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Griechenland-Krise : Wir schlafwandeln nicht!

  • -Aktualisiert am

Tsipras bei seinem Besuch im EU-Parlament in Straßburg: Verhandeln bis zum Umfallen. Bild: AP

Die griechische Regierung nennt ihr Handeln demokratisch. Dabei gefährdet sie mit ihrer nationalistischen Politik die Demokratie und die Idee des geeinten Europa. Wer diese Lage mit der von 1914 gleichsetzt, hat von Geschichte keine Ahnung.

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          Als Historiker hegte man die Hoffnung, dass der Jahresbeginn 2015 endlich den gleichermaßen beliebten wie hohlen Vergleichen zwischen 2014 und 1914 ein Ende bereitet hätte. Nichts gegen Vergleiche. Aber wenn dieser Vergleich eine Erkenntnis recht unmittelbar ins Bewusstsein springen ließ, dann: Wir lebten 2014 und leben 2015 in einer so gänzlich anderen Welt als 1914, dass die Berufung auf zahlenmystische „hundert Jahre zuvor“ jenseits merkwürdig morbider Freude am naiven Spiel mit Jahreszahlen vor allem einen überragenden Erkenntnisgewinn zeitigt: Man sollte solche Vergleiche lassen.

          Aus der Historikerperspektive kann man angesichts der gegenwärtigen Diskussion um die Zukunft Europas einige banale Fakten in Erinnerung rufen. Wenn europäische Politiker zurzeit eine Lösung für die von Griechenland forcierte Krise der Europäischen Union suchen, sind keineswegs, wie bisweilen als historische Anspielung vernehmbar, „Schlafwandler“ oder Hasardeure am Werk, die Europa an den Abgrund fahren, sondern ganz überwiegend rational orientierte Politiker, die bis an den Rand der Selbstaufgabe versucht haben, Kompromisse zu finden, mit denen die griechische Regierung im Boot der Euro-Länder gehalten werden sollte.

          Diese Form des „Deal“-Suchens um fast jeden Preis mit Sondertreffen, Nachtsitzungen, letzten Chancen, allerletzten Chancen und ultimativ allerletzten Chancen – das alles ist zwar nicht Alltag, aber doch eingespielte, fast ritualisierte Verhandlungsmethodik, wenn es um die Fragen der europäischen Zukunft geht.

          Selbstverständlich für viele Europäer

          Dieses Verhandeln im eigenen Interesse mit Blick auf das grundsätzlich anerkannte europäische Ganze ist politisch, kulturell und atmosphärisch etwas substantiell vollkommen anderes als die vor allem militärstrategisch und machtideologisch formierte Mächtekonkurrenz vor 1914.

          Heute geht es um Geld, viel Geld – und das mag manchem EU-Skeptiker genug sein, um seine Ablehnung des ganzen Aushandlungsprozesses zu begründen. Historisch ist eine solche Haltung allerdings höchst uninformiert. Verhandeln bis zum Umfallen ist eine ritualisierte Leistung, mit der man zeigt, dass man es ernst – und friedlich – meint. Keine europäische Regierung käme auf den Gedanken, in solchen Aushandlungsprozessen mit dem militärischen Säbel zu rasseln.

          Dass mehr als dreihundert Millionen Europäer solches für selbstverständlich nehmen, sollte an sich schon Grund historisch informierter Dankbarkeit dafür sein, dass sich nach den beiden Weltkriegen eine neue Kultur des europäischen Zusammenlebens entwickelt hat. Wer jetzt sagt, das klinge doch allzu sehr nach Sonntagsreden, der sollte in die Geschichtsbücher zum Europa der Jahrhunderte zuvor blicken.

          Griechische Ignoranz

          Wenn wir also feststellen, dass die Praxis der europäischen Aushandlungsprozesse im jahrzehntelangen Lerneffekt eine Kultur der nichtmilitärischen und kompromissorientierten Ergebnissuche hat entstehen lassen, dann sollten wir, historisch informiert, diese Kultur unbedingt verteidigen. Dazu gehört auch, dass alle Beteiligten den Willen zeigen, die Regeln dieser Kultur jenseits nationaler Egoismen zu akzeptieren, sie grundsätzlich erhalten zu wollen.

          Klopfte starke Sprüche auch noch bei seinem Abgang als Finanzminister: Giannis Varoufakis

          Die Verhandlungstaktik der griechischen Regierung, soweit man sie als rationale Taktik innerhalb dieser europäischen Kultur überhaupt identifizieren kann, bewegt sich konfrontativ gegen das historische Erfahrungswissen. Es sind Tsipras und einige seiner Minister, es sind Syriza und ihre Koalitionspartner von rechtsaußen, die eine nationalistische Politik betreiben und nach innen demagogisch reden, während sie von außen Entgegenkommen fordern.

          Die Summe aller Handlungen der griechischen Regierung signalisiert vor allem eines: Sie ignoriert offensichtlich bewusst diese über Jahrzehnte entwickelten Kulturprozesse des allseitigen Aushandelns. Darüber ehrlich zu sprechen ist notwendiges Element europäischer Selbstvergewisserung.

          Historische Verantwortung

          Das heißt zugleich: Geschichtsvergessen und historisch lernresistent sind allenfalls diejenigen, die meinen, nationalistische Kirchturmpolitik als Maxime einer Regierungspolitik in der globalisierten Welt des 21.Jahrhunderts betreiben zu können. Ob dies in bewusster Ignoranz gegenüber der gewachsenen Kultur des europäisch orientierten Kompromisses geschieht oder mit der Absicht, diese Kultur zu zerstören, läuft auf dasselbe hinaus. Mehrheitsentscheidungen der Finanzminister und ihrer Regierungen, sich keinen Kulturwandel hin zum antieuropäischen Nationalegoismus aufzwingen zu lassen, sind das Gegenteil von Schlafwandelei.

          Das bedeutet: Griechenland seinen regierungsamtlich und per Referendum gewählten Weg gehen zu lassen stärkt das europäische Projekt. Griechenland um jeden Preis halten zu wollen birgt dagegen die Gefahr, das ohnehin häufig als Elitenprodukt verunglimpfte europäische Projekt selbst in den Augen seiner loyalsten Anhänger zu delegitimieren. Die konsternierten Reaktionen der kleinen, durch schmerzhafte Reformen gesundeten EU-Staaten zeigen diese historische Rationalität und sind ein ernstes Signal, nicht weiterhin Glaubwürdigkeit zu verspielen.

          Für die EU insgesamt geht es um historische Verantwortung. Sie muss sich gegen nationalistischen Populismus stellen, der, wenn er einmal Erfolg hat, die Fundamente der über siebzig Jahre mühsam geschaffenen Kultur des europäischen Projekts zu unterspülen droht.

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