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Der Tourismus lahmt : Rhodos ohne Zukunft

Malerisch: Paulusbucht auf Rhodos bei Lindos. Bild: Picture-Alliance

Die griechische Insel Rhodos galt einmal als Maserati der Tourismusbranche. Heute ist Rhodos bestenfalls ein Kleinwagen. Die Probleme der Hoteliers sind symptomatisch für das Land.

          Eigentlich waren die Tourismusunternehmer auf der griechischen Insel Rhodos in diesem Jahr so optimistisch wie nie zuvor. Sie leben von den Gästen im Sommer. Und endlich sollte es wieder bergauf gehen. Denn die Bilder der Tausenden von Flüchtlingen, die im vergangenen Jahr manche Urlauber von den Inseln im Osten der Ägäis ferngehalten haben, blieben aus. Zugleich werden benachbarte Urlaubsziele wie die Türkei und Ägypten wegen Terrorgefahren gemieden. Doch statt der erwarteten Traumrekorde gibt es nun auf Griechenlands zweitwichtigster Tourismusinsel vor allem lange Gesichter. „Unsere Erwartungen waren kräftig in die Höhe geschnellt“, sagt Andonis Cambourakis, Vorsitzender des Hoteliersverbandes in Rhodos. „Doch die Umstände sind nun doch anders“.

          Tobias Piller

          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.

          Die Gründe? Hausgemacht. Im Frühjahr gab es neue Unsicherheit darüber, ob die griechische Regierung in Athen ähnlich wie im vergangenen Jahr eine Hängepartie mit den Gläubigern riskiert, weshalb plötzlich die Reservierungen ausblieben. Mancher hatte schon in optimistischer Stimmung die Preise erhöht und musste sie kurzfristig noch viel stärker senken, um mit Sonderangeboten sein Hotel zu füllen. Da bleibt kaum noch was übrig. Denn die Auflagen von Griechenlands Gläubigern von 2015 bedeuten in diesem Jahr kräftige Steuererhöhungen.

          Auf den Inseln wurden zusätzlich die früheren Vergünstigungen abgeschafft. Für die Hotels von Rhodos bedeutet dies bei der Mehrwertsteuer einen Sprung von fünf auf dreizehn Prozent, für die Restaurants eine Steigerung von dreizehn auf vierundzwanzig Prozent. Unternehmer und freiberufliche Fachleute stöhnen zugleich über die Einkommensteuer mit Solidaritätszuschlag, die schon von 40.000 Euro Jahreseinkommen mehr als die Hälfte fordert. Die hohen Steuern treffen dabei auf niedrigere Gewinne. Verglichen mit den spanischen Hoteliers und ihrer Mehrwertsteuer von 8 Prozent sei Griechenland nun schwerlich konkurrenzfähig, sagt Andonis Cambourakis. Denn im Moment ist nicht daran zu denken, die gestiegene Mehrwertsteuer auf die Urlauber umzuwälzen.

          „Eine Preiserhöhung nur von einem einzigen Prozentpunkt sorgte früher schon für endlose Diskussionen“ berichtet ein anderer Hotelier. Wer zusätzlich zu den höheren Abgaben auch große Darlehen für sein Hotel abzutragen habe, der lande nun allzu leicht in der Liste der Problemkredite. Die Frage, ob die Hoteliers auf Rhodos Preiserhöhungen durchsetzen könnten, erweist sich als die Nagelprobe für die Insel. Natürlich ist es für die Luxusinsel Santorin mit ihrer Postkartenszenerie von weißen Häusern über einer Steilküste kein Problem, auf die Übernachtungspreise von manchmal mehreren Tausend Euro noch ein paar Prozent von der Mehrwertsteuererhöhung draufzuschlagen. In Rhodos kommt so etwas nicht in Frage. Denn die Insel, die im vergangenen Jahr rund zwei Millionen der vierundzwanzig Millionen Griechenlandurlauber aufnahm, hängt viel zu sehr von den internationalen Reiseveranstaltern ab, aus der Sicht der Hoteliers „die eigentlichen Herren der Insel“.

