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Mythen zur Griechenland-Krise : Mächtige Banker, Geldgier und die Nazis

Straßenszene aus Athen: Wer ist Schuld an der griechischen Tragödie? Darüber kursieren diverse Verschwörungstheorien Bild: AP

Wer hat Schuld an der griechischen Tragödie? Sind es die Investmentbanken – oder liegt es daran, dass Deutschland die Schulden der Nazis nicht zahlt? Erzählungen und Mythen kursieren viele. Hier sind die fünf bekanntesten.

          Mythos 1: Goldman Sachs verfolgt einen geheimen Plan

          Unter den Verschwörungstheorien über die Griechenland-Krise belegt sie zweifellos den ersten Platz: Nicht der arme Grieche, ein Mann wie du und ich, ist schuld an dem Desaster, sondern Goldman Sachs, die mächtigste Investmentbank der Welt. Schon in der Vergangenheit wurde ihr gern unterstellt, mit einer eigenen Öltankerflotte den Weltmarktpreis für Rohöl steigen oder fallen lassen zu können. Und ihr unrühmliches Verhalten bei Häuserwetten vor der Finanzkrise ist aktenkundig.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Passt das nicht alles herrlich zusammen? Schon bevor Griechenland den Euro einführte, bediente sich die damalige griechische Regierung der Experten von Goldman Sachs. Die Investmentbanker konstruierten einen sogenannten Währungs-Swap: Dieses Zins-Tausch-Geschäft erleichterte es der griechischen Regierung, die wahre Höhe der staatlichen Kreditaufnahme und des Haushaltsdefizits für einige Zeit zu verschleiern. Und ausgerechnet Mario Draghi, der Präsident der Europäischen Zentralbank, war früher Vize Präsident bei Goldman Sachs in London - und ist jetzt der oberste Mann für die Griechenrettung in der Europäischen Zentralbank.

          Trotzdem ist die Investmentbank nicht der Schuldige der Krise. „Goldman Sachs hat offenbar kräftig bei der kreativen Buchführung geholfen“, sagt Kai Carstensen, Wirtschaftsprofessor in Kiel. „Aber die Schulden haben die früheren griechischen Regierungen ganz allein angehäuft.“ Und zur Verteidigung Draghis wird auf den zeitlichen Ablauf verwiesen: Der Italiener kam erst Anfang 2002 zu Goldman Sachs - als die umstrittenen Swaps längst abgeschlossen und Griechenland bereits Mitglied im Euro war.

          Mythos 2: Die Banken haben die Hilfen kassiert

          „Die Deutschen sollten wissen, dass sie mit ihrem Geld nicht Griechenland, sondern die Banken gerettet haben“, sagt Griechenlands Finanzminister Giannis Varoufakis. Und Attac hat einmal zusammengetragen, dass von den bis Mitte 2013 nach Griechenland geflossenen knapp 207 Milliarden Euro gut 77 Prozent direkt oder indirekt an den Finanzsektor gingen. Warum? Vor allem, weil Schulden, die Griechenland bei den Banken gemacht hatte, durch andere, von den übrigen Staaten Europas garantierte Kredite ersetzt wurden.

          Die Bank of Greece in Athen.

          Lässt sich daraus folgern, dass die Hilfe nicht den Griechen zugutegekommen ist, sondern nur den Banken? „Das ist nicht ganz richtig, aber auch nicht ganz falsch“, sagt der Mannheimer Ökonom Clemens Fuest. „Es war ein wichtiges Ziel des Hilfsprogramms, eine neuerliche Bankenkrise zu verhindern.“ Man hätte den Banken auch direkt helfen können. Aber davor hatte die Politik angesichts der öffentlichen Kritik an den Bankenrettungen offenbar Angst.

          Bei den Motiven in den Geberländern, Griechenland zu retten, spielte die Angst vor einer Bankenkrise also eine wichtige Rolle. Wenn die Griechen jetzt sagen, Deutschland solle das Ganze nicht zu sehr als einen humanitären Akt darstellen, haben sie nicht ganz unrecht.

          Allerdings: Ganz anders sieht es aus bei der Frage, wie die gewaltigen Schulden denn zusammengekommen sind. Anders als beispielsweise in Irland sind sie keine Folge der Bankenrettung. Der griechische Staat hatte vor der Krise über Jahre mehr ausgegeben als eingenommen. Nach der Finanzkrise schauten Investoren dann kritischer auf alle großen Schuldner - und Griechenland musste drastisch höhere Zinsen zahlen.

