Griechenland braucht nun sofort eine neue elektronische Währung parallel zum Euro“, sagte Sinn. Der Ökonom ist wie viele seiner Fachkollegen überzeugt, dass eine neue Drachme unmittelbar an Wert verlieren würde, denkbar ist zum Beispiel eine Halbierung im Vergleich zum Euro. „Die neue Währung würde abwerten gegenüber dem Euro, und damit würde das Land wieder wettbewerbsfähig“, sagte Sinn. Die griechische Notenbank dürfe dann keine neuen Euros „mehr elektronisch herstellen oder Euro-Banknoten ausgeben.“ Die noch vorhandenen Euro-Banknoten in Griechenland könnten als paralleles Bargeld erhalten bleiben, obwohl alle Löhne, Preise, Mieten und Kredite in Drachme ausgewiesen würden, sagte Sinn. Alle Verträge, die momentan in Euro verfasst sind, müssten umgestellt werden. In einigen Wochen würden die Banknoten der neuen Währung gedruckt sein. Allerdings würde ein solcher Schritt die Möglichkeiten Griechenlands die ohnehin schon erdrückenden Schulden zu bedienen, weiter verringern. Sinn macht sich daher in einem zweiten Schritt dafür stark, dass alle internationalen Gläubiger zu einer Schuldenkonferenz zusammenkommen, um nach dem Grexit einen Schuldenschnitt zu vereinbaren. Im Idealfall, so stellt es sich Sinn vor, wächst die Wirtschaft in Griechenland dann bald wieder. Allerdings ist zu bedenken, dass die Regierung in Griechenland bei einem solchen geregelten Grexit mitspielen muss – und das erscheint derzeit höchst unwahrscheinlich.

          Dass der Grexit – ob geordnet oder unfreiwillig - das Land tatsächlich rasch wieder auf die Beine bringen würde, ist unter Forschern umstritten. Griechenland würde nach einem Austritt aus der Währungsunion am „Abgrund“ stehen, kommentiert Holger Schmieding, der Chefvolkswirt der Privatbank Berenberg am Montag. Sein Argument: Durch eine stark abgewertete neue Währung würden die Einfuhrpreise sehr stark ansteigen, was vor allem die ärmeren Griechen treffe, die nicht genügend Euro angespart hätten. Schmieding fürchtet gar eine soziale Katastrophe, die das Land lähmen würde.  Angesichts des wirtschaftlichen Chaos und der an Venezuela orientierten Wirtschaftspolitik der Regierungspartei Syriza, würde eine Erholung lange auf sich warten lassen.

          Hans-Werner Sinn
          Hans-Werner Sinn : Bild: dpa

          Aber kommt es überhaupt zu dem vertraglich nicht vorgesehenen Ausstieg eines Landes aus der Währungsunion? Citibank-Ökonom Ebrahim Rahbari, der als Erfinder des Wortes „Grexit“ gilt, sieht die Wahrscheinlichkeit eines Ausstiegs durch das in Griechenland angekündigte Referendum sogar vermindert. „Wir glauben, dass das Referendum zu einer komfortablen Mehrheit für das ,Ja‘-Camp führt und erwarten, dass Griechenland in diesem Jahr nicht aus dem Euro ausscheiden wird und die Wahrscheinlichkeit dafür auch in den kommenden Jahren niedrig ist“, schreibt der Banken-Ökonom in einer aktuellen Analyse.   

          „Staatengemeinschaft kann Votum nicht übergehen“

          Das Referendum zu den Reformforderungen der Gläubiger, das die politische Eskalation am Wochenende auf die Spitze getrieben hatte, könnte eine entscheidende Rolle spielen, sind viele ökonomische Beobachter überzeugt. Stimmen die Griechen gegen den Kompromiss mit den Kreditgebern, könne die Athener Regierung am 20. Juli nicht die fälligen 3,5 Milliarden Euro an die Europäische Zentralbank zurückzahlen, schreibt Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. Stoppt die EZB dann die Notkredite an die griechischen Banken (Ela), bedeute das „faktisch das Ende der Euro-Mitgliedschaft Griechenlands“. Ganz anders sähe es bei einem positiven Votum aus. „Wenn sich die Griechen dafür aussprechen, kann die Staatengemeinschaft ein solches Votum nicht übergehen“, sagte Krämer. Mit dieser Ansicht ist Krämer nicht alleine. „Weder der Grexit noch die Staatspleite ist zwingend“, sagte Johannes Mayr, Volkswirt der Bayern LB. Es hänge sehr davon ab, wie das Referendum ausgeht. Mayr: „Wir rechnen mit einer knappen Zustimmung und einem zügigen neuen Hilfsprogramm.“

          Überzeugt sind die Volkswirte, dass die EZB bereit steht, um mögliche Schockwellen der Krise im Euroraum abzufedern. Für möglich gehalten wird, dass die Notenbank ihre umfangreichen Anleihekäufe vorzieht oder ausdehnt, oder im Notfall gar ihr Krisenprogramm OMT, das bislang nur auf dem Papier existiert, in die Tat umsetzt.

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