https://www.faz.net/-gqe-6x9sm

Geldpolitik : Bundesbank in der Klemme

  • -Aktualisiert am

Wenn die Kapitalflucht aus seiner Sicht gelingen soll, muss sie finanziert werden. Dies könnte so aussehen, dass er die Staatspapiere bei der Notenbank als Sicherheit hinterlegt und dann frisch gedrucktes Geld nach Frankfurt überweist. Dann wäre es aber kein Grund zur Beruhigung für den Steuerzahler, denn die EZB sammelt nun die alten Staatspapiere als Sicherheiten für die Target-Forderungen der Empfängerländer. Der rechte Teil der Grafik zeigt, dass Ende November die Aktiva der Bundesbank inzwischen zum weitaus größten Teil aus Krediten an die Zentralbanken des Euro-Systems bestanden.

Kritischer Punkt war fast schon erreicht

In Artikeln mit Aaron Tornell von der University of California in Los Angeles habe ich darauf hingewiesen, dass diese Entwicklung im Euroraum bemerkenswerte Parallelen zum Zusammenbruch des fixen Wechselkurs-Regimes in Mexiko gegenüber dem amerikanischen Dollar aufweist. Der Festkurs brach 1994/5 zusammen, als die Notenbank kaum noch Reserven hatte, um die Dollarbindung gegen die einsetzende Kapitalflucht zu verteidigen. Eine spekulative Attacke gegen den Peso trat ein, als die Kapitalanleger sahen, dass nicht mehr jeder sein Kapital in die Vereinigten Staaten abziehen konnte - und gerade deswegen es alle gleichzeitig versucht haben.

In ähnlicher Weise könnte ein Zusammenbruch des Target-Systems geschehen. Da die Bundesbank ihre Kredite an Banken nahezu auf null reduziert hat und sich weigert, ihr Gold zu verkaufen, war dieser kritische Punkt sogar fast schon erreicht. Die Bundesbank konnte grenzüberschreitende Überweisungen im Target-System zuletzt nur noch durch Aufnahme von Depositen ausführen und wurde so zum Nettoschuldner gegenüber den privaten Kreditinstituten!

Die EZB erkauft sich Zeit

Dies ist der wahre Grund, warum sich die EZB im Dezember gezwungen sah, nun auch in der Gesamtsumme Geld zu drucken. Die Ausweitung des Refinanzierungskredits in den Krisenländern konnte mit einer parallelen Reduktion der Kredite in anderen Ländern nicht weiter ausgeglichen werden. Es handelt sich also um keine neue, sondern eine Fortsetzung der expansiven Geld- und Kreditpolitik in den Krisenländern.

Die EZB erkauft sich damit weiter Zeit. Viel wird davon abhängen, was nun mit dem frisch geschaffenen Geld passiert. Es gibt drei mögliche Szenarien: Das optimistische ist, dass Investitionen finanziert und Reformen durchgeführt werden. Dann könnten die Kredite in drei Jahren vielleicht zurückgezahlt werden. Das zweite ist, dass indirekt Staaten finanziert werden. Dieser Weg führt mit größter Wahrscheinlichkeit mittelfristig zu Inflation. Schließlich gibt es aber auch die Möglichkeit, dass das Zeitfenster von den Anlegern genutzt wird, um ihr Kapital aus den Krisenländern weiter abzuziehen. Nicht im Rucksack, sondern über das Target-2-System und begünstigt durch gesenkte Sicherheitsanforderungen der EZB. Sollten Reformen weiterhin ausbleiben, so zeigt die historische Erfahrung in Ländern wie Mexiko, könnte diese Variante sehr teuer werden für die Steuerzahler!

Frank Westermann ist Professor für Volkswirtschaftslehre im Fachgebiet Internationale Wirtschaftspolitik an der Universität Osnabrück

Weitere Themen

Topmeldungen

Demonstranten auf dem Puschkin-Platz in Moskau am Samstag

Demonstrationen für Nawalnyj : „Putin ist ein Dieb!“

Zehntausende Menschen protestieren am Samstag gegen den russischen Staatspräsidenten und für die Freilassung Alexej Nawalnyjs. Die Staatsmacht geht hart gegen die friedlichen Demonstranten vor.
Fertigungsstrecke von Geely in der chinesischen 6-Millionen-Einwohner-Metropole Ningbo.

Autos aus Fernost : Chinas Einheitsfront gegen VW und Tesla

Wie von Peking gewünscht, knüpft Milliardär Li Shufu ein Netzwerk mit chinesischen Technologiegiganten, um das Auto der Zukunft zu bauen. Auch Daimler darf helfen beim Projekt Welteroberung.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.