https://www.faz.net/-gqu-85ccf

Update unseres Krisenlexikons : Grexit, Grexitus, Merkollande

  • Aktualisiert am

Wenn Griechenlands Grexit nicht kommt - den gleichnamigen Schnaps hat sich ein deutscher Unternehmer schon einmal patentieren lassen. Bild: Reuters

Die Krise Griechenlands hat viele neue Fachbegriffe hervorgebracht. Sie müssen sie unbedingt kennen, wenn Sie die vielen Analysen und Berichte leichter verstehen wollen. Hier kommt eine neue Fassung, die Ideen unserer Leser enthält.

          Egal wie das Referendum heute ausgeht, wissen wir noch nicht ganz konkret, wie es ab morgen weitergeht. Hier kommt deswegen schon einmal für die Tage nach dem Referendum ein kleines Griechenland-Krisen-Vokabular, das helfen soll, die vermutlich unzähligen Analysen, Kommentare, Berichte und Stellungsnahmen zu verstehen (alles Banker-, Ökonomen- und Journalisten-Slang):

          Grexit: Kennt mittlerweile jeder. Bezeichnet den (geordneten/gewollten) Austritt Griechenlands aus der Währungsunion. Erfunden hat diese Wortschöpfung der Citigroup-Ökonom Ebrahim Rahbari vor wenigen Jahren. Er selbst ist mittlerweile der Ansicht, dass der Grexit nicht kommt, beziehungsweise dass die Wahrscheinlichkeit dafür deutlich gesunken ist.

          Graccident: Etwas weniger bekannt. Bezeichnet den (ungeordneten/ungewollten) einem Unfall gleichkommenden Austritt Griechenlands aus dem Euro. Je nach Sichtweise und Spekulation ist dies das insgeheime Ziel der Gläubiger oder der griechischen Regierung. Kommt aber gerade außer Mode, weil mittlerweile niemand mehr glaubt, dass Griechenland zufällig aus dem Euro austräte, wenn es so käme.

          Gremain: Kommt vielleicht gerade in Mode. Bezeichnet den Fall, in dem Griechenland pleitegeht und in der Währungsunion bleibt (frei übersetzt "Griechenland bleibt") – nach dem Zahlungsausfall gegenüber dem Internationalen Währungsfonds Ende Juni ist dies im Grunde der aktuelle Zustand. EU-Ratspräsident Donald Tusk hat ziemlich deutlich darüber gesprochen in einem Interview mit "Politico". Der Gremain ist auch politisch möglicherweise aus Sicht der Gläubiger nicht uninteressant, weil die mittlerweile von ihnen vielfach abgelehnte griechische Führung infolgedessen kollabieren könnte. Zumindest ist nicht unwahrscheinlich, dass sie in ihrer jetzigen Form nicht mehr allzu lange im Amt ist.

          Greferendum: Bezeichnet die Abstimmung in Griechenland an diesem Sonntag, die vermutlich wesentlich für die Frage ist, ob das Land in der Währungsunion bleibt oder zumindest (vorübergehend) eine Parallelwährung einführen muss. Oder eben ganz aus dem Euro austritt (Grexit!).

          Grecovery: Ist noch nicht in Mode, sondern derzeit vor allem ein Hoffnungswert unter Optimisten. Bezeichnet die wirtschaftliche wie politische Erholung Griechenlands von der Krise. Wenn die Grecovery kommt, dürfte die Euro-Krise vermutlich endgültig vorüber sein.

          Brexit: Ist eine Folge-Wortschöpfung, abgeleitet aus dem Grexit. Bezeichnet den möglichen Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union, über den die Briten vielleicht schon im kommenden Jahr abstimmen werden. Stand heute dürften sie sich eher dafür entscheiden, zu bleiben.

          Frexit: Ist ebenfalls eine Folge-Wortschöpfung des Grexit (und des Brexit). Bezeichnet den Austritt Frankreichs aus der Währungsunion - ins Gespräch gebracht hat diesen Begriff gerade die Chefin des rechtspopulistischen Front National Marine Le Pen in einem Interview mit dem Finanzdienst Bloomberg, als sie sagte: „Nennen Sie mich einfach Madame Frexit.“

          Merkollande: Ähnlich gedacht, aber nicht ganz zu eng wie Brangelina. Bezeichnet zusammengefasst das mittlerweile vielfältig einsetzbare Diplomatenduo Angela Merkel und Francois Hollande. Sie haben sich in vielen Treffen persönlich mit dem griechischen Regierungschef Alexis Tsipras zusammengesetzt. Außerdem haben sie in wesentlich bedrohlicheren Konflikten wie dem Krieg im Osten der Ukraine vermittelt.

