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Gewinner und Verlierer : So stellt das günstige Öl die Wirtschaft auf den Kopf

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Rohrleitungsbau in Saudi-Arabien: Das Königreich muss wegen des niedrigen Ölpreises seine Ausgaben einschränken. Bild: dpa

Der rapide Verfall der Ölpreise hat weitreichende Folgen bis in die hintersten Winkel der Erde: Eine Rundreise zu Gewinnern und Verlierern der Ölschwemme.

          Es ist die wohl kurioseste Folge des Ölpreisrutsches: Während in Deutschland und vielen anderen Ländern die Benzinpreise an den Tankstellen auf Tiefstände fallen, wird der Sprit ausgerechnet im Reich der arabischen Ölscheichs plötzlich viel teurer. An den Tankstellen Saudi-Arabiens bildeten sich Anfang vergangener Woche lange Schlangen, denn