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G-20-Gipfel : Her mit dem Gleichgewicht

  • -Aktualisiert am

Große Erwartungen, kleiner Konsens: G-20-Gipfel-Gastgeber Nicolas Sarkozy Bild: dapd

Nach einem mehr als mühsamen Ringen sind sich die Teilnehmer des G-20-Gipfels einig darüber, wie man Ungleichgewichte in der Welt künftig messen soll. Die Frage ist nur: Kann das die nächste Krise verhindern?

          So langsam wird es ernst: Die Welt gipfelt wieder. Soeben haben sich die Finanzminister der wichtigsten Industrie- und Schwellenländer in Paris getroffen. Ihr wichtigstes Thema: die Ungleichgewichte der Welt. Dabei geht es nicht um die unterschiedliche Verteilung von Reichtum, Kindern oder Frauen in der Welt, sondern um die Weltwirtschaft. Die kommt ins Ungleichgewicht, wenn einige Länder viel mehr konsumieren und investieren, als sie selbst herstellen – wenn sie also mehr importieren als exportieren. Das funktioniert nur, wenn sie sich im Ausland verschulden. Sonst könnten sie ihre Importe gar nicht bezahlen. Das Spiel braucht einen Gegenpart: ein Land, das mehr exportiert, als es importiert, und das sein überschüssiges Geld aus diesen Geschäften im Ausland anlegt, also ans Ausland verleiht.

          Was ist daran jetzt so schlimm? Schließlich sind die meisten Menschen im Ungleichgewicht. Entweder sie haben eine Menge gespart oder sie sind verschuldet. Nur wenige Menschen leben mit einem Kontostand ständig um die null Euro. Alles in allem funktioniert das im kleinen Rahmen ganz gut.

          In der Weltwirtschaft aber gelten Ungleichgewichte vielen Politikern, Notenbankern und Ökonomen als höchst gefährlich. Sie sehen sie als Mitauslöser der jüngsten Finanzkrise. Der amerikanische Notenbankpräsident Ben Bernanke sagte 2009: „Meiner Meinung nach ist es nicht möglich, diese Krise zu verstehen, ohne auf die globalen Ungleichgewichte im Handel und Kapitalfluss hinzuweisen, die in den späten 1990er Jahren begannen.“ Die französische Politik hat sich das ebenfalls zu Herzen genommen. Als G-20-Gastgeber wollte Nicolas Sarkozy durchsetzen, diese Ungleichgewichte genau zu beobachten und abzubauen. Allerdings haben sich die Gipfel-Teilnehmer nur mühsam geeinigt, wie man Ungleichgewichte überhaupt messen soll.

          Lockere Geldpolitik der amerikanischen und europäischen Notenbanken

          Die Wissenschaft ist sich noch nicht einmal einig, dass globale Ungleichgewichte tatsächlich etwas mit der Krise zu tun haben. Die renommierten Ökonomen Maurice Obstfeld und Kenneth Rogoff haben in einem gemeinsamen Aufsatz die opponierenden Meinungen vorgestellt. Da gibt es das Lager, das die Ungleichgewichte als Auslöser der Krise sieht, zu dem auch der einstige amerikanische Finanzminister Hank Paulson zählt. Seine Geschichte geht so: China und die ölexportierenden Länder begannen mit ihrem wirtschaftlichen Erfolg eine Menge zu sparen. Diese neuen Ersparnisse fluteten die Welt, was die Zinsen überall drückte. Geld gab es auf einmal so billig, dass Investoren auf der ganzen Welt bereit waren, es in immer riskantere Anlagen zu stecken. So entstanden die Fehlinvestitionen, die zur Krise führten. Das Gegenlager argumentiert so: Globale Ungleichgewichte sind unproblematisch, solange die Finanzmärkte kontrolliert werden. Schuld war also nicht das Geld aus China, sondern die amerikanische Politik, die die Finanzmärkte schlecht überwacht hat, so dass die Fehlinvestitionen entstanden.

          Obstfeld und Rogoff untersuchen die Zeit zwischen 1995 und 2009 genau. Sie finden vielfältige Auslöser der Ungleichgewichte. Neben der Sparfreude der Chinesen und Ölländer, deren Hintergründe sie erklären, nennen sie vor allem die zu lockere Geldpolitik der amerikanischen und europäischen Notenbanken. Und sie kommen zu einem salomonischen Urteil. Ungleichgewichte, so die Forscher, seien nicht der Auslöser der Krise, doch sie „reflektierten und vergrößerten die endgültigen Auslöser hinter der Finanzkrise“: eine fehlerhafte Wirtschaftspolitik in verschiedenen Ländern der Welt. Die Forscher nennen die Ungleichgewichte einen „Stresstest für die Schwächen der Finanzmärkte und politischen Systeme in Amerika, Großbritannien und anderen entwickelten Ländern – einen Stresstest, den diese Systeme nicht bestanden haben“.

          Ungleichgewichte als Frühwarnindikatoren

          Das ist ein Plädoyer dafür, Ungleichgewichte nicht zwanghaft einzuebnen, aber als Frühwarnindikatoren wahrzunehmen. Die Autoren raten etwa dazu, dass die Notenbanken Ungleichgewichte stärker mit einbeziehen sollen in ihre Überlegungen zu Zinssenkungen oder -erhöhungen. Das ist allerdings äußerst problematisch. Für Amerika würde das jetzt bedeuten, dass die Notenbank die Zinsen erhöhen müsste, um die Amerikaner zu mehr Ersparnis und weniger Konsum anzuregen. Dies kann aber die Konjunktur abwürgen.

          Der zweite Ratschlag der Ökonomen erfährt deshalb mehr Aufmerksamkeit: Ungleichgewichte sollten global stärker überwacht und thematisiert werden – siehe G-20-Gipfel. Die Chancen, dass das nennenswerte Ergebnisse bringt, halten Obstfeld und Rogoff zu Recht für gering – siehe G-20-Gipfel. Die chinesische Delegation hat gleich verkündet, sich in Wechselkurse nicht reinreden zu lassen. Und Amerika möchte bekanntermaßen auch nicht, dass andere Länder den Abbau seiner hohen Staatsverschuldung verfügen.

          So bleibt nur noch der letzte Punkt der Ökonomen: die Reform des Finanzsystems. Auch die stand auf der Agenda des G-20-Gipfels. Leider aber weiter hinten.

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