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Griechenland : Erst mal kommen lassen

Griechenlands Finanzminister Yanis Varoufakis Bild: dpa

Griechenland macht sich in halb Europa unbeliebt. Und Angela Merkel wartet ab. Das ist die richtige Strategie: Griechenland darf sich auch mal mit anderen Ländern zerstreiten.

          Es klingt wie so ein typischer Merkel-Satz. Erst mal nicht festlegen, erst mal gar nichts machen. „Wir warten jetzt erst einmal ab, mit welchem Konzept die neue griechische Regierung genau auf uns zukommen wird“, hat sie in einem Interview mit dem „Hamburger Abendblatt“ gesagt, das am Samstagmorgen erschien. Einfach mal die Position halten, einfach mal nichts tun. Dabei könnte das genau die richtige Antwort sein auf Griechenlands Crash-Kurs.

          Die neue Regierung von Alexis Tsipras macht sich gerade im Ausland unbeliebt, wo sie nur kann. Der Verteidigungsminister überfliegt unbewohnte Inseln und provoziert die türkische Luftwaffe damit derart, dass sie Jagdflieger aufsteigen lässt. Der Außenminister hält neue europäische Sanktionen gegen Russland auf - das könnte vor allem Polen stören, das immer eine härtere Gangart gegenüber Russland gefordert hat. Und der griechische Finanzminister kündigt die Zusammenarbeit mit den Reformkontrolleuren aus der „Troika“ auf, während der Vorsitzende der Euro-Finanzminister, Jeroen Dijsselbloem, neben ihm auf dem Podium sitzt - der kann nur sauer gucken. Griechenlands verbliebene private Kreditgeber verkaufen ihre Anleihen.

          Und was macht Angela Merkel? Sie trifft sich am Freitag zum Abendessen mit dem französischen Präsidenten. Am Montag fährt sie erst mal nach Ungarn. Gut so.

          In den vergangenen Jahren ist Deutschland in Griechenland zum Symbol für die verhasste Sparpolitik geworden. Da ist es ganz gut, wenn Griechenlands neue Regierung jetzt erst mal nicht mit Deutschland zusammenstößt - sondern wenn sie sich noch ein paar Gegner zusätzlich macht.

          Und das ist nicht unwahrscheinlich. Schon in der kommenden Woche könnten Ministerpräsident Alexis Tsipras und Finanzminister Yannis Varoufakis feststellen, dass ihre Ideen in Europa auf wenig Gegenliebe stoßen. Vor lauter Gesprächsbedarf hat Varoufakis schon mal seinen Besuch in Paris auf Sonntag vorgezogen. Ministerpräsident Tsipras selbst plant eine Roadshow durch Südeuropa. Und wird dort möglicherweise zu hören bekommen, dass auch die anderen südeuropäischen Regierungschefs einem Schuldenerlass skeptisch gegenüberstehen - auch sie wollen ihr Geld nicht verlieren.

          Wenn jetzt einmal nicht Deutschland im Zentrum steht, dann ist das nicht nur gut für Deutschlands Ansehen in Griechenland. Es hilft wahrscheinlich auch dabei, eine Lösung zu finden. Oft sind die andere Euro-Staaten mit ihrem Widerstand gegen die Rettungspolitik nämlich im Schatten Deutschlands verschwunden. Wenn aber deutlich wird, dass Deutschland mit seinen Positionen nicht alleine steht. Wenn deutlich wird, dass Deutschland nicht das einzelne verirrte Land ist, sondern dass mehrere Regierungen ähnliche Positionen haben - dann könnten auch die griechische Regierung und ihre Wähler ein bisschen eher über ihren Kurs nachdenken.

          Es ist wie auf der Straße: Wenn ein Auto mit hoher Geschwindigkeit entgegenkommt, am besten einfach mal an die Seite fahren und stehenbleiben.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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