https://www.faz.net/-gqu-80pn2

Mythen zur Griechenland-Krise : Mächtige Banker, Geldgier und die Nazis

Kann man daraus schließen, dass Deutschland mit seiner Exportindustrie eine Mitschuld trägt an der übertriebenen Verschuldung der Griechen? Wenn bei uns Privatleute in die Schuldenfalle tappen, fragt man sich schließlich schon manchmal, was sich die Unternehmen dabei gedacht haben mögen, jemandem, der schon hohe Schulden hat, immer noch mehr auf Pump zu verkaufen. War es Deutschland nur wichtig, den Absatz seiner Autos zu steigern - und haben die deutschen Unternehmen dafür die Überschuldung der griechischen Privatleute und Unternehmen sowie des Staates womöglich billigend in Kauf genommen?

„Der Versuch, den Kreditgeber zum Schuldigen zu stempeln, ist wenig überzeugend“, meint Kai Carstensen, Wirtschaftsprofessor in Kiel. „Immerhin geht es um die Verschuldung eines europäischen Staates und nicht eines in Finanzangelegenheiten überforderten Rentners.“

Und auch der Ökonom Clemens Fuest meint: „Der deutsche Staat hat in Griechenland keine direkte Politik der Exportfinanzierung betrieben - jedenfalls nicht in einem Umfang, der groß genug wäre, um die griechischen Schulden zu erklären.“ Richtig sei aber an dieser Theorie, dass eine implizite Haftungsgarantie des deutschen Staates für Banken und massive Hilfskredite an überschuldete Staaten dazu geführt hätten, dass unsere Exporte mit unseren eigenen Steuergeldern bezahlt würden. Fuest: „Das muss aufhören!“

Mythos 4: Deutschland zahlt Schulden der Nazis nicht

Viele Menschen in Griechenland empören sich über das Thema „Nazi-Zwangsanleihe“. Es geht um einen Kredit von ursprünglich 476 Millionen Reichsmark, der 1942 von den deutschen Besatzern der griechischen Zentralbank abgepresst wurde. Griechenland leitet daraus eine Forderung gegenüber Deutschland in Höhe von 11 Milliarden Euro ab. Diese würde das Land gern mit seinen aktuellen Schulden verrechnen. Die Bundesregierung hingegen ist der Auffassung, dass entsprechende Forderungen nicht mehr bestehen.

Vormarsch der motorisierten Einheiten der Waffen-SS in Griechenland im Mai 1941.

Die ganze Sache ist etwas kniffelig, weil das sogenannte Londoner Schuldenabkommen 1953 die endgültige Regelung der deutschen Reparationen auf die Zeit nach Abschluss eines förmlichen Friedensvertrages verschoben hatte. Bei der deutschen Wiedervereinigung später gab es dann keinen solchen förmlichen Vertrag. Die sogenannte „Charta von Paris“ wurde als eine Art Ersatz betrachtet. Es ist nun strittig, ob diese Charta von Griechenland akzeptiert oder nur „zur Kenntnis genommen“ wurde. Unklar ist auch, ob die vom Deutschen Reich anerkannte Anleihe darunterfällt.

Mythos 5: Die Rüstung hat das Nato-Land ruiniert

Ein Land, das pleite ist, aber trotzdem noch teure U-Boote bestellt: Das hatte schon gleich zu Beginn der Krise vor fünf Jahren für Schlagzeilen gesorgt. Seither ist die Kritik an den hohen Rüstungsausgaben Griechenlands nicht abgerissen. Dabei wurden gern zwei Schuldige ausgemacht: Die früheren Regierungen in Athen, die sich einen Rüstungswettlauf mit der Türkei lieferten. Aber auch die deutsche Rüstungsindustrie, die sich vor Jahren sogar mit Schmiergeldern Rüstungsaufträge aus Griechenland sicherte.

Beim Verkauf deutscher U-Boote nach Griechenland soll es in früheren Jahren zu Schmiergeldzahlungen gekommen sein.

Aber: Welche Rolle spielte die Rüstung wirklich für Griechenlands Schuldenmisere? Sicher ist: Die Rüstungsausgaben in Griechenland lagen in den letzten Jahren bei 2,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts - das ist doppelt so viel wie die deutsche Militärausgabenquote. „Das ist viel, aber nicht so viel, dass man damit die hohen Staatsschulden Griechenlands allein erklären könnte“, meint Clemens Fuest, der Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim. „Das Staatsdefizit lag viele Jahre höher - teilweise bei mehr als zehn Prozent des BIP.“

Weitere Themen

Topmeldungen

Brexit-Debatte : Schottland droht mit neuem Unabhängigkeitsreferendum

Die schottische Ministerpräsidentin Sturgeon hat ein Unabhängigkeitsreferendum für das kommende Jahr angekündigt, sollte es zu einem No-Deal-Brexit kommen. EU-Kommissionspräsident Juncker will konkrete schriftliche Vorschläge von Premierminister Johnson.

Series 5 im Test : Wie gut ist die neue Apple Watch?

Am Freitag kommt die neue Smartwatch von Apple in den Handel. Die dunkle Anzeige im Ruhemodus ist damit Vergangenheit. Das Display der Series 5 ist immer eingeschaltet. Aber es gibt ein Problem.
Ministerpräsident Daniel Günther und Kiels Oberbürgermeister Ulf Kämpfer am Dienstag in Kiel

Einheitsfeier in Kiel : Last und Lust des großen Festes

In Kiel findet das zentrale Fest zum Tag der Deutschen Einheit in diesem Jahr statt. Das ist für Land und Stadt eine große Ehre – aber in der Organisation auch eine Belastung.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.