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Griechen sagen „Nein“ : Tsipras’ Pyrrhussieg

Seine Landsleute sehen es wie er: Griechenlands Ministerpräsident Alexis Tsipras Bild: AFP

Für den Augenblick können der griechische Ministerpräsident Tsipras und die Seinen triumphieren. Die Mehrheit der Wähler ist ihrer Kampagne gefolgt. Leider müssen die Griechen sich nun darauf einstellen, dass in naher Zukunft nichts besser werden wird.

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          Sehen so Sieger aus? Für den Augenblick können der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras und die Seinen triumphieren. Die Mehrheit der Wähler ist ihrer Kampagne gefolgt und hat eine Entscheidung gefällt, die wohl am besten mit den Worten „aus dem Bauch heraus“ beschrieben werden kann. Ob dabei Verzweiflung im Spiel war oder ob die Menschen wirklich geglaubt haben, mit diesem Votum etwas Gutes für ihr Land bei den Verhandlungen der Regierung mit den europäischen Partnern erreichen zu können, ist unklar.

          Peter Sturm
          Redakteur in der Politik, zuständig für „Politische Bücher“.

          Das Ergebnis der Volksabstimmung liegt jedenfalls nicht im langfristigen Interesse Griechenlands. Ob es im Interesse Tsipras’ liegt, muss sich noch erweisen. Die Links-rechts-Regierung in Athen ist bis jetzt nicht durch konstruktive Vorschläge aufgefallen. Vielmehr hat sie ihre in der Opposition eingeübten Reflexe beibehalten. Ein Ja-Votum hätte einen gesichtswahrenden Rückzug in die alten ideologischen Schützengräben ermöglicht. Nun müssen sich das Linksbündnis Syriza und sein rechter Koalitionspartner weiter mit der ungemütlichen politischen Wirklichkeit auseinandersetzen. Das wird hart, für alle Beteiligten.

          Griechenlands Partner in der EU haben längst alle Illusionen über die griechische Regierung verloren. Für tragfähige Vereinbarungen ist ein Mindestmaß an Vertrauen notwendig. Niemand kann es den Regierungen der Eurozone verdenken, dass sie dieses Vertrauen nicht mehr aufbringen. Ebendeshalb wird sich erweisen, dass die Wähler die Verhandlungsposition ihres Landes gerade nicht gestärkt haben.

          Die Griechen müssen sich nicht nur darauf einstellen, dass in naher Zukunft nichts besser werden wird. Sie werden sogar bald bemerken, dass nicht einmal der sprichwörtliche Silberstreif am Horizont zu erkennen ist. Wenn sich diese Erkenntnis erst einmal Bahn gebrochen hat, wird man sehen, wie lange das Triumphgefühl dieses Sonntags bei den Regierungsparteien trägt.

          Alexis Tsipras und seine Regierung haben ihren Wählern Unmögliches versprochen. Sie werden jetzt entweder über ihren politischen Schatten springen und sich doch mit den Partnern auf ein vernünftiges Programm einigen müssen. Oder sie werden eine weitere negative Episode in der an solchen nicht eben armen Geschichte ihres Landes bleiben. Die Menschen in Griechenland haben wahrhaft Besseres verdient.

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