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Geldpolitik : Zurück zur Preisstabilität

Die EZB muß auch mal für längere Zeit Preisstabilität erreichen, soll ihre Glaubwürdigkeit nicht Schaden erleiden. Die Menschen dürfen sich nicht daran gewöhnen, daß die Inflationsrate über 2 Prozent liegt.

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          Frankreichs Finanzminister Thierry Breton hat unlängst verlauten lassen, es gebe im Euro-Raum kein wirkliches Inflationsrisiko. Die Europäische Zentralbank (EZB) solle von Zinserhöhungen absehen. Es ist das Geheimnis von Breton, wie er zu dieser Aussage kommt.

          Die Inflationsrate stieg im Mai auf 2,5 Prozent. In den vergangenen zwölf Monaten lag sie bei durchschnittlich 2,3 Prozent. Preisniveaustabilität sieht anders aus. Die EZB spricht von mittelfristig "unter, aber nahe" zwei Prozent - was man als 1,7 bis 1,8 Prozent verstehen darf. Zudem weisen alle Indikatoren auf steigenden Preisdruck hin. Die Unternehmen haben begonnen, die höheren Öl- und Rohstoffpreise an ihre Kunden weiterzugeben. Die gute wirtschaftliche Entwicklung öffnet die Spielräume dafür. Der fast unverminderte Aufschwung der Weltwirtschaft und die sich stärkende Binnenwirtschaft treiben die Inflation.

          Die Inflationserwartungen steigen

          Für die EZB besonders unerfreulich ist, daß Verbraucher, Unternehmen und Finanzmarktteilnehmer allmählich auf höhere Teuerungsraten setzen. Nach einer Umfrage der Zentralbank erwarten gut 47 Prozent der Finanzmarktbeobachter, daß die Inflationsrate in fünf Jahren bei oder über zwei Prozent liegen wird. So groß war dieser Anteil in den vergangenen fünf Jahren noch nie. Das Risiko ist gestiegen, daß die Inflationserwartungen nach oben ausbrechen und vielleicht nicht mehr ganz so fest verankert sind wie früher.

          Völlig überraschend käme dies nicht. In sechs der vergangenen sieben Jahre lag die Inflationsrate im Euro-Raum über der Vorgabe von unter, aber nahe zwei Prozent. In diesem und wohl auch im kommenden Jahr dürfte dies nicht anders sein. Die Abweichungen nach oben fielen bislang nie besonders groß aus, und die Bank hat sie schlüssig und überzeugend mit einer Reihe von Sondereinflüssen wie dem Anstieg der Ölpreise und höheren indirekten Steuern erklärt. Solche Preisschübe fallen nicht in die Verantwortung der Zentralbank.

          Viele einmalige oder andauernde Sondereffekte wie den Ölpreisanstieg aber kann sie auf Dauer nicht ignorieren. Die EZB muß auch mal für längere Zeit Preisstabilität nach ihrem eigenen Maßstab erreichen, soll ihre Glaubwürdigkeit nicht Schaden erleiden. Die Menschen dürfen sich nicht daran gewöhnen, daß die Inflationsrate über zwei Prozent liegt - und die EZB sollte sich damit nicht zufriedengeben.

          Bislang zöger liche Zi nsanhebungen

          Nach mehr als zwei Jahren der Niedrigzinspolitik hat der Rat der Zentralbank im Dezember begonnen, den Zinssatz auf ein normales Niveau zurückzuführen. Mit zwei kleinen Zinsschritten hat er gerade mal die Zinssenkung vom 17. September 2001 zurückgenommen, die nach den Terroranschlägen in den Vereinigten Staaten als Versicherungsschritt gedacht war. Von einem neutralen Zinsniveau ist die EZB so noch weit entfernt, obwohl die Wirtschaft in den vergangenen vier Quartalen durchaus kräftig wuchs und die Binnenwirtschaft Schwung aufnimmt.

          An diesem Donnerstag wird die EZB aller Voraussicht nach den Leitzins von 2,5 auf 2,75 Prozent anheben. Die Mehrheit im Rat und Präsident Jean-Claude Trichet scheuen aus Sorge um den Aufschwung größere oder eine raschere Abfolge der Zinsschritte. Die Aufwertung des Euro, die besonders in Frankreich und Italien als Bedrohung für den Export angesehen wird, kommt dieser Zurückhaltung entgegen.

          Der Wechselkurs ist kein EZB-Ziel

          Schon geht das gespenstische Argument um, die EZB müsse auf früher durchaus übliche schnellere Zinsschritte verzichten, um den Euro-Kurs nicht noch weiter steigen zu lassen - zumal das Ende der Zinserhöhungen in Amerika trotz der jüngsten Äußerungen des Fed-Vorsitzenden Ben Bernanke absehbar ist und der Aufwärtsdruck auf den Euro steigt. Doch ist der Wechselkurs keine Zielgröße für die EZB. Sie hat eine Aufgabe innerhalb des Euro-Raums zu erfüllen und muß ihre Geldpolitik unabhängig von der Fed verfolgen - und auch unabhängig von den Finanzministern und der Europäischen Kommission, die der Zentralbank schon mit einem intensiveren Dialog über den Wechselkurs drohen.

          Die Falken im EZB-Rat, die auf eine vorbeugende Verschärfung des Zinserhöhungskurses dringen, haben jedenfalls einen schweren Stand und sich seit Dezember nie durchsetzen können. Dabei sind die Warnsignale nicht zu übersehen. Befeuert von den niedrigen Zinsen, hat das Geldmengenwachstum sich rapide beschleunigt. Die Kredite legen so stark zu wie noch nie in der Geschichte des Euro.

          Studien der EZB und der Deutschen Bundesbank zeigen, daß der trendmäßige Geldmengenzuwachs ein guter Indikator für eine mittelfristig höhere Inflation ist. Die Aufwertung des Euro ändert diesen Befund nicht; sie nimmt der Notenbank ihre Aufgabe nicht ab. Die Überschußliquidität steigt noch immer und kann sich im Aufschwung rasch in Nachfrage und Inflation entladen - ganz abgesehen von den Risiken des monetär beförderten Preisschubs an den Hausmärkten mancher Euro-Staaten.

          Starks Aufgabe und Chance

          Die Notenbanker werden ihre Entscheidung am Donnerstag auch auf Inflationsprognosen stützen können, die auf monetären Größen wie der Geldmenge basieren. In der Vergangenheit haben diese Analysen bessere Vorhersagen der Inflation erlaubt als übliche, aus wirtschaftlichen Projektionen abgeleitete Schätzungen der Teuerungsrate. Bundesbankpräsident Axel Weber wirbt dafür, diesen monetären Inflationsprognosen mehr Gewicht zu geben.

          Der neue Chefvolkswirt der Zentralbank, Jürgen Stark, könnte das Erbe seines Vorgängers Otmar Issing überzeugend antreten, wenn er dieses Petitum umsetzt. Seine Chance, sich nach Issing zu profilieren, besteht darin, daß der EZB-Rat die Inflationsrate mittelfristig unter, aber nahe zwei Prozent schleust und Preisstabilität dauerhaft sichert. Ein fester Blick auf die monetäre Analyse ist dabei unerläßlich. Daß Stark ihn hat, steht außer Frage.

          Patrick Welter
          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

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