          Mythos 3: Deutsche Firmen drängten Griechenland zu neuen Krediten

          Man kennt das von Angeboten für Privatleute: Wenn der Autohändler ein Modell unbedingt verkaufen will, wirbt er mit einem günstigen Kredit zur Finanzierung. Auch Möbelhäuser bieten heute schon an, dass man ein Sofa kaufen kann, ohne vorher einen einzigen Euro in der Tasche zu haben. So ähnlich war das über viele Jahre auch mit der Expansion der deutschen Exportindustrie nach Südeuropa: Mit den Autos, Maschinen oder anderen Dingen wurde immer auch gleich eine Finanzierung angeboten - sei es über Leasing oder über Kredit.

          Kann man daraus schließen, dass Deutschland mit seiner Exportindustrie eine Mitschuld trägt an der übertriebenen Verschuldung der Griechen? Wenn bei uns Privatleute in die Schuldenfalle tappen, fragt man sich schließlich schon manchmal, was sich die Unternehmen dabei gedacht haben mögen, jemandem, der schon hohe Schulden hat, immer noch mehr auf Pump zu verkaufen. War es Deutschland nur wichtig, den Absatz seiner Autos zu steigern - und haben die deutschen Unternehmen dafür die Überschuldung der griechischen Privatleute und Unternehmen sowie des Staates womöglich billigend in Kauf genommen?

          „Der Versuch, den Kreditgeber zum Schuldigen zu stempeln, ist wenig überzeugend“, meint Kai Carstensen, Wirtschaftsprofessor in Kiel. „Immerhin geht es um die Verschuldung eines europäischen Staates und nicht eines in Finanzangelegenheiten überforderten Rentners.“

          Und auch der Ökonom Clemens Fuest meint: „Der deutsche Staat hat in Griechenland keine direkte Politik der Exportfinanzierung betrieben - jedenfalls nicht in einem Umfang, der groß genug wäre, um die griechischen Schulden zu erklären.“ Richtig sei aber an dieser Theorie, dass eine implizite Haftungsgarantie des deutschen Staates für Banken und massive Hilfskredite an überschuldete Staaten dazu geführt hätten, dass unsere Exporte mit unseren eigenen Steuergeldern bezahlt würden. Fuest: „Das muss aufhören!“

          Mythos 4: Deutschland zahlt Schulden der Nazis nicht

          Viele Menschen in Griechenland empören sich über das Thema „Nazi-Zwangsanleihe“. Es geht um einen Kredit von ursprünglich 476 Millionen Reichsmark, der 1942 von den deutschen Besatzern der griechischen Zentralbank abgepresst wurde. Griechenland leitet daraus eine Forderung gegenüber Deutschland in Höhe von 11 Milliarden Euro ab. Diese würde das Land gern mit seinen aktuellen Schulden verrechnen. Die Bundesregierung hingegen ist der Auffassung, dass entsprechende Forderungen nicht mehr bestehen.

          Vormarsch der motorisierten Einheiten der Waffen-SS in Griechenland im Mai 1941.

          Die ganze Sache ist etwas kniffelig, weil das sogenannte Londoner Schuldenabkommen 1953 die endgültige Regelung der deutschen Reparationen auf die Zeit nach Abschluss eines förmlichen Friedensvertrages verschoben hatte. Bei der deutschen Wiedervereinigung später gab es dann keinen solchen förmlichen Vertrag. Die sogenannte „Charta von Paris“ wurde als eine Art Ersatz betrachtet. Es ist nun strittig, ob diese Charta von Griechenland akzeptiert oder nur „zur Kenntnis genommen“ wurde. Unklar ist auch, ob die vom Deutschen Reich anerkannte Anleihe darunterfällt.

          Mythos 5: Die Rüstung hat das Nato-Land ruiniert

          Ein Land, das pleite ist, aber trotzdem noch teure U-Boote bestellt: Das hatte schon gleich zu Beginn der Krise vor fünf Jahren für Schlagzeilen gesorgt. Seither ist die Kritik an den hohen Rüstungsausgaben Griechenlands nicht abgerissen. Dabei wurden gern zwei Schuldige ausgemacht: Die früheren Regierungen in Athen, die sich einen Rüstungswettlauf mit der Türkei lieferten. Aber auch die deutsche Rüstungsindustrie, die sich vor Jahren sogar mit Schmiergeldern Rüstungsaufträge aus Griechenland sicherte.

          Beim Verkauf deutscher U-Boote nach Griechenland soll es in früheren Jahren zu Schmiergeldzahlungen gekommen sein.

          Aber: Welche Rolle spielte die Rüstung wirklich für Griechenlands Schuldenmisere? Sicher ist: Die Rüstungsausgaben in Griechenland lagen in den letzten Jahren bei 2,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts - das ist doppelt so viel wie die deutsche Militärausgabenquote. „Das ist viel, aber nicht so viel, dass man damit die hohen Staatsschulden Griechenlands allein erklären könnte“, meint Clemens Fuest, der Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim. „Das Staatsdefizit lag viele Jahre höher - teilweise bei mehr als zehn Prozent des BIP.“

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