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Griechenland : Die Finanzmärkte spekulieren auf eine Staatspleite

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Griechenland muss am 19. Mai 8,5 Milliarden Euro für eine fällige Anleihe aufbringen. Doch selbst bei einem rechtzeitigen Eintreffen der Hilfskredite ist fraglich, ob eine Umschuldung der griechischen Staatsschulden noch zu vermeiden ist. Für die griechischen Banken steht dabei viel auf dem Spiel.

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          Die griechische Schuldenkrise hat sich am Montag weiter verschärft. Selbst zu ungewöhnlich hohen Kursabschlägen von mehr als 4 Prozent seien nur wenige Investoren zum Kauf von griechischen Staatsanleihen bereit gewesen, berichteten Händler. Die Rendite zweijähriger griechischer Titel stieg um 3 Prozentpunkte auf 13 Prozent. Zuletzt war sie im Jahr 1998 – noch zu Zeiten der Drachme und vor der Einführung des Euro – so hoch.

          Rainer Hermann
          Redakteur in der Politik.

          Zugleich verschlechterten sich auch die Finanzierungsbedingungen für andere finanzschwache Euro-Mitglieder, weil viele Investoren ein Übergreifen der Schuldenkrise fürchten. Betroffen ist vor allem Portugal. Die portugiesische Staatsverschuldung steigt ähnlich schnell wie die griechische. Außerdem haben beide Länder ähnlich hohe Leistungsbilanzdefizite; sie führen also viel mehr Güter und Dienstleistungen ein als sie ausführen. Die Rendite zweijähriger portugiesischer Staatsanleihen erhöhte sich am Montag um 0,66 Punkte auf 3,6 Prozent. Ähnlich hoch war der Anstieg für irische Anleihen auf 2,8 Prozent, während sich italienische und spanische Schuldtitel besser hielten. Der Euro verlor nur geringfügig an Wert und die Aktienmärkte setzten ihre seit Frühjahr vergangenen Jahres dauernde Hausse fort.

          Die Verunsicherung der Anleger konzentrierte sich also weitgehend auf den Markt für griechische Anleihen. Händler berichteten, die Sorge, dass sich die von den Euro-Staaten und dem Internationalen Währungsfonds in Aussicht gestellten finanziellen Hilfen verzögern könnten, hätte die Anleger beunruhigt. Sie misstrauten Äußerungen des griechischen Finanzministers George Papaconstantinou, der am Wochenende behauptet hatte, Überbrückungskredite ständen bereit. Griechenland muss am 19. Mai 8,5 Milliarden Euro für eine fällige Anleihe aufbringen und zudem das laufende Defizit des Staatshaushalts von monatlich rund 2 Milliarden Euro finanzieren. Zudem seien die Kursschwankungen in den vergangenen Tagen so hoch gewesen, dass viele institutionelle Investoren wie Pensionsfonds, Banken oder Versicherer aus Gründen der Risikosteuerung nicht in griechische Anleihen investieren dürften, selbst wenn sie an eine Rückzahlung der Schulden glaubten. Obendrein verdichtete sich wegen mehrerer Analystenberichte die Spekulation, dass eine Umschuldung der griechischen Schulden selbst bei einem rechtzeitigen Eintreffen der Hilfskredite nicht zu vermeiden sei.

          Käme es zu einem solchen Schuldenschnitt, wäre die Stabilität des griechischen Bankensystems unmittelbar gefährdet. Die vier größten Geschäftsbanken halten griechische Staatsanleihen im Wert von 40 Milliarden Euro. Dem steht ein Eigenkapital von nur 25 Milliarden Euro gegenüber. Gemessen im Verhältnis zum Eigenkapital entfällt das größte Engagement auf die EFG Eurobank. Sie hält griechische Staatsanleihen im Wert von 12 Milliarden Euro, was 189 Prozent ihres Eigenkapitals entspricht. Am 7. April hatten die vier Banken bei der Regierung die zweite Tranche von 15 Milliarden Euro des Bankenrettungspakets vom November 2008 beantragt. Neben der EFG Eurobank benötigen die National Bank of Greece, die Piraeus Bank und die Alphabank, die in diesem Jahr ihr zuvor niedriges Engagement aufgestockt hat, frische Liquidität.

          Mit einem Abschlag auf griechische Staatsanleihen rechnet der Kölner Vermögensverwalter Bert Floßbach nach seiner Rückkehr aus Griechenland. Aufgrund der hohen Gesamtverschuldung und des hohen Zinssatzes habe eine Rettungsaktion nur mit einer Umschuldung Chance auf Erfolg.

          Die Muttergesellschaft der EFG Eurobank, die European Financial Group (EFG) SA des griechischen Reeders Spiros Latsis, hatte im vierten Quartal 2009 den Sitz von Genf nach Luxemburg verlegt. Im gleichen Quartal gingen in der Statistik der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) die Forderungen der Schweizer Banken an private und öffentliche Schuldner in Griechenland um 60 Milliarden Euro zurück, das entspricht einem Fünftel aller gehandelten griechischen Staatsanleihen von 305 Milliarden Euro. Mutmaßlich füllen die Verwaltung von Staatsanleihen für Dritte durch andere Tochtergesellschaften der EFG Group und Unternehmensanleihen die Differenz zu den 12 Milliarden Euro der Eurobank.

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