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Alltag in Griechenland : Der Blick durch den Schleier

Der Touristenmagnet Akropolis in Athen Bild: Reuters

Den Griechen wird nur langsam klar, was das Ochi im Referendum für Folgen hat. Derweil leben sie unter einer Art Schleier, irgendwo zwischen Ungewissheit und Unwissen.

          Christos muss immer sein freundlichstes Gesicht aufsetzen. Immerhin ist er Geschäftsführer einer Taverne am Fuße der Akropolis. Das Geschäft hier ist hart, 20 und mehr Restaurants buhlen um Touristen. Da muss immer gelächelt und jeder Wunsch erfüllt werden. Doch Christos hat ein Problem. Seit einigen Tagen kann er einen Wunsch nicht mehr erfüllen. Nämlich den nach der Zahlung mit Kreditkarte. Denn Christos erhält momentan keinen einzigen Cent aus Kreditkartenzahlungen, wie er erzählt. Das Problem schildert er so: Die Banken als Zahlungsabwickler hätten 10 Tage Zeit, um eine Kreditkartenrechnung auf dem Konto gutzuschreiben. Und momentan reizten sie diese Frist voll aus, damit sie zumindest auf dem Papier kurzfristig eine bessere Bilanz haben und Geld auszahlen können. Also bleibt ihm nur, sein breitestes Lächeln aufzusetzen und wortreich zu erklären, warum das im Moment nicht funktioniert – und als Entschädigung vielleicht einen Kaffee oder Ouzo je nach Tageszeit anzubieten. Denn Christos hat Angst, dass er das Geld bei einer Pleite des Landes nie wieder sieht – seine kleine Taverne müsste vielleicht schließen. Er kann es sich nicht erlauben, seine Einnahmen zu riskieren.

          Franz Nestler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Geschichten wie diese sind die ersten Vorboten für das, was Griechenland  in den nächsten Tagen blüht. Das Leben dort fühlt sich momentan so an, als würde man durch einen Schleier sehen. Man erkennt schon Konturen und Schemen, doch genau sieht man die Dinge nicht. Dieser Schleier ist die Ungewissheit. Denn so lange die Staats- und Regierungschefs der Euroländer am Dienstagabend keine grundsätzliche Entscheidung treffen, wie es weitergeht, so lange wird sie weiter über Griechenland liegen.

          Der Schleier liegt auch über der Situation bei Medikamenten. Die Regale sind zwar noch gut gefüllt, doch die Apotheker führen bereits Listen mit Medikamenten, die langsam knapp werden. Darunter zum Beispiel das Epilepsiemedikament Depakine Chrono oder Eliquis, ein Blutgerrinnungshemmer. Noch glaubt Avraam, der solch eine Liste in seiner Apotheke führt, dass sich das schon wieder einrenkt – doch auch darüber liegt ein Schleier, denn Gewissheit darüber hat er nicht. Auch der deutsche Pharmakonzern Fresenius hat bereits angekündigt, zumindest manche Medikamente und Pharmaprodukte nicht mehr nach Griechenland zu liefern. Produkte, zu denen Patienten keine ausreichenden Alternativen haben, liefert der Konzern aber weiter, heißt es. Doch die Frage ist: Wie lange noch? Fresenius hat bereits schlechte Erfahrungen mit Griechenland gemacht. Der Pharmakonzern wurde mangels Geld früher in Staatsanleihen bezahlt – und hat durch den Schuldenschnitt im Jahr 2010 einiges an Geld verloren. Sollte Griechenland offiziell pleite gehen, ist es zumindest fragwürdig, ob der Konzern auch weiter liefern wird.

          Ähnlich sieht es bei den Lebensmitteln aus. Es ist paradox: Eigentlich haben die Bauern in Griechenland gutes Land für ihre Landwirtschaft, auch wenn die Nutzfläche nicht riesig ist. Hervorragender Wein gedeiht hier, Oliven, aber auch Zitrusfrüchte oder Spargel. Doch davon kann man kein Volk ernähren. Deshalb müssen 80 Prozent des Fleisches importiert werden, und die Holländer liefern den Griechen Tomaten. Sollten die Euros ausgehen, werden die ausländischen Lieferanten auch ihre Exporte nach Griechenland einschränken, wenn nicht gar einstellen. Noch sind die Regale gut gefüllt, doch gerade ältere Leute haben aus Angst vor einem Grexit verstärkt Nudeln und Reis eingekauft.

          Das Wechselgeld wird knapp

          Ein stetig wachsendes Problem stellt auch die Versorgung mit Bargeld dar. Immer mehr Geldautomaten sind leer und werden nicht wieder aufgefüllt. Das führt dazu, dass die Schlangen an den funktionierenden Geldautomaten noch länger werden. Manche Griechen gehen sogar schon an Automaten, die nicht direkt an eine Bank angeschlossen sind. Maria, eine Griechin, die in Köln studierte, erklärt: „Lieber bezahle ich die horrende Gebühr als mich lange anzustellen oder den nächsten Automaten zu suchen.“ Wie lange das Bargeld hier noch reichen wird, ist unklar. Manche rechnen bis Mittwoch, andere bis Freitag. Mit großen Scheinen zu zahlen, wird zusehends schwieriger, da es an Wechselgeld mangelt. Viele Tavernen haben lediglich wenige hundert Euro in der Kasse.

          Noch machen hier alle gute Miene zum bösen Spiel. Es herrscht kein Gedränge, die aufgeheizte Stimmung der Tage vor dem Referendum hat sich etwas abgekühlt. Wohl auch, weil kaum einer weiß, wie es hier weiter geht. Man kann nur hoffen, dass keine griechische Tragödie droht, wenn der Schleier endgültig gelüftet wird.

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