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Griechenland-Krise : Wer ist ein guter Europäer?

  • -Aktualisiert am

Über Wirtschaft und Währung lässt sich keine Union herbeiführen

Erhard war auch nicht in nationalstaatlichem Denken befangen, sondern dachte in freien Märkten. Marktwirtschaften sprengten aus dem System heraus die nationale Enge, schrieb er l955 in dieser Zeitung. Angesichts der Unterschiedlichkeit der Politiken, Wirtschaftsmentalitäten und Lebensformen in Europa erschien ihm jedoch zweifelhaft, ob eine wirtschaftliche Integration automatisch zu einem Staatsgebilde führen müsste. Die jetzige Krise in der Gemeinschaft zeigt, dass es eine Illusion war zu glauben, mit dem Hebel von Wirtschaft und Währung eine politische Union herbeiführen zu können.

Immerhin ist mit der bisherigen Integration etwas gelungen, was sich nach dem Zweiten Weltkrieg niemand auf dem blutgetränkten und von Trümmern übersäten Boden des Kontinents vorstellen konnte. Verfeindete Nationen haben in Westeuropa zueinander gefunden, genießen Freizügigkeit und wirtschaften erfolgreich zusammen. Dass mit dem Bankrott des Kommunismus selbst der trennende Eiserne Vorhang fiel, war nicht zuletzt auch der Wirtschaftskraft der EU zu danken. Am Ende steht eine europäische Gemeinschaft mit 500 Millionen Einwohnern, einer Wirtschaftsleistung vergleichbar jener der Vereinigten Staaten und eine Währung, die sich zumindest noch bisher als stabil erwiesen und als Reservewährung etabliert hat.

Heute herrscht Misstrauen und Verdruss

Doch Europa steht jetzt an einem Scheideweg, wie schon öfter in seiner Geschichte. Die Europäer haben sich mit der Integration übernommen. Die Wirtschaftsleistung schwächelt, die Schuldenberge wachsen und wachsen. Die politische Gemeinsamkeit wurde überschätzt, vor allem, was das zu Recht von vielen Bedenken begleitete und mit Konstruktionsfehlern behaftete Eurowährungsexperiment angeht. Zugleich wurden die in Sonntagsreden so oft beschworene Vielfalt und die daraus entspringenden Fliehkräfte unterschätzt. So regen sich längst überwunden geglaubte nationale Gefühle. Die frühere Begeisterung für Europa ist bei den Völkern inzwischen Misstrauen und Überdruss gewichen. Den Engländern passt der Brüsseler Zentralismus nicht. Die Franzosen stört wie eh und je Deutschlands Wirtschaftskraft und seine neugewonnene politische Rolle.

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Auf diesem Boden gedeihen rechts und links politische Strömungen, die auf ein anderes Europa zielen. An die Stelle der wirtschaftlichen Gemeinschaft, die Europa vorangebracht hat, soll eine Sozial- und Transferunion mit starker Umverteilung treten. Es ist daher notwendig, jetzt innezuhalten und die europäischen Einrichtungen auf ihre Zukunftsfähigkeit zu überprüfen und notfalls umzugestalten. Diese Debatte hat schon begonnen. Erhard hat l959 in Rom in einer Rede dazu treffend gesagt: „Es ist in Europa eine Art Mystizismus aufgekommen. Man tut so, als ob die geschaffenen Institutionen unantastbar oder überhaupt gegen jede Kritik gefeit sein müssen. Können wir wirklich annehmen, dass diese Verträge göttlicher Weisheit entsprechen?“ Das ist zugegeben ein heikles Unterfangen. Doch mit einem Weiter-so wird am Ende auch das Fundament des gemeinsamen Europas Schaden nehmen. Dann erübrigt sich die Frage nach guten oder schlechten Europäern.

Jürgen Jeske war von 1986 bis 2002 einer der Herausgeber dieser Zeitung und ist Mitglied der Ludwig-Erhard-Stiftung.

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