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Griechenland : Der lange Weg in die Überschuldung

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In der antiken Mythologie musste Sisyphos einen Stein einen steilen Hang hinaufrollen. Kurz vor dem Ziel rollte der Stein immer wieder zurück. Bild: Bernd Helfert

Die Griechenland-Krise brach 2010 aus. Die Politik wollte damals von einer Umschuldung nichts wissen, sondern hoffte, das Land werde auf den rechten Weg zurückfinden. Dieser Traum ist ausgeträumt.

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          Es ist leicht, über der Krise Griechenlands zu verzweifeln. Aber wer sich vor Augen führt, dass vor genau eineinhalb Jahren - und dann auch nur zögernd - ein erstes Hilfspaket von 30 Milliarden Euro für Griechenland geschnürt wurde, erkennt, dass Politik und Banken mittlerweile auf allen Seiten ernster und reformwilliger an einer dauerhaften Lösung der Schuldenkrise verhandeln.

          Der Zeitpunkt, zu dem nunmehr eine handfeste Umschuldung Griechenlands vorbereitet wird, ist kein Zufall. Wer sich Anfang vergangenen Jahres die fiskalpolitischen Daten Griechenlands angesehen und die Auswirkungen der schweren Rezession im Auge hatte, wusste, dass Griechenland keine Chance haben würde, wie Phoenix aus der Asche aus seiner Schuldenmisere zu steigen. Die Hedgefonds, deren Leerverkäufe von Staatsanleihen verboten werden sollte, könnten ein Lied davon singen.

          Aber der Währungsunion fehlte nach dem Verständnis ihrer Politiker mit Unterstützung der Europäischen Zentralbank (EZB) damals der Rahmen, in dem die Euro-Gemeinschaft die Umschuldung eines Mitgliedslandes verkraften können. Weder hatten die Banken ihre Anleihebestände auch nur annähernd marktgerecht wertberichtigt, noch hatten sie ausreichend Eigenkapital aufgenommen. Es gab keinen Rettungsfonds, der Griechenland und - anderen strauchelnden Ländern - hätte zur Seite stehen können.

          Es musste aus der Sicht der Politik Zeit gewonnen werden. Deshalb konzentrierte sie sich anfangs darauf, den Fall Griechenland - und die strauchelnden anderen Peripherie-Länder - zunächst mit einfacher Medizin zu behandeln. Erst wurde Griechenland Liquiditätshilfe erteilt, damit das Land seine fälligen Schulden am Kapitalmarkt bedienen konnte und es sich nicht zu exorbitant hohen Risikoprämien hätte neu verschulden müssen.

          Eingriff der EZB hat geholfen

          Deshalb auch griff auch die EZB übergangsweise mit Anleihekäufen am Kapitalmarkt ein. Die EZB veröffentlicht keine genauen Daten: Marktteilnehmer schätzen jedoch, dass die Zentralbank griechische Anleihen im Nennwert von rund 60 Milliarden Euro zu einem durchschnittlichen Kurs von etwa 70 Prozent gekauft haben könnte. Die EZB ist damit mit weitem Abstand der größte Einzelgläubiger des griechischen Staates. Bisher hat sie nicht erkennen lassen, dass sie sich an einer Umschuldung beteiligen würde.

          Die meisten Geschäftsbanken haben seit dem Ausbruch der Griechenland-Krise in der ersten Jahreshälfte 2010 ihr Eigenkapital erhöht, haben zumindest griechische Anleihen weitgehend auf den Marktwert von etwa 45 Prozent ihres Nennwerts abgeschrieben und ihre Bestände reduziert. Dabei hat nicht unerheblich der Eingriff der EZB mit den sukzessiven Anleihekäufen am Sekundärmarkt geholfen.

          Doch ein Schuldenschnitt ist leichter gesagt als getan. Angesichts des immer noch hohen Haushaltsdefizits und einer anhaltend schweren Rezession wird die Schuldenquote Griechenlands im kommenden Jahr voraussichtlich auf 161,3 Prozent des Bruttoinlandproduktes steigen. Von den 350 Milliarden Euro öffentlichen Schulden (Anleihen und Kredite) werden etwa 150 Milliarden Euro von der EZB, der Europäischen Union und dem Internationalen Währungsfonds (IWF) gehalten.

          Während private Investoren zwar griechische Staatspapiere in Höhe von 200 Milliarden Euro in den Händen haben, werden von diesen nur 145 Milliarden Euro vor dem Jahr 2020 fällig. Nur diese Schulden sollen in einem etwaigen „Schuldentausch“ berücksichtigt werden.

          Freiwillige Einigung?

          Würden sich Politik und Banken auf einen Kompromiss eines Schuldenschnitts von 50 Prozent einigen, fiele die Schuldenquote Griechenlands zwar von 160 auf 105 Prozent des BIP. Da der griechische Staat seine Banken jedoch mit Kapital ausstatten müsste, das er sich vermutlich vom europäischen Hilfsfonds EFSF leihte, stiege die Schuldenquote des Landes auf 112 bis 114 Prozent. Damit wäre Griechenland auf dem Niveau von Belgien und Italien angelangt.

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