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Griechenland & Co. : Gefahr für unser Geld

Bild: F.A.Z.

Alarm in Europa: Geldgeber zweifeln erstmals an der Kreditwürdigkeit einiger EU-Länder. Das böse Wort vom Staatsbankrott macht die Runde. Zuvor hatte man den Staat als Retter der Finanzwirtschaft gefeiert. Doch wer rettet eigentlich die Retter, wenn es zum Schlimmsten kommt?

          4 Min.

          Für einen Moment schien die Hydra besiegt. Jetzt zeigt sich, sie hat mehrere Leben. Die Kapitalmärkte brechen ihren Stab über ganze Staaten. Das Wort vom Staatsbankrott macht die Runde. Geldgeber beginnen erstmals zu zweifeln, dass EU-Länder künftig ihren Kredit-Verpflichtungen aus Staatsanleihen nachkommen. Das ist eine Revolution. Gerade hatte man noch die Renaissance des Staates in der Wirtschaft und seine Rolle als Retter der Finanzwirtschaft gefeiert. Jetzt wird die Vorstellung, europäische Staaten seien risikolos, gerade an den Märkten suspendiert. Die Frage steht im Raum: Wer rettet eigentlich die Retter, wenn es zum Schlimmsten kommt?

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Das Misstrauensvotum der Märkte beschränkt sich nicht nur auf die Zahlungsfähigkeit mediterraner Urlaubsländer wie Griechenland, Spanien oder Portugal. Unter Beobachtung steht inzwischen selbst der Wirtschaftsriese Großbritannien.

          Die Europäer zahlen einen gewaltigen Preis

          Schuld sind die Schulden: In der größten Finanzkrise seit 1929 haben die Regierungen mit Ausgabenprogrammen ihre Volkswirtschaften reanimiert, während die Steuereinnahmen zurückgingen. Die Folge sind gewaltige Defizite, die allgemein als unausweichlich galten. „Defizite haben die Welt gerettet“, behauptet der Ökonom Paul Krugmann. Aber sie kosten vor allem die Europäer einen gewaltigen politischen und ökonomischen Preis.

          Bild: F.A.Z.

          Allein die Sorge um die Zahlungsfähigkeit des kleinen Griechenlands (2,7 Prozent der EU-Wirschaftsleistung) hat die Europäische Union bewogen, eines der wichtigsten Prinzipien der Währungsgemeinschaft hintanzustellen: Jeder deckt die eigenen Schulden ohne Hilfe von außen, lautete die alte Regel. Das Großartige an ihr war, dass sich Griechenland und Co. gerade nicht zu Lasten der deutschen oder französischen Steuerzahler munter verschulden durften.

          Eine Linie ist überschritten

          Die neue Regel heißt: Jeder deckt die eigenen Schulden, es sei denn er schafft es nicht. Damit bekommen die Euro-Länder mit maroden Haushalten eine implizite Garantie, vergleichbar jener für den globalen privaten Bankensektor, der ihn vor Existenzrisiken aus eigenen Fehlspekulationen bewahrte. Eine Linie ist überschritten.

          „Würden die Europäer Griechenland im Fall der Fälle helfen, wäre dies ein historischer Schritt weg von dem Maastricht-Vertrag, der solche Hilfen ausdrücklich verbietet“, warnt der Chefvolkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer.

          Verschuldungsgrenze, Defizitgrenze und die Regel, die anderen EU-Länder nicht aus Schuldenkrisen herauszuboxen – das waren die Maastricht-Prinzipien, die einen stabilen Euro garantieren und ihn vor allem für die Deutschen erst erträglich machen sollten. Und sie sind alle längst verletzt, ohne dass je ein Euro-Land Sanktionen zu spüren bekommen hätte.

          Die Griechen muss man fürchten

          Griechenland ist geradezu ein Lehrstück für die mangelnde Fähigkeit Brüssels, die bösen Buben zu disziplinieren. Die Griechen, die seit 1981 mit EWG- und EU-Mitteln gepäppelt werden, haben kein einziges Kriterium je erfüllt und zudem mit Tradition in unzuverlässiger und sogar falscher Statistik Kredit verspielt – im wahren Wortsinn.

          Mit 290 Milliarden Euro in ausstehenden Wertpapieren ist das Problem Griechenland jetzt doppelt so groß wie das Lehman-Portfolio, das der Welt im Herbst 2008 um die Ohren flog, rechnet die Commerzbank vor.

          Die Griechen muss man fürchten, selbst wenn man ihnen Geschenke bringt. Ob sie sich durch Brüsseler Budget-Kontrollen disziplinieren lassen, ist ungewiss. Die Gewerkschaften mobilisieren gegen Kürzungen.

          Nicht Warnung genug

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