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Schuldenstreit mit Athen : Was passiert, wenn der Grexit kommt?

Neue Währung - teurere Importe

Für die Parallelwährung (letztlich Schuldscheine auf die Regierung) hat der frühere Deutsche-Bank-Chefvolkswirt Thomas Mayer vor Jahren den Namen „Geuro“ erfunden. Aus der EZB hieß es bislang, die Parallelwährungsidee sei eine „relativ akademische Debatte“. Gegenüber FAZ.NET wurde aber bestätigt, dass auch Fachleute der Euro-Notenbank schon darüber nachgedacht hätten. Es ist aber unklar, ob der „Geuro“ als Zweitwährung wirklich akzeptiert würde im Land. Zu befürchten sei eine Spaltung der Wirtschaft in unterschiedliche Sektoren.

Also bliebe der Regierung in Athen wohl nichts anders übrig, als komplett eine neue Währung einzuführen, eine neue Drachme zum Beispiel. Diese würde gegenüber dem Euro stark abwerten. Einige Volkswirte rechnen mit einer Abwertung um 50 Prozent. Dies bedeutete, dass Importe sehr viel teurer würden. Da Griechenland nur noch wenig Devisenreserven hat, könnte es Engpässe beim Import wichtiger Güter geben, etwa von Benzin oder bestimmten Medikamenten. Für die Bevölkerung würde das Leiden nochmal zunehmen.

Chance Grexit?

Außerdem wäre die griechische Wirtschaft wohl einige Zeit lang wie gelähmt, Investitionen würden gestoppt, die Kapitalverkehrskontrollen würden die Unternehmen im Außenhandel schwer beeinträchtigen. Die Athener Notenbank hat für den Fall eines „Grexit“ ein Schreckensszenario entworfen. Es drohe eine tiefe Rezession, ein dramatischer Niedergang der Einkommensniveaus und ein „exponentieller Anstieg der Arbeitslosigkeit“, die schon jetzt laut offiziellen Zahlen bei gut 25 Prozent liegt, prophezeite die Notenbank.

Mit dieser Warnung wollte die Bank of Greece auch ihre eigene Regierung unter Druck setzen, endlich neue Vorschläge für eine Einigung zu machen. Prompt haben Abgeordnete der regierenden Syriza-Partei gegen Notenbankchef Giannis Stournaras eine Klage eingereicht und ihn als „Kollaborateur“ mit den Gläubigern beschimpft.

Alle Ökonomen erwarten, dass der „Grexit“ zunächst einmal einen weiteren Einbruch der Wirtschaft auslösen würde. Aber wie lange und wie tief diese Krise sein würde, ist umstritten. Während einige Ökonomen vor einer langen Verarmung und dem Abgleiten in den Status eines Schwellenlandes warnen, sehen andere sogar Chancen durch einen „Grexit“. Durch die starke Abwertung der neuen Währung würden griechische Produkte auf dem Weltmarkt sehr viel billiger, der Export würde deutlich profitieren. Zudem würden Urlaube in Griechenland für Ausländer sehr günstig. Das könnte den Tourismus mächtig ankurbeln, wenn sich die Turbulenzen nach einem „Grexit“ erst mal gelegt haben.

Einige Ökonomen erwarten deshalb, dass Griechenland nach einem „Grexit“ ein Turnaround gelingen könnte. Der Einbruch könnte relativ schnell gestoppt werden, wenn die Abwertung der neuen Währung einen Schub für den Export gebe. „Etwa ein Jahr nach dem Exit oder vielleicht sogar früher schon würde die griechische Wirtschaft robust wachsen", schätzen Forscher des Instituts Oxford Economics. Sie haben in einer Studie die Erfahrung von 70 Ländern oder Landesteilen auf der ganzen Welt seit dem Jahr 1945 ausgewertet, die sich aus Währungsverbünden oder Währungsunionen verabschiedet haben, darunter Staaten in Afrika und Asien, aber auch die postsowjetischen Republiken oder die Trennung der Slowakei von der Tschechischen Republik in den frühen neunziger Jahren.

Nach diesen Erfahrungswerten sei davon auszugehen, dass Griechenlands Bruttoinlandsprodukt nach einem „Grexit“ noch einmal um 10 Prozent einbrechen werde. Dann aber könnte es wegen der Abwertung schneller wachsen als im Euro, erwartet Oxford Economics. „Griechenland könnte sich langfristig in einer stärkeren Position wiederfinden, als wenn es in der Eurozone verbliebe“, lautet ihr Fazit.

Andere Ökonomen bezweifeln das jedoch. Auch Syriza will offiziell das Land im Euro halten. Wobei aber die größte Oppositionspartei, die konservative Nea Dimokratia, der Regierung vorwirft, heimlich schon mit einem „Grexit“ zu kalkulieren und so einen Schuldenschnitt anzupeilen. Es gehe jetzt nur noch im Verhandlungspoker darum, den Gläubigern die Schuld für den Bruch zuzuschieben.

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