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Griechenland : Anleitung für den Staatsbankrott

Gut 320 Milliarden Euro Schulden haben die Griechen. Zu viel, um sie aus eigener Kraft abzubauen Bild: dapd

Auch wenn die Politiker noch drum herumreden: An einer Umschuldung Griechenlands führt kein Weg vorbei. Früher hätten die Gläubiger ihre Marine geschickt, um das Geld einzutreiben. Aber wie funktioniert der Schuldenschnitt heute?

          3 Min.

          Die Wirte von Athen-Tavernen und Akropolis-Restaurants im Ausland werden Griechenland kaum retten können. Auch wenn sie jetzt aufgerufen werden, ihr Land zu unterstützen und sogenannte Diaspora-Anleihen zu kaufen. Längst ist klar: Die Griechen kommen um eine Umschuldung nicht herum – zu erdrückend sind Schulden und Zinsen.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die große Frage jetzt: Wie wird das funktionieren? Welcher Weg wird gewählt, um Griechenlands Schuldenlast zu verringern? Und: Was sind die Folgen für Europa?

          1. Schulden zählen

          Zunächst einmal muss man abschätzen: Wie viel Erleichterung brauchen die Griechen? Gut 320 Milliarden Euro Altschulden hat Griechenland, rechnet Thomas Mayer vor, der Chefvolkswirt der Deutschen Bank. Die Ratingagentur Standard und Poor’s schätzt das notwendige Umschuldungsvolumen auf 50 bis 70 Prozent. Das wären, konservativ gerechnet, 160 Milliarden Euro, die den Griechen abgenommen werden müssten.

          2. Umschulden

          Europa muss politisch entscheiden, ob es will, dass andere Länder Garantien für Griechenlands Schulden abgeben. Es gibt ein Modell, das in lateinamerikanischen Staaten schon verwendet wurde – sogenannte „Brady Bonds“: Die Gläubiger Griechenlands können ihre alten Anleihen freiwillig mit einem hohen Abschlag gegen neue Anleihen umtauschen, die von einer europäischen Institution garantiert würden. Die Gläubiger hätten den Vorteil, dass sie sicherere Anleihen bekommen – dafür müssen sie auf einen Teil ihres Geldes verzichten.

          Ein Alternativmodell, das die Deutsche Bank präferiert: Die europäischen Staaten leihen Griechenland noch einmal Geld. Dafür kaufen die Griechen deutsche Staatsanleihen. Die Gläubiger Griechenlands könnten dann – gleichfalls freiwillig – griechische Anleihen mit einem Abschlag gegen deutsche tauschen. „Brady debt swap“ nennen das die Experten.

          Beides kostet die anderen europäischen Staaten noch einmal Geld. Aber es würde vermeiden, was die Experten einen „ungeordneten Default“ nennen, einen unkontrollierten Bankrott. Der könnte „schlimmer als Lehman“ werden, warnt zumindest EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark. Aber da gibt es unterschiedliche Meinungen. „Die Bankenbranche will öffentliche Garantien. Dann trägt die Kosten der Steuerzahler“, meint der Wirtschaftsprofessor Hans-Peter Burghof. „Für den Steuerzahler aber wäre eine Umschuldung ohne öffentliche Garantien besser.“

          Erfahrungen mit Staatsbankrotten zeigen, dass in der Regel zunächst die sanften Instrumente eingesetzt werden, dann die schärferen. „Man kann zunächst die Laufzeit der Anleihen verlängern oder die Zinsen senken“, sagt Burghof. Für öffentliche Kredite der Europäer an Griechenland ist eine Laufzeitverlängerung bereits im März beschlossen worden. Ähnliches wäre auch für Forderungen privater Gläubiger möglich. Am Schluss stünde dann der Schuldenschnitt, der „Haircut“.

          Für den Schuldenschnitt muss geklärt werden, wie viel Geld die Griechen noch zurückzahlen. Denkbar wären 50 oder 70 Prozent. Die Erfahrung aus anderen Staatsbankrotten zeigt: Das ist Verhandlungssache. Gläubiger und Schuldner müssen sich an einen Tisch setzen. Ähnlich, wie es in früheren Jahren im sogenannten Londoner Club Schuldner- und Gläubigerbanken machten – und Schuldner- und Gläubigerstaaten im Pariser Club. Die Gläubiger seien heutzutage in einer eher schwachen Position, meint Burghof. Noch bei einer Staatspleite Ägyptens im 19. Jahrhundert hätten die Engländer ihre Marine geschickt, um das Geld einzutreiben. Heute könnten die Gläubiger nur hoffen, dass die Schuldner kooperativ sind – weil sie die Gläubiger noch brauchen.

          3. Banken retten

          Um die Folgen einer Umschuldung einzuschätzen, muss man sich anschauen, wer die wichtigsten Gläubiger sind. Griechische Banken gehören auf jeden Fall dazu. „Es ist denkbar, dass einzelne griechische Banken in Schwierigkeiten geraten“, meint Clemens Fuest, Ökonom in Oxford. „Deshalb benötigt man bei einem Schuldenschnitt ein Konzept für einen Rettungsschirm für das griechische Bankensystem.“ Es gelte zu verhindern, dass der Kollaps griechischer Banken sich zu einer Systemkrise für das europäische Finanzsystem entwickele.

          Zugleich müssen Europas Banken aufmerksam beobachtet werden. Bislang wollte Deutschland Griechenland schließlich auch deshalb retten, weil es Sorgen um die deutschen Banken gab. Seither aber hatten die viel Zeit, sich auf eine Umschuldung einzustellen. Einige haben Abschreibungen vorgenommen, andere haben sich von ihren Anleihen getrennt. „Die Bankenaufsicht müsste einen Überblick haben, welche Banken mit welchen Beträgen betroffen sind“, sagt Ökonom Fuest. Je nachdem, ob es sich um eine echte Umschuldung handelt oder eine Art freiwilligen Umtausch, sind die Banken zum Abschreiben gezwungen. Von der Ausgestaltung der Umschuldung hängt auch ab, ob die Kreditausfallversicherungen („CDS“) fällig werden und größere Zahlungen auslösen, die die Kreditversicherer gefährden können.

          Grundsätzlich gilt: Je dichter die Umschuldung an einem klassischen Staatsbankrott, desto größer die Auswirkungen für Banken und Kreditversicherer.

          4. EZB absichern

          Auch die Europäische Zentralbank hat, gegen den Widerstand des ausscheidenden Bundesbankpräsidenten Axel Weber, im großen Stil griechische Staatsanleihen aufgekauft. „Die Europäische Zentralbank würde ein griechischer Schuldenschnitt hart treffen“, meint Ökonom Fuest. „Aber das ist kein Grund, ihn nicht durchzuführen.“

          Die Anteilseigner der Notenbank müssten eben unter Umständen anschließend das Kapital erhöhen. Fuest meint: „Wenn es richtig wäre, dass die EZB wegen der ihr drohenden bilanziellen Verluste einen Schuldenschnitt hinauszögern will, wie gelegentlich behauptet wird – dann wäre das ein Skandal.“

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