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Schuldenstreit mit Athen : Was passiert, wenn der Grexit kommt?

Die griechischen Titelseiten sind voll vom Schuldenstreit. Ausweislich unzähliger Umfragen will die große Mehrheit der Griechen den Euro behalten. Aber will das auch die Linksregierung? Bild: AP

Griechenland steht am Abgrund: Tag für Tag wird eine Staatspleite wahrscheinlicher. Kommt es dazu, folgt wahrscheinlich auch das Euro-Aus. Doch wie könnte so ein „Grexit“ ganz konkret ablaufen? Und welche Folgen hätte er?

          Wieder ist ein Euro-Finanzministertreffen ohne Ergebnis zu Ende gegangen, am Montagabend unternehmen nun die Staatschefs den vielleicht letzten Versuch, doch noch eine Einigung herbeizuführen. Gelingt ihnen das nicht, droht Griechenland wohl in wenigen Tagen die Staatspleite - dann folgt wahrscheinlich der Austritt aus der Währungsunion. „Mit 60 Prozent Wahrscheinlichkeit gibt es keinen Deal und dann Kapitalverkehrskontrollen“, sagte der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, David Folkerts-Landau, gegenüber FAZ.NET. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Griechen und ihre Gläubiger in der nächsten Woche eine Einigung erzielen können, schätzt er nun nur noch auf 40 Prozent.

          Philip Plickert

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Volkswirt“.

          Aber wie könnte Griechenland konkret in den „Grexit“ schlittern? Derzeit läuft ein stiller „Bank run“ ab in Griechenland. In den ersten drei Tagen der Woche haben verunsicherte Kunden und Unternehmen von den ohnehin schon geschwächten Banken rund 2 Milliarden Euro abgehoben. Am Donnerstag hätten Bankkunden nochmal 1,2 Milliarden Euro von ihren Konten geräumt. In den Monaten zuvor haben sie mehr als 30 Milliarden Euro von den Konten geräumt. Es droht den Hellas-Banken nun ein akuter Finanzengpass.

          Zieht die EZB den Stecker?

          Über das Wochenende könnte es zu einer dramatischen Wendung kommen: EZB-Direktoriumsmitglied Benoit Coeuré wurde in der Sitzung der Euro-Finanzminister am Donnerstag gefragt, ob die griechischen Banken wohl noch am Freitag öffnen könnten. „Morgen ja, Montag – ich weiß es nicht“, soll er nach Teilnehmerangaben geantwortet haben. Die Nachricht machte schnell die Runde, auch in Griechenland, wo der Regierungssprecher zu beruhigen versuchte.

          Derzeit werden die griechischen Banken ohnehin nur noch durch sogenannte Ela-Notfallhilfen der griechischen Zentralbank über Wasser gehalten. Die Europäische Zentralbank in Frankfurt, die diese Mittel genehmigen muss, bewilligte mittlerweile schon gut 84 Milliarden Euro über diesen Kanal. An diesem Freitagmittag wird der EZB-Rat über einen Hilferuf der griechischen Notenbank beraten: Sie hat nochmal 3,5 Milliarden Euro beantragt.

          Wenn die EZB zu dem Schluss kommt, dass die griechischen Banken nicht nur illiquide sind, also vorübergehende Engpässe haben, sondern dass ihre Kapitaldecke nicht mehr ausreicht, dann muss sie eigentlich die Ela-Hilfen stoppen. Das würde sofort zu einer Bankenschließung führen und im zweiten Schritt wohl auch die Staatspleite beschleunigen und den Grexit sehr wahrscheinlich machen. Aber vor dieser Verantwortung scheut der EZB-Rat zurück. „Niemand will den Stecker ziehen“, schrieb der frühere EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark vor einigen Tagen in einem Gastbeitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung.

          Ohne Ela müssten die Banken sofort schließen

          Aber selbst wenn die Banken weiterhin von der EZB liquide gehalten würden, droht in elf Tagen dem Staat die Zahlungsunfähigkeit. Am 30. Juni muss Athen an den Internationalen Währungsfonds rund 1,6 Milliarden Euro zurückzahlen. Athener Regierungspolitiker wie der Chefunterhändler Euklid Tsakalotos haben gesagt, dass dieses Geld nicht da ist. Und die IWF-Chefin Christine Lagarde hat klar gesagt, dass der Währungsfonds keinen Aufschub gewähren wird.

          „Spätestens wenn Athen gegenüber dem IWF ausfällt, wird es für den EZB-Rat sehr schwierig, noch weiterhin Ela zu gewähren“, sagt dazu ein Notenbanker. Dann könnte es unumgänglich sein, den Geldhahn zuzudrehen.

          Ohne Ela müssten die Banken sofort schließen. Athen wäre zudem gezwungen, Kapitalverkehrskontrollen einzuführen, wie dies Zypern vor zwei Jahren auf dem Höhepunkt seiner Finanzkrise ebenfalls tat. Die Regierung müsste wohl eine Parallelwährung einführen, um ihre Beamten und Angestellten im öffentlichen Dienst und die Pensionen und Renten auszuzahlen, denn die Steuereinnahmen brechen schon jetzt ein und reichen dann dafür wohl nicht mehr.

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