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Gespräch : „Es besteht kein Bedarf mehr, die Konjunktur zu stützen“

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Axel Weber: „Schmerzgrenzen gehören nicht zu unserer geldpolitischen Strategie” Bild: Daniel Pilar

Axel Weber, der als Präsident der Deutschen Bundesbank dem EZB-Rat angehört, läßt im Gespräch mit der F.A.Z. durchblicken, daß er zur Bekämpfung latenter Inflationsrisiken weitere Leitzinsanhebungen für nötig hält.

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          In der vergangen Woche hat der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) den Euro-Leitzins von 3,25 auf 3,5 Prozent angehoben. Axel Weber, der als Präsident der Deutschen Bundesbank dem EZB-Rat angehört, läßt im Gespräch mit der F.A.Z. durchblicken, daß er zur Bekämpfung latenter Inflationsrisiken weitere Leitzinsanhebungen für nötig hält.

          Herr Weber, müssen sich die Europäer in der Währungsunion im kommenden Jahr auf weitere Zinserhöhungen einstellen? Die Händler an den Finanzmärkten spekulieren über Februar oder März.

          Wir haben sehr klargemacht, daß die Geldpolitik weiterhin die Wirtschaft anregt, die Leitzinsen nach wie vor auf einem niedrigen Niveau sind. Wir beobachten sehr genau die Risiken für die Preisniveauentwicklung in der mittleren Frist. Für mich ist wichtig, daß wir uns in einem guten konjunkturellen Umfeld befinden. Es besteht kein Bedarf mehr, die Konjunktur geldpolitisch zu stützen. Die kurz- bis mittelfristigen Preisrisiken weisen nach oben. Ich sehe zudem langfristige Preisrisiken aufgrund des nach wie vor dynamischen Geldmengen- und Kreditwachstums im Euro-Raum. Aber wir sind nicht vorfestgelegt. Sollten die Preisrisiken sich verfestigen oder verstärken, ist es sicherlich angezeigt, daß man die Geldpolitik anpaßt.

          Das heißt, die EZB könnte auch über 3,75 Prozent hinausgehen?

          Über konkrete geldpolitische Maßnahmen möchte ich nicht spekulieren. Nochmals, es bestehen Risiken wie ein erneuter Ölpreisanstieg, weitere Anhebungen von indirekten Steuern oder von administrierten Preisen. Es ist ferner nicht auszuschließen, daß sich aus der stärkeren Konjunktur und hohen Lohnforderungen über steigende Lohnabschlüsse der binnenwirtschaftliche Preisdruck verstärken könnte. Wir müssen handlungsbereit bleiben. Zur Verankerung der Inflationserwartungen auf einem mit Preisstabilität zu vereinbarenden Niveau ist es notwendig, Inflationsrisiken entschlossen entgegenzutreten.

          Helfen Sie uns bitte bei der Interpretation des folgenden Satzes aus den einleitenden Bemerkungen zur jüngsten Pressekonferenz der EZB: „Daher ist in der Vorausschau entschlossenes und rechtzeitiges Handeln zur Gewährleistung von Preisstabilität auf mittlere Sicht geboten.“ Ist das noch eine konditionierte Äußerung ohne Vorfestlegung oder schon die Ankündigung einer Zinserhöhung?

          Der Satz spricht für sich selbst. Sie müssen ihn im Kontext unserer Strategie sehen, denn der Fokus der Geldpolitik liegt auf der mittleren Frist. Wenn Preisrisiken mittelfristig vorhanden sind, muß man ihnen frühzeitig entgegentreten, bevor sie sich materialisieren. Und über die Risiken, die wir sehen, haben wir bereits gesprochen.

          Wo liegt die Schmerzgrenze für den EZB-Rat bei der Aufwertung des Euro?

          Schmerzgrenzen gehören nicht zu unserer geldpolitischen Strategie. Was bilaterale Wechselkurse angeht, so habe ich wie der Präsident der EZB eine Erklärung der Siebenergruppe in Singapur unterzeichnet. Darin haben wir festgehalten, daß starke Schwankungen und ungeordnete Bewegungen der Wechselkurse nicht wünschenswert sind. Über das grundsätzliche Bekenntnis zu freien Wechselkursen und ihren Bestimmungsgründen möchte ich nicht hinausgehen.

          Das war jetzt ein Kommentar zu bilateralen Wechselkursen. Für die Geldpolitik wichtiger ist der effektive Wechselkurs des Euro-Raums gegenüber den wichtigsten Handelspartnern.

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