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Griechenland-Referendum : Alle hassen Schäuble, niemand hasst Deutschland

Auf so vielen Wahlplakaten wie gerade in Athen dürfte Finanzminister Wolfgang Schäuble in ganz Deutschland nicht zu sehen sein. Bild: dpa

Der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble ist das Feindbild Nummer 1 in Griechenland. Doch die Deutschen hasst niemand. Eindrücke aus einem gespaltenen Land.

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          Die Demonstration war wieder einmal so gespalten, wie das ganze Land seit Tagen gespalten ist. Auf dem Syntagma-Platz, dem zentralen Platz in Athen, direkt vor dem Parlament, demonstrieren die Oxi-Anhänger für ein Nein im Referendum. Es war die letzte Kundgebung vor der Abstimmung an diesem Sonntag. Ein Nein, was im restlichen Europa eher für Schrecken sorgt, strahlt hier unglaublichen Optimismus aus: Es herrscht eine Stimmung irgendwo zwischen Festival und Volksfest.

          Franz Nestler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Menschen liegen sich in den Armen, sie singen und sie klatschen zur Musik, welche die Reden umrahmt. Manche trinken ein Bier, andere rauchen eine Zigarette. Es riecht nach Gras, nach gegrilltem Fleisch und irgendwie nach Sommer. Die Gesichter der Menschen – überwiegend junge Griechen – strahlen Glück aus, Vorfreude auf das, was kommt. Und Zuversicht. Die ganze Szene wirkt unwirklich, denn was viele in Europa mit einem Nein verbinden, ist die Katastrophe.

          Doch es gibt auch die unschönen Seiten hier, das böse Gesicht. Als Feindbild haben sich viele Demonstranten Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble ausgesucht - der in Deutschland wiederum gerade so bliebt ist wie noch nie. Sein Konterfei ist auf schwarzen Plakaten in nahezu jeder Straße zu sehen, mit rot und weiß steht auf ihnen geschrieben: „Fünf Jahre lang hat er dich ausgesaugt, sage ihm jetzt Nein“. Natürlich haben sie dafür ein Bild mit einem extra grimmigen Gesichtsausdruck ausgesucht. Manche sind nachträglich sogar mit einem Hitler-Bärtchen verschandelt worden.

          Kein Job, kein Geld, nur die Eltern

          So viele Wahlplakate mit einem Schäuble-Konterfei wie hier dürfte es in ganz Deutschland nicht geben. Selbst auf Toiletten findet sich Schäuble. Ein anderer Spruch lautet zum Beispiel: „Forget it, Wolfgang!“. Dazwischen sind immer Schmäh-Gesänge gegen ihn zu hören. Sicherlich, einige Plakate zeigen auch Kanzlerin Angela Merkel, wenige sogar Eurogruppenchef Jeroen Dijsselbloem – aber Feindbild Nummer 1 ist Wolfgang Schäuble. Warum eigentlich er?

          Er ist zu einem Symbol geworden. Ein Symbol, für alles, was nach Meinung vieler Griechen – nicht nur der Oxi-Anhänger -  falsch läuft in Europa. Schäuble ist seit dem Jahr 2009 Bundesfinanzminister, damit hat er den Sparkurs für Griechenland wesentlich mit auf den Weg gebracht und geprägt, er gilt als strengster Verfechter der Konsolidierungspolitik. Doch gerade die gemachten Spar- und Reformauflagen werden in Griechenland als kaltherzig empfunden.

          Dieses Empfinden den Griechen zu verübeln, ist nicht leicht. Die Oxi-Anhänger, größtenteils junge Menschen, haben schlicht nichts. Jeder zweite von ihnen hat keinen Job, damit auch kein Geld, viele wohnen noch bei den Eltern. Dabei haben sie, die Jungen, die jetzige Situation am wenigsten verschuldet. Als die Zahlen zum Beitritt zur Eurozone frisiert wurden, gingen viele noch in die Schule. Politisch mitentscheiden konnten sie nicht. Demgegenüber ist aber auch die Haltung den Nai-Anhängern (die morgen mit „Ja“ stimmen wollen) nachvollziehbar: Sie haben schlicht Angst, das wenige, was sie noch besitzen, zu verlieren - ihren Job, ihr Geld, ihren Wohlstand.

          Schäubles Rollstuhl fehlt auf den Bildern

          Diese gesamte Situation ist es, die die Griechen so wütend macht. Und diese Wut braucht ein Ventil, ein Symbol auf das sie sich richten kann. Wolfgang Schäuble ist dieses Symbol. Wie ein Symbol ist er auch stilisiert. Sein Rollstuhl ist auf keinem einzigen Bild zu erkennen. Das würde nicht passen zur Rolle des „bösen Deutschen“, zur Stärke, die ihm zugeschrieben wird. Wolfgang Schäuble stört das nicht, er hält unbeirrt seinen Kurs. Was er vom Kurs der griechischen Regierung hält, sagt er zu vielen Gelegenheiten. Seine Beliebtheitswerte in Athen steigert er damit nicht, seine in Deutschland dafür umso mehr.

          Außerdem gilt die Wut der Griechen einem gebrochenen Abkommen. Unausgesprochen galt in Europa, dass es jeder neuen Generation besser gehen wird als der vorherigen – so zumindest die vergangenen  70 Jahre. Doch die Eurokrise hat diesen „Pakt“ in vielen Staaten aufgekündigt. Denn die bittere Wahrheit ist: Griechenland wird es für viele Jahre nicht mehr so gut gehen wie noch im Jahr 2005 – unabhängig vom Ausgang des Referendums an diesem Sonntag.

          Doch den Deutschen insgesamt macht daraus niemand einen Vorwurf. Wenn man im Taxi gefragt wird, wo man herkommt, und dies sagt, ist die Antwort stets: „Germania, gut gut!“ Die Griechen wissen, dass sie sich ihren Schlamassel zu einem großen Teil selbst zuzuschreiben haben. Wobei es angesichts dessen, dass Griechenland vor dem Referendum gespalten scheint, fast schon von selbst verbietet, von „den Griechen“ zu sprechen. Aus den jüngsten Umfragen ergibt sich ein knappes Ergebnis.

          In einer Taverne an der Akropolis sagt Stani, wie er genannt werden möchte: „Wir wissen ja selbst, dass wir viel Mist gebaut haben.“ Stani auch, er hat viel Geld an der Börse verloren und muss nun wieder als Koch arbeiten. Einst gehörten ihm einige Restaurants.

          Doch man könne jetzt die angehäuften Probleme nicht in wenigen Jahren lösen, das brauche Zeit. Und Schäuble und die anderen Euroländer geben Griechenland nicht die Zeit dazu. Und der Hass auf die deutschen Politiker? „Das hat doch nichts mit euch zu tun“, sagt er lächelnd. Deutschland sei für viele immer noch ein Vorbild. „Unsere Völker sind doch Freunde und werden es auch noch bleiben, wenn die ganzen Politiker weg sind.“ Das sei schon immer so gewesen: „Schon im Mittelalter haben die Fürsten gegeneinander Krieg geführt, aber nicht die Kleinen.“ Sagt er und verschwindet in die Nacht.

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