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Griechenland in der Schuldenkrise : Vorbereitung auf den Staatsbankrott

Nervosität im Eurotower: Die Europäische Zentralbank hat für 76,5 Milliarden Euro Staatsanleihen aus Südeuropa aufgekauft Bild: Frank Röth

Die Rettung Griechenlands hat nicht funktioniert. Jetzt sollen die Kreditgeber verzichten. Aber möglichst ohne viel Aufsehen. Wie kann es also weitergehen?

          4 Min.

          Es ist das alte Spiel: Ein griechischer Politiker prescht mit der Botschaft vor, diesmal der Vizepremier. Auf dem Fernsehsender Skai spekulierte der Mann am Dienstag darüber, dass Griechenland einen Schuldenaufschub benötigen könnte. Damit war die Nachricht in der Welt. Dann wartet die Regierung ab, wie die Finanzmärkte reagieren. Und dementiert alles am nächsten Tag als Versehen: „Ein Lapsus“.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Doch das war kein Versprecher, das war ein Versuchsballon. Nach einem Jahr voller Rettungsaktionen kennt man die paradoxen Mechanismen der Rettungsrhetorik: Gerade wenn die nächste Rettungsaktion unmittelbar bevorsteht, müssen die Politiker in Athen, Brüssel und Berlin am lautesten dementieren.

          Diesmal geht es um mehr als weitere Kredite und Garantien. Die Griechen haben schließlich schon ein 110 Milliarden Euro schweres Hilfspaket erhalten und ein Jahr gespart wie verrückt. Aber es hat alles nichts genützt. Die Staatsverschuldung steigt immer weiter. Bis 2014 wird sie sogar 165 Prozent des jährlichen Bruttoinlandsprodukts erreichen (siehe Grafik). Das ist erdrückend. „Ohne Hilfe von außen bekommen die Griechen die Situation nicht stabilisiert“, sagt Jörg Krämer, der Chefvolkswirt der Commerzbank.

          Es geht für Europas Finanzpolitiker jetzt um nichts Geringeres als einen „Plan B“ für Griechenland. Was macht Europa, wenn die Griechen ihre Schuldenlast nicht mehr stemmen können, obwohl sie ihr Sparprogramm absolvieren? Wie löst man das Kernproblem der Euro-Schuldenkrise: Wie können die Staatsschulden verschwinden?

          Die Griechen brauchen ein Wunder

          Die Rettungsaktionen der ersten Runde hatten schließlich eine gegenteilige Wirkung. Der hohe Schuldenberg von Ländern wie Griechenland wurde um weitere Schulden ergänzt - Schulden bei anderen Staaten und dem Internationalen Währungsfonds. Die Zinsbelastung wurde so immer höher, weil neue Anleihen nur zu höheren Zinsen aufgenommen werden konnten als ihre Vorläufer.

          Wollen die Griechen jetzt den Staatsbankrott verhindern, müssen sie ein Wunder schaffen. „Griechenland hat nur ein Drittel der notwendigen Konsolidierung geschafft“, sagt Krämer. Das Land müsste sein Defizit noch einmal doppelt so stark reduzieren wie im vorigen Jahr. „Das dürfte politisch schwer zu machen sein.“

          Kommt es aber früher oder später ohnehin zu einer Pleite Griechenlands, dann spricht vieles dafür, die Entscheidung nicht aufzuschieben. Je länger man nämlich wartet, desto teurer wird der Staatsbankrott. Schließlich steigt der Schuldenberg weiter. Obwohl Griechenland sein Haushaltsdefizit verkleinert hat - von gut 15 auf weniger als zehn Prozent -, wird das Land in den nächsten Jahren weit davon entfernt sein, Schulden abzutragen. Je länger man wartet, desto größere Abstriche müssten die Gläubiger bei einer Umschuldung machen, um Griechenland wieder auf eine tragbare Schuldenlast zu bringen. Als akzeptabel gelten etwa 80 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung.

          Die Banken erpressen die Politiker

          Will Europa den Kern des Problems angehen, muss der hohe Schuldenberg reduziert werden. Vermutlich müsste er „etwa halbiert“ werden, meinen Ökonomen wie der amerikanische Nobelpreisträger Paul Krugman.

          Dazu können Erfahrungen mit anderen Staatspleiten aus den achtziger und neunziger Jahren helfen - und Erfahrungen mit Unternehmensinsolvenzen. „Wenn ein Unternehmen pleitegeht“, sagt der Stuttgarter Wirtschaftsprofessor Hans-Peter Burghof, „kann man wählen zwischen Gesprächen mit den Gläubigern oder Liquidation.“ Liquidieren, also auflösen und ausschlachten, scheidet bei einem Staat aus - auch wenn nach der Staatspleite von Argentinien mal Flugzeuge des Landes im Ausland von Gläubigern gepfändet wurden.

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