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Frühjahrsgutachten : Deutschland blühen wirtschaftlich gute Zeiten

Zubringer-Containerschiff im Hamburger Hafen: Der Konjunkturmotor brummt Bild: dpa/dpaweb

Das Frühjahrsgutachten sagt 2,1 Prozent Wachstum für 2015 voraus. Das sollte die Politik nutzen, meinen die Wirtschaftsinstitute, und fordern nun eine Steuerreform, die kleinere und mittlere Einkommen entlastet.

          Die führenden Konjunkturforschungsinstitute haben ihre Wachstumsprognose für das laufende Jahr überraschend deutlich auf 2,1 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) angehoben. Noch im Herbst waren die Gutachter von 1,2 Prozent ausgegangen. Das erfuhr diese Zeitung aus Kreisen der mit dem Gutachten vertrauten Personen. Die Ökonomen sagen demnach ein Anspringen der Inflation voraus: Nach 0,5 Prozent in diesem Jahr werden die Verbraucherpreise laut Prognose 2016 um 1,3 Prozent steigen. Die beteiligten Institute machen sich im wirtschaftspolitischen Abschnitt ihres Gutachtens für eine Steuerreform stark, von der insbesondere kleinere und mittlere Einkommensbezieher profitieren würden.

          Johannes Pennekamp

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

          Die Gemeinschaftsdiagnose wird am Donnerstag veröffentlicht und dient der Bundesregierung als Grundlage für ihre Konjunkturprognose, die dementsprechend optimistisch ausfallen dürfte. Beteiligt sind an der Gemeinschaftsdiagnose vier Konsortien, zu denen das Münchener Ifo-Institut, das Essener RWI, das DIW in Berlin sowie das IWH in Halle gehören. Bemerkenswert ist, dass die Konjunkturforscher nicht von einem „klassischen“ Aufschwung ausgehen, der von einem starken Anstieg der Investitionen und der Ausfuhr angekurbelt wird. Für 2015 beziffern die Institute den Zuwachs bei den Ausrüstungsinvestitionen auf etwa 5 Prozent. Das wäre zwar mehr als im vergangenen Jahr, aber weniger als in Aufschwungphasen sonst üblich. Als Haupttriebkraft verweisen die Forscher im Gutachten stattdessen auf den weiter steigenden Konsum, den die Autoren unter anderem aus den gestiegenen Einzelhandelsumsätzen zu Jahresbeginn ableiten.

          Andere sind zögerlicher

          Dass die Forscher im Jahr 2016 mit einer leichten Verlangsamung des Wachstums auf 1,8 Prozent des BIP rechnen, begründen sie unter anderem damit, dass zwei Triebkräfte des Wachstums - der niedrige Ölpreis und der gesunkene Kurs des Euros zum Dollar - im Laufe dieses Jahres voll durchschlagen werden, danach aber geringere Wirkung entfalten werden. Bei Beobachtern wurde die Prognose als überraschend optimistisch eingestuft. Der Sachverständigenrat hatte vor wenigen Wochen noch 1,8 Prozent vorhergesagt. „Ich würde momentan zögern, eine Zwei vor das Komma zu schreiben“, sagte der Chefvolkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer, und verweist insbesondere auf die stockende Dynamik in den Schwellenländern.

          Die Forschungsinstitute befassen sich in ihrem Gutachten zudem damit, wie die Bundesregierung mit den ihrer Prognose nach wachsenden Haushaltsüberschüssen umgehen sollte. Sie regen an, den Spielraum für eine Reform der Einkommensteuer zu verwenden. Der Steuertarif solle abgeflacht und der „Mittelstandsbauch“ beseitigt werden. Der „Mittelstandsbauch“ bezeichnet eine Wölbung im Verlauf des Steuertarifs, die dadurch entsteht, dass der Steuertarif im unteren Bereich der Einkommensskala stärker steigt als in oberen Bereichen. Von einer Glättung des Tarifs würden in der Konsequenz vor allem die Bezieher von kleinen und mittleren Einkommen profitieren. Zur lockeren Geldpolitik der Europäischen Zentralbank, die im März angefangen hat im großen Stil Staatsanleihen aufzukaufen, äußern sich die Ökonomen distanziert. Sie warnen aber nicht vor akuten Gefahren auf Immobilien- oder Aktienmärkten.

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