          Unsere FAZ.NET-Leser haben als Ergänzungen im Krisen-Lexikon vorgeschlagen:

          Grexitus: Das Kollabieren der griechischen Wirtschaft - wenn die Banken noch viel länger geschlossen bleiben und der Kapitalverkehr beschränkt.

          Ösirendum: Volksbegehren Österreichs für einen EU-Austritt. Für den Austritt selbst bietet sich vielleicht Auxit an.

          Und F.A.Z.-Mitherausgeber Berthold Kohler hatte in seiner "Fraktur"-Kolumne (am 22. Mai!!) schon den "Luxit" erdacht - den Austritt Bernd Luckes aus der Alternative für Deutschland.

          Immer die aktuellsten Updates finden Sie in unserem Liveblog.


          Leben mit dem drohenden Grexit

          © Florian Schuh

            Für Griechenland sind es schicksalhafte Tage: Die Hilfsprogramme sind ausgelaufen, an den Geldautomaten gibt es kaum noch Bares. Was bedeutet das für die Menschen vor Ort? Wie geht es ihnen? FAZ.NET berichtet in einer Serie.

            Günter Brand, Wahl-Grieche: Die Europaflaggen sind verschwunden

            Wie ist die Stimmung der Menschen in der griechischen Provinz? Im Schatten des drohenden „Grexit“ abseits der Hauptstadt Athen? Ein seit fast 30 Jahren auf einer griechischen Insel lebender Deutscher schildert für FAZ.NET seine Eindrücke.

            Zum Artikel

            Vassilis Sakas, Unternehmensberater: Solidarität muss her

            Wie konnte es so weit kommen? Weil Europa versagt hat. Das sagt ein in Athen lebender Grieche, der in Deutschland studiert hat.

            Zum Artikel

            Elina Makri, Unternehmerin: „Ich wünsche mir unsere Politiker im Gefängnis“

            Mit dem Referendum missbraucht die Regierung Tsipras Griechenland, sagt Elina Makri. Die 33 Jahre alte Griechin berichtet von der Schockstarre ihrer Generation und der Hoffnung auf eine ganz bestimmte Parallele zur antiken Tragödie.

            Zum Artikel

            Silvia Papadaki, Deutsche auf Kreta: „Ich mache mir Sorgen um Medikamente“

            Wie geht es den Menschen in der griechischen Provinz im Schatten des drohenden Grexit? Eine Deutsche, die seit 1976 auf Kreta lebt, erzählt, warum sie Angst hat, bald keine Medikamente mehr für ihren Mann kaufen zu können.

            Zum Artikel

            Pantelis Daveronas, selbständig: „Wir hoffen auf ein besseres Morgen“

            Wie gehen die Athener mit dem eingeschränkten Wirtschaftsleben und dem Referendum um? Ein 34 Jahre alter Grieche erklärt auf FAZ.NET, warum die Menschen trotz des Trubels ruhig bleiben.

            Zum Artikel


          Topmeldungen

          Nach einem ungeregelten Brexit im Oktober könnte Joghurt wegen der erschwerten Einfuhrbedingungen und der möglichen Knappheit Seltenheitswert haben.

          Ungeregelter Brexit : Wenn der Joghurt zum Luxus wird

          Wenn Joghurt zum Luxusgut wird. Das könnte dem Vereinigten Königreich tatsächlich bei einem ungeregeltem Brexit am 31. Oktober passieren. Besonders die britische Milchindustrie fürchtet sich vor kommenden Engpässen.
          Mit virtueller Realität direkt ins Herz der Immigranten – Iñárritus Sechseinhalb-Minuten-Installation in Cannes.

          Künstliches Herz : Organ aus dem 3-D-Drucker

          Forscher konstruieren eine künstliche Herzkammer und Muskelzellen, die synchron schlagen. Noch fehlt Entscheidendes, damit Ersatzorgane aus dem 3-D-Drucker entstehen können.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.