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Deutsche Sicht auf die Krise : Hört endlich auf mit dem Griechen-Bashing!

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In jeder Straße eine andere Handwerkskunst: Blick auf das abendliche Athen. Bild: AFP

Vinzenz Brinkmann ist Archäologe, hat eine Wohnung in Athens Anarchistenviertel – und liebt die Menschen dort. Er erzählt, was er am Leben in Griechenland schätzt. Ein Gastbeitrag.

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          Meine Frau und ich waren schon ein Jahr auf der Suche gewesen, als wir im Juli des vergangenen Jahres mit dick gefüllten Taschen bei einer Athener Notarin saßen, um eine kleine Wohnung im Studenten-, Künstler- und Anarchistenviertel (Exarchia) der griechischen Hauptstadt zu erwerben. Das Geld für die Immobilie, aber auch die Beträge für Notar, Rechtsanwalt, Makler, Grunderwerbsteuer mussten wir bei diesem Treffen bar entrichten.

          Um Missverständnisse zu vermeiden: Die vollständige Summe war zuvor von unserer deutschen Bank auf unser griechisches Konto eingezahlt worden und am Morgen des Notartermins von uns abgehoben worden. Dieser Prozess wird vom griechischen Gesetzgeber zur Vermeidung von illegaler Geldwäsche eingefordert.

          Es vergingen einige Wochen – wir hatten inzwischen ein Bett, Kafenionstühle und Kafeniontische besorgt und die doch verhältnismäßig große Terrasse der neuen Wohnung genossen – da erreicht uns via E-Mail eine Pressenachricht aus Kassel mit dem Titel: „Von Athen lernen“. Als Altertumswissenschaftler denkt man da unwillkürlich an Pheidias und Platon, aber nein: Adam Szymczyk, Kurator der Documenta XIV, wird 2017 zunächst in Athen starten, um erst später in Kassel zu eröffnen.

          Wo Handwerker keine Pause kennen

          Athen erscheint Szymczyk modellhaft in Bezug auf den Umgang mit brennenden sozialen Problemen, und zwar nicht irgendwelchen hausgemachten griechischen Problemen, sondern jenen Verwerfungen, die in einem globalen Kontext stehen.

          Die Geschäfte im Herzen der alten Stadt Athen verfügen über alles, was man für die Einrichtung einer Wohnung benötigt. Ganze Straßenzüge sind monothematisch geordnet: Da folgt ein Laden mit Möbelbeschlägen dem nächsten. Und die Geschäfte mit Farben und Pinseln liegen direkt nebeneinander. Auf diese Weise findet man das gesuchte Produkt in Windeseile und kann sicher sein, einen günstigen Preis zu erhalten.

          Handwerker sind beinahe rund um die Uhr tätig. Auf das Telefonat folgt noch am gleichen Tag der erste Besuch. Wenn man darum bittet, werden tatsächlich alle Arbeiten, sei es der neue Tisch vom Schreiner, dessen Marmorplatte vom Marmaras oder die reparierten Eisentüren des Wintergartens vom Schmied, innerhalb von fünf Tagen erledigt, und zwar zur Freude aller Beteiligten noch in echter Handwerksmanier.

          Keine Grenze zur EU

          Während der Arbeiten in der Wohnung führt man angeregte Gespräche über die politische Lage des Landes. Voreilige Parolen sind da nicht zu hören. Manchmal eine Enttäuschung über das Griechenland-Bashing der deutschen Medien. Denn: Wenn die Leute hier in Griechenland etwas nicht sind, dann faul!

          Immer häufiger erhält man eine offizielle Rechnung mit ausgewiesener Mehrwertsteuer: 13 Prozent für Reparaturen und (gefühlt unverschämte) 23 Prozent für Neuwaren. Bei 23 Prozent erwischt man sich selbst bei dem Gedanken, diese finanzielle Last zu umschiffen.

          Alle kämpfen augenblicklich für den Verbleib Griechenlands im Euro. Die Einführung des Euros hatte jedoch zunächst große Verwerfungen für den griechischen Markt gebracht. Das Land besitzt nicht eine einzige gemeinsame Grenze mit einem Europartner. Die Nachbarländer, aber auch jene Staaten, zu denen es aufgrund der Geschichte enge Beziehungen gab oder gibt (hierzu gehört auch die Türkei) arbeiten vielmehr mit weichen Währungen.

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