          „Harter Wettbewerb“

          Zu denen gehört George Michalakis, der auf Rhodos eine Vielzahl von Veranstaltern vertritt, unter anderem Thomas Cook, und jährlich so mehr als 400.000 Urlauber auf der Insel betreut. „In den Segmenten der günstigen Preisen gibt es harten Wettbewerb“, sagt Michalakis. Sein Kollege Yiannis Kampouris, der 220.000 Touristen betreut, unter anderem für die deutsche Alltours, urteilt, die Insel könne sich im Moment keine höheren Preisforderungen leisten. „Rhodos muss eine Menge Betten füllen, insgesamt rund 150.000“, sagt Kampouris. Die Hotels seien im August ausgebucht. Aber trotzdem dürfe Rhodos nicht an der Preisschraube drehen. Einige Hotels könnten vielleicht im kommenden Jahr Steigerungen von zwei Prozent erreichen, andere Anbieter aber nicht einmal das.

          So geht der Reisemarkt mit Urlaubszielen um, die austauschbar sind. Die Griechen gestehen sich das nicht gerne ein, oder sie nehmen ihr Problem nicht einmal richtig wahr. Gerade Rhodos sah sich in der Vergangenheit zu Höherem berufen. Denn dort hatten von 1912 bis 1942 die Italiener als Kolonialherren regiert und für damalige Verhältnisse luxuriöse Hotels hinterlassen. Die gehörten während der fünfziger Jahre zu den wenigen Anlaufstationen, die Griechenland für Jet-Setter wie Giovanni Agnelli bieten konnte. Viele Rhodier sahen ihre Insel damals noch als einen „Maserati“ der Tourismusbranche, während heute mancher Reiseveranstalter die gleiche Insel mit Automarken wie „Opel“ oder „Ford“ vergleicht.

          Für John Fotis aus Rhodos, der an englischen Universitäten Marketing lehrt, ist das Phänomen schnell erklärt: Rhodos werde wie viele Ziele in Griechenland doch nur mit „Sonne und Meer“ identifiziert. „,Sun and Sea’ ist ein einfaches Produkt und wir Griechen mögen es gerne einfach. Doch damit kann man am wenigsten Geld verdienen. Und wenn wir weiter in diesem Marktsegment bleiben, bin ich nicht optimistisch“, sagt Fotis. Im ökonomischen Produkt-Lebenszyklus der Reiseziele sei Rhodos schon ziemlich „reif“, eine diplomatische Umschreibung von „eher etwas älter“. So ein Ort könne nur noch wenig Zuwachs erzielen oder müsse sich eben neu erfinden.

          Nicht nur Meer und Sonne

          Eigentlich habe Rhodos auch viel mehr zu bieten als Meer und Sonne, sagt Kostas Konstantinidis, Eigner von drei Fünfsterne-Hotels unter dem Markenlogo „Atrium“ und stellvertretender Vorsitzender des nationalen griechischen Verbandes für die Tourismuswirtschaft Sete. Die Insel habe eine mittelalterliche Hauptstadt aus der Zeit der Kreuzritter, anerkannt als ein Teil des Weltkulturerbes. Zugleich ist die Insel groß genug, um mit Landwirtschaft und Weinbau authentische griechische Küche aus lokalen Zutaten zu bieten. Es gibt Archäologie, ein Tal mit Hunderttausenden von Schmetterlingen, Wandermöglichkeiten und Surferparadiese. Nur für Yachtbesitzer ist die Insel nicht so richtig vorbereitet.

          Hotelier Konstantinidis, ein Perfektionist, der die morgendliche Internetlektüre bei Tripadvisor und Holidaycheck beginnt, und zugleich gelernter Architekt, der sich in den eigenen Hotelanlagen um jedes Detail kümmert, blickt selbst manchmal mit Abscheu auf die Bausünden, die über seine Insel verstreut sind. „Es gab hier keinen Entwicklungsplan“, sagt Konstantinidis. Die Insel spiegelt wieder, dass während der achtziger Jahre der damalige sozialistische und populistische Ministerpräsident Andreas Papandreou jedem einen Zuschuss versprach, der irgendwo auf einem Familiengrundstück ein Hotel bauen wollte. Entsprechend zersiedelt ist die Insel an manchen Stellen. Dazu passen dann auch die vielen halbfertigen Häuser in der Landschaft. Aus der Sicht von Konstantinidis ist die Insel, mit 120.000 Einwohnern, 1400 Quadratkilometern Fläche und 400 Kilometern Küste dennoch nur zu einem ganz kleinen Teil zugebaut und bietet noch genügend Möglichkeiten für die weitere Entwicklung.

          Doch genau da mangelt es. Man müsste natürlich erst einmal Schwerpunkte setzen und dann ein Profil als Premiumprodukt entwickeln. Seit langer Zeit denkt aber niemand daran, dazu eine Entscheidung zu treffen. „Das Prinzip ‚Von allem ein wenig’ bringt kein Profil für die Zukunft und lässt die Insel auch in Zukunft in der Hand der Reiseveranstalter“, sagt Georgios Matsigkos, Vorsitzender der Vereinigung von Hotelmanagern und Geschäftsführer der Atrium-Hotels. Matsigkos predigt „Qualität“ für das Reiseziel Rhodos. Doch offenbar wollen nicht alle Veränderungen und strategische Entscheidungen. „Ein Bürgermeister kann doch nicht diktieren, wohin die Richtung geht, er soll sich um die Wasserversorgung und um die Straßen kümmern“, sagt Yiannis Kampouris, ein Statthalter der Reiseveranstalter. Wahrscheinlich gehören zu den Bremsern bei der Erneuerung auch Inhaber älterer Hotels, vielleicht auch der Präsident des Hotelierverbandes selbst. Er hat einen Hotelkasten mit Kongresszentrum aus den siebziger Jahren, und der würde noch älter wirken, wenn sich die Insel grundlegend erneuert.

          Tourismus als große Entwicklungschance für Griechenland

          Regionalgouverneur George Hatzimarkos, verantwortlich für fünfzig Inseln der Region „Südliche Ägäis“ sieht den Tourismus als große Entwicklungschance für Griechenland. Doch könne er sich nicht um die Strategie jeder einzelnen Insel kümmern, sagt Hatzimarkos. Er sucht Fördergelder in Brüssel und hofft dazu auch, dass die südliche Ägäis im Jahr 2019 die Rolle der „Europäischen Gastronomieregion“ erhalte. Bisher gebe es dort noch keinen einzigen Michelinstern, sagt Hatzimarkos. Von Begeisterung und Unterstützung der Hoteliers für solche einen strategischen Schwerpunkt ist allerdings wenig zu spüren.

          In der Zeit der strategischen Orientierungslosigkeit haben manche trotzdem ihre Nische gefunden. Alexandros Passalis zum Beispiel, der in der Nähe des Flughafens das Hotel „Alex Beach“ für Familien mit Kindern und Surfer betreibt. Der Besuch mit den Kindern im angrenzenden Gemüsefeld gehört für ihn ebenso zum Programm wie die Verkostung von selbst hergestelltem Olivenöl mit den erwachsenen Gästen. Im Tui-Katalog bekommt er damit nicht nur gute Noten, sondern ein ganz außergewöhnliches Profil. Dagegen diversifizierte der ehemalige Bauunternehmer Dimitris Kalioudakis mit Erfolg ins luxuriöse Segment des Marktes und erntet dafür Anerkennung bei seinen Kollegen. In sein Hotel „Lindos Blu“ nimmt er keine Kinder auf, damit die erwachsenen Gäste nicht gestört werden.

          Würde er weiter in den Tourismus von Rhodos investieren? „Nicht bei diesen Steuern“, sagt Kalioudakis. Der gelegentlich extrem links orientierten Regierung von Ministerpräsident Alexis Tsipras traut ohnehin kein Investor. Was passieren kann, hat kürzlich der kommunistische und wirtschaftsfeindliche Kulturminister Aristidis Baltas vorgeführt. Obwohl Griechenland im wirtschaftlichen Stillstand Investitionen braucht, blockierte er auf Rhodos das bereits genehmigtes Projekt für „Afantou Beach“ mit sieben Hotels und einem Golfplatz, indem er die gesamte Gegend grundlos zu einer Stätte der Archäologie erklärte. Auch Kostas Konstantinidis würde gerne für seine Atrium-Gruppe ein luxuriöses Boutique-Hotel bauen, wartet aber erst einmal ab. „Rhodos ist wie ein hübsches Schiff“, sagt er, „auf dem es zwar keinen Kapitän gibt, kein Ziel für die Fahrt, aber Streit um das Menü des Bordrestaurants.“

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