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Referendum in Griechenland : Anleger, bleibt cool!

Die Beerdigung des Euro? Graffiti in Athen Bild: Polaris/laif

Nach dem griechischen Referendum muss niemand in Hektik verfallen. Ein zweites Lehman droht nicht. Wenn, dann kommt die Gefahr aus einer anderen Ecke.

          4 Min.

          Man mag es kaum glauben: Die vergangene Börsenwoche hatte etwas Beruhigendes. Obwohl Griechenland immer mehr aus dem Euro treibt. Das sah man am Montagmorgen, als nach dem Verhandlungsabbruch zwischen Athen und den anderen Euroländern zwei Tage zuvor alles auf einen Grexit hindeutete. Das war dem Dax gerade einmal einen Kursrückgang von rund vier Prozent wert, der sich im weiteren Tagesverlauf reduzierte. Ziemlich wenig für einen vielleicht historischen Moment. Der Eurokurs stieg sogar, die in unruhigen Zeiten immer gefragten Bundesanleihen gewannen nur minimal, das Krisenmetall Gold drehte nach einem kleinen Hüpfer schnell in die Verlustzone.

          Dyrk Scherff
          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ist das also die oft beschworene große Angst der Märkte vor dem Grexit? Es scheint nicht mehr als ein Ängstchen zu sein. Selbst in anderen Europroblemländern wie Spanien, Italien oder Portugal können die Anleger aufatmen. Die Renditen der Anleihen aus diesen Staaten stiegen am Montag nur ein kleines bisschen. Eine befürchtete Ansteckung durch Griechenland ist unwahrscheinlich, die Gefahr einer Kettenreaktion klein. Das beruhigt im Vorfeld der kommenden Woche, die ganz im Fokus des Ausgangs des heutigen griechischen Referendums stehen wird.

          Banken und Versicherer wären von Grexit kaum betroffen

          „Die Anleger haben verstanden, dass ein Grexit keine Katastrophe für die Eurozone wäre“, sagt die Chefvolkswirtin der Helaba, Gertrud Traud. Es bewahrheitet sich also bisher, was Fachleute immer gesagt haben. Die Wirtschaft Griechenlands ist mit knapp zwei Prozent Anteil am Euroraum zu klein, um ihn in die Tiefe zu reißen. Banken und Versicherer wären durch eine Pleite des Landes kaum getroffen, weil die griechischen Anleihen zu einem großen Teil in öffentlicher Hand und griechischen Banken liegen. Und die Europäische Zentralbank (EZB) und die Rettungsfonds der EU stehen bereit, um einzuspringen, wenn die Krise in Griechenland doch auf andere Staaten überspringen würde.

          Bild: F.A.Z.

          Das klang jedoch immer ein bisschen nach einer Beruhigungspille für nervöse Anleger. Viele haben schließlich noch die Lehman-Pleite 2008 im Hinterkopf. Da hieß es vor der Insolvenz der Bank auch, das würde das Finanzsystem verkraften, weil die Bank genauso wie Griechenland zu unbedeutend für große Probleme sei. Es kam anders, die Welt stürzte in eine tiefe Bankenkrise, deren Folgen bis heute andauern. Und die Industrie in eine heftige Rezession.

          Doch die Erwartung ist berechtigt, dass das Lehman-Szenario diesmal nicht zu befürchten ist. Denn 2008 brach der Bankenhandel zusammen, weil sich die Finanzhäuser untereinander nicht mehr vertrauten. Jeder befürchtete faule Kredite bei den anderen Banken, schließlich waren deswegen zuvor schon einige Häuser geschlossen worden. Diesmal ist klar, dass die Banken Griechenland-Papiere nur in ganz kleinem Ausmaß haben. Die meisten besitzen die Staaten, der Rettungsfonds und die Europäische Zentralbank. Sie fallen nicht sofort aus, sondern erst in Jahrzehnten. Die nationalen Haushalte werden also erst mal nicht belastet. Ein Vertrauensverlust wie nach der Lehman-Pleite ist daher nicht zu erwarten.

          Was bei einem „Nein“ oder „Ja“ passieren würde

          Was heißt all das nun für die Anleger in den kommenden Wochen? Es bedeutet: Egal, wie die Abstimmung heute in Griechenland ausfällt, die Anleger müssen nicht in Hektik verfallen. Bei einer Mehrheit für ein „Nein“ müssen sie ihre Aktien nicht verkaufen. Zwar würden dann die Kurse am Montag fallen, weil der Grexit noch wahrscheinlicher wird. Aber die Verluste werden nicht in einen Crash münden und vermutlich rasch wieder aufgeholt. Sie könnten sogar attraktive Kaufpreise hervorbringen. „Fällt der Dax unter 10 000 Punkte, würde ich kaufen“, sagt Traud von der Helaba. Commerzbank-Chefaktienstratege Andreas Hürkamp stockt schon unter 11 000 Punkten auf, also knapp unter dem jetzigen Niveau. Die Vermögensverwaltung der Deutschen Bank würde ab etwa 10 500 Punkten zukaufen.

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