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Furcht vor Staatsbankrott : Griechen ziehen ihr Geld von Bankkonten ab

Tafelsilber: Der Containerhafen von Piräus Bild: dpa

Griechenland braucht neues Geld von Euro-Staaten und IWF. Gleichzeitig bringen offenbar immer mehr Griechen ihre Ersparnisse ins Ausland. Die Einlagen griechischer Banken sind um 31 Milliarden Euro gesunken.

          3 Min.

          Die Griechen fürchten einen Staatsbankrott und ziehen ihre Einlagen von den heimischen Banken ab. Wie die griechische Notenbank am Dienstag mitteilte, sind die privaten Geldeinlagen von Januar 2010 bis April 2011 um mehr als 31 auf 165,5 Milliarden Euro gesunken. Ein Teil des Geldes wird offenbar ins Ausland gebracht. Zöllner berichten, dass jüngst wiederholt Menschen mit großen Geldpaketen im Gepäck in Flughäfen erwischt worden seien. Der Generalsekretär des Verbandes der Banken Griechenlands, Giannis Gortsos, versicherte am Dienstag im Fernsehen, die Einlagen seien sicher. Allerdings dürfte dies nur bis zu einer Summe von 100.000 Euro gelten.

          Werner Mussler

          Wirtschaftskorrespondent in Brüssel.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Unternehmen hatten im Januar 2010 noch 40,6 Milliarden Euro angelegt, im April waren es 33,6 Milliarden Euro. Ein deutlicher Rückgang wurde auch bei den Einlagen von Ausländern verzeichnet: Diese Summe ging um 7,9 Milliarden Euro zurück. Das griechische Finanzministerium geht davon aus, dass ein Teil der Gelder in den Konsum geflossen ist. Die Griechen haben wegen der Sparprogramme in den vergangenen 14 Monaten durchschnittlich fast 20 Prozent ihres Einkommens verloren. Ein anderer Teil, so vermutet das Finanzministerium, werde als Bargeld gehortet.

          „Die Rollläden runtermachen“

          Nach der Verabschiedung eines zusätzlichen Privatisierungsprogramms und einer neuen mittelfristigen Finanzplanung bleibt ungewiss, ob Griechenland um eine Umschuldung herumkommt. Die zuständigen Gremien der Euro-Staaten und des Internationalen Währungsfonds (IWF) müssen in den kommenden Wochen entscheiden, ob die nächste Kredittranche von 12 Milliarden Euro wie geplant Ende Juni ausgezahlt werden kann. Ohne diese Auszahlung werde Griechenland seinen Verpflichtungen nicht nachkommen können, sagte der griechische Finanzminister Giorgos Papakonstantinou am Dienstag. „Wenn das Geld nicht kommt, dann müssen wir die Rollläden runtermachen und die Regierung wird nicht mehr zahlen können.“

          Ob die Auszahlung erfolgt, hängt vom Urteil der gemeinsamen Delegation von IWF, Europäischer Zentralbank (EZB) und Europäischer Kommission ab, die am Dienstag ihre Arbeit in Athen wiederaufgenommen hat. Sie soll prüfen, ob Griechenland die Vorgaben des Reformprogramms einhält, auf dessen Grundlage das Land von IWF und Euro-Staaten Kredite erhält. Die Arbeit soll in den kommenden Tagen abgeschlossen sein.

          Bericht der „Troika“ als Entscheidungsgrundlage

          Papakonstantinou begründete die weiteren Erhöhungen von Steuern und Abgaben, die Einnahmen von 6 Milliarden Euro und damit 2,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erbringen sollen, damit, dass er die Schärfe der Rezession und deren Auswirkungen auf den Haushalt unterschätzt habe. In den ersten vier Monaten 2011 hat der Fiskus 1,2 Milliarden Euro weniger als angesetzt eingenommen, aber 0,2 Milliarden Euro mehr ausgegeben. Andererseits sei die Zahl der Staatsbediensteten in den vergangenen Monaten um 83.000 zurückgegangen. Beschlossen hat der Ministerrat ferner die Einrichtung eines Fonds, in den alle die Unternehmen und Immobilien eingebracht werden, die privatisiert werden sollen. Davon erhofft sich die Regierung Erlöse von 50 Milliarden Euro. Das neue Spar- und Stabilisierungsprogramm soll das Parlament Anfang Juni billigen.

          Der Bericht der „Troika“ von IWF und EU-Gremien gilt auch als Entscheidungsgrundlage in der Frage, ob Griechenland mittelfristig um eine Umschuldung herumkommt. Nachdem sich die EZB deutlich gegen jede Art von Umschuldung ausgesprochen hat, gelten indes Beschlüsse über eine Laufzeitverlängerung für die bestehenden Kredite an Athen bis auf weiteres als ausgeschlossen. In der Europäischen Kommission hieß es am Dienstag, die EU-Staaten könnten keine Entscheidungen gegen die EZB treffen. Die EU-Finanzminister seien sich in der vergangenen Woche nur darin einig gewesen, dass sich die privaten Gläubiger „freiwillig“ dazu verpflichten sollten, griechische Staatsanleihen nicht abzustoßen und möglicherweise länger zu halten. Derzeit werde geprüft, wie solche Selbstverpflichtungen aussehen könnten. Als Vorbild soll die sogenannte „Wiener Initiative“ dienen. Diese war Anfang 2009 für die damals von der Finanzkrise hart getroffenen osteuropäischen Banken ins Leben gerufen worden. Mehrere Großbanken erklärten sich freiwillig bereit, ihre finanziellen Engagements in der Region und ihre dortigen Tochterinstitute zu rekapitalisieren. EU-Währungskommissar Olli Rehn hatte am Montag in Wien gesagt, er sehe derzeit nur die Möglichkeit solcher freiwilliger Vereinbarungen. Der Vorsitzende der Eurogruppe, Luxemburgs Premierminister Jean-Claude Juncker, hatte dagegen in der vergangenen Woche eine „sanfte Umschuldung“ im Sinne einer Laufzeitverlängerung für die derzeit laufenden Kredite der Euro-Staaten an Griechenland nicht ausgeschlossen.

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