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Touristen in Athen : „Es fühlt sich merkwürdig an“

Passagierschiffe kommt im wichtigen Hafen von Piräus an. Bild: Picture-Alliance

Um überhaupt eine Chance auf Erholung zu haben, braucht Griechenland einen starken Tourismus. Touristen bringen Geld ins Land, und damit auch Hoffnung. Wie ergeht es ihnen zwischen Bargeldknappheit, Armut und Schlangen vor den Geldautomaten?

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          Es ist ein Ritual, was hier im Hafen von Piräus seit 2500 Jahren gepflegt wird, seitdem er als neuer Hafen gebaut wurde. Früher fuhren von hier aus Fischer auf ihren kleinen Booten hinaus, um des Nachts ihrer Arbeit nachzugehen. Schwere Netze immer wieder auswerfen und den Fang an Bord ziehen. Wenn ein großes Gewitter aufzog, standen zum Sonnenaufgang die Frauen der Fischer am Hafen und schauten sehnsüchtig hinaus. Hoffentlich hat der Zorn der Götter die Fischer verschont, werden sie gesund wiederkommen?

          Franz Nestler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Denn das ist das trügerische an der Hoffnung. Sie kriecht in die kleinste Ritze und setzt sich fest, kratzt und beißt und will nicht los lassen. Die Fischerboote sind heute gewichen, sie ankern nun im etwa 1 Kilometer entfernten Mounichya, dem Türkenhafen.

          Vieles hat sich geändert. Heute ist Piräus mit 18 Millionen Fahrgästen im Jahr der größte Passagierhafen Europas. Doch noch immer wird dieses Ritual aufgeführt, nur mit unterschiedlichen Protagonisten. Der große Sturm, das ist die Eurokrise, die über das Land hochgezogen ist – und sich in diesen Tagen wieder verschlimmert hat. Die Bargeldversorgung ist mit jedem Tag schlechter geworden, auch andere Güter werden langsam knapp, etwa Medikamente.

          Fast-Food-Tourismus

          Die Fischer, das sind die Touristen. Und die Hoffnung, die ist noch immer gleich. Hoffentlich kommen Touristen: Viele, zahlreich und vor allem zahlungsfreudig. Jeden Morgen fahren riesige Kreuzfahrtschiffe in den Hafen ein. Es geht im Akkord zu, auch am Dienstagmorgen. 5.30 Uhr die „Mein Schiff 3“, 6 Uhr die „Celebrity Reflection“ und 7 Uhr noch die „Norwegian Jade“.

          Würden Sie von Pferden gezogen, müssten 200.000 hier im Hafen von Piräus sein – so viel PS haben die Ozeanriesen insgesamt. Die Schiffe sind jedes für sich rund 300 Meter lang, fast 40 Meter breit und fassen insgesamt 8000 Passagiere – Touristen, auf Kreuzfahrt. Sie werden zum Fast-Food-Tourismus ausgespien: Raus aus dem Schiff, rein ins Taxi oder den Bus, schnell in die etwa 7,5 Kilometer entfernte Akropolis,  Sehenswürdigkeiten anschauen, Andenken kaufen, Souflaki essen, an den Strand und wieder rauf aufs Schiff. Abfahrt um 17, 18 und 19 Uhr, auf zur nächsten Insel.

          Wie hat sich der Sturm, die nun wieder verschärfte Staatsschuldenkrise, auf die Touristen ausgewirkt? Fragt man die Taxifahrer am Hafen von Piräus, die in langen Zweier-Schlangen in der Hitze stehen, ist die Auskunft klar: Schlecht. Für Kyriakos ist die Situation ganz klar. „Tsipras hat uns Touristen gekostet“, sagt er im gebrochenen Englisch.

          „Arme Leute wie ich mussten so wählen“

          Er selbst hat mit Ochi, mit Nein, während des Referendums am Sonntag gestimmt. Aber nicht wegen Alexis Tsipras, dem amtierenden griechischen Premierminister. Denn über Politik in Griechenland sagt er: „Tsipras, Samaras, Papandreou – alles Mist!“ Er selbst ist sauer, wie so viele Griechen, und sagt: „Die Medien, die alle für Nai waren, haben mich so wütend gemacht.“ Aber auch die Eurogruppe sei Schuld. Man könne nicht einem Land seinen Willen aufzwängen, verkündet er mit großem Pathos, der vielen Ochi-Wählern zu eigen ist.

          Auf den Zwischenruf, man dürfe auch den anderen Euroländern – etwa Deutschland – nicht den griechischen Willen aufzwängen, schaut er kurz irritiert, schüttelt den Kopf und spricht ungehindert weiter. Er entschied sich für Ochi, denn: „Taxifahrer, arme Leute wie ich, aber auch Studenten mussten so wählen – sonst wäre es immer so weiter gegangen.“

          Hat er mit seiner Stimme nicht zur jetzigen Situation dazu beigetragen? Es ist nicht klar, ob er die Frage nicht versteht oder nicht verstehen will. Er lächelt nur gequält und schüttelt abermals den Kopf. Danach ist das Gespräch beendet.

          Gebucht ist gebucht

          Doch ob Tsipras und sein Linksbündnis Syriza nun wirklich Schuld an einem angeblich sinkenden Tourismus haben? 22 Millionen Touristen haben Griechenland im Vorjahr besucht – so viele wie noch nie. Darunter waren die Deutschen mit knapp 2,5 Millionen die größte Gruppe. Etwa ein Fünftel steuert der Tourismus zum Bruttoinlandsprodukt bei, gleichzeitig sichert er jeden fünften Arbeitsplatz. Das ist viel in einem Land, in dem jeder Vierte arbeitslos ist.

          Für dieses Jahr war ein neuer Rekord vorausgesagt: 25 Millionen Touristen sollten ins Land kommen. Doch dann kam Syriza an die Macht. Angeblich soll das nun doch nicht geschafft werden. Doch das hat nur anekdotische Relevanz, denn amtliche Zahlen gibt es noch nicht. Die deutschen Reiseveranstalter zeigen geradezu demonstrative Gelassenheit – gebucht ist gebucht, heißt es.

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