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Amerikanische Geldpolitik : Ökonomen kritisieren verschobene Zinswende

  • Aktualisiert am

Skeptisch: ZEW-Präsident Clemens Fuest Bild: dpa

Der Verzicht der amerikanischen Notenbank auf eine Zinserhöhung stößt weltweit auf geteiltes Echo. Während vor allem in Schwellenländern wie China die Erleichterung groß ist, kommt aus Deutschland Kritik.

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          Die Verschiebung der Zinswende in den Vereinigten Staaten sorgt für verhaltene Reaktionen. Vor allem Ökonomen in Deutschland sehen die vertagte Zinswende kritisch. Die amerikanische Notenbank sei vom Markt getrieben und riskiere ihre Glaubwürdigkeit, werfen Volkswirte der Fed vor. Beispielhaft für die Meinung vieler steht die Aussage von ZEW-Präsident Clemens Fuest, der die Fed vor einem Verlust der Glaubwürdigkeit warnt:  „Sie kann nicht immer wieder Zinserhöhungen ankündigen und sie dann verschieben", sagte Fuest am Freitag im Deutschlandfunk.

          Die amerikanische Notenbank hatte am Donnerstagabend den Leitzins nahe der Nulllinie belassen und ein geringeres Tempo für Zinserhöhungen im kommenden Jahr angekündigt. Fed-Chefin Janet Yellen begründete die Entscheidung unter anderem mit den von China ausgehenden Finanzmarktturbulenzen und der Wachstumsschwäche in den Schwellenländern. Zudem ist die Inflation in Amerika sehr niedrig - auch eine Folge des Ölpreiseinbruchs. Man fühle sich einfach noch nicht wohl, die Zinsen anzuheben, sagte Yellen sinngemäß.

          Das klingt für viele zu ängstlich, denn die amerikanische Konjunktur wächst solide und der Arbeitsmarkt brummt. Nicht wenige Ökonomen hatten deswegen mit einer ersten, sachten Zinsanhebung nach der weltweiten Finanzkrise gerechnet. Es wäre die erste seit mittlerweile neun Jahren gewesen. Doch daraus wurde nichts, denn Yellen findet für ihre zögerliche Linie in der Notenbank reichlich Unterstützung, der geldpolitisch entscheidende Ausschuss FOMC ist derzeit mit sehr vielen Zentralbankern besetzt, die für eine lockere Geldpolitik eintreten.

          Die Botschaft der amerikanischen Notenbank wurde an den Finanzmärkten verstanden: Die Börsen in Amerika und Europa reagierten verschnupft auf den Pessimismus der Fed. Viele Investoren flüchteten sich lieber in sichere Anlagen wie Staatsanleihen.

          Vor allem die Volkswirte der Banken und Versicherungen scheinen unzufrieden: „Wir hätten uns eine Entscheidung gewünscht, als erstes Zeichen der Hoffnung, dass die Zinswende auch bei uns etwas näher rückt“, erklärte der Präsident des Versicherungswirtschaftsverbands, Alexander Erdland: „Für die Vorsorge-Sparer und langfristigen Kapitalanleger ist es zentral, dass die Geldpolitik der Fed wieder in normales Fahrwasser kommt“.

          Ähnlich enttäuscht klingt auch der Chefvolkswirt der Volksbanken und Raiffeisenbanken, Andreas Bley: „Leider hat die Fed die lange überfällige Leitzinserhöhung noch einmal herausgeschoben. Die Konjunktur hat sich in den Vereinigten Staaten weitgehend normalisiert. Dazu passt kein Leitzins nahe Null." Und der Chefvolkswirt der Liechtensteiner VP Bank, Thomas Gitzel, monierte schließlich: „Die amerikanische Notenbank hat den Finanzmärkten eine erste Zinserhöhung in den vergangenen Monaten schmackhaft gemacht, nun sollte auch serviert werden".

          Minizinsen belasten deutsche Institute erheblich

          Die Niedrigzinsphase setzt Deutschlands Banken und Sparkassen immer stärker zu. Auch die Bankenaufsicht ist besorgt. Vor allem kleinen und mittelgroßen deutschen Banken könnten die Dauer-Niedrigzinsen in den nächsten Jahren deutlich zu schaffen machen. Nach einem Stresstest unter 1500 Banken sehen sich Bafin und Bundesbank 100 bis 200 davon genauer an. Bei einigen könnte im schlimmsten Fall die Kapitaldecke zu dünn sein, um weitere Schocks abzufedern.

          Bundesbank-Vorstand Andreas Dombret mahnt die Banken und Sparkassen daher, sich langfristig auf negative Auswirkungen der Niedrigzinsphase einzustellen. „Die Einflüsse des Niedrigzinsumfelds sind struktureller Natur und werden auch noch nach Jahren Spuren in den Bankbilanzen hinterlassen“, sagte Dombret am Freitag in Frankfurt. Die langfristig niedrige Profitabilität etwa bei Krediten könne die Widerstandsfähigkeit der Banken gefährden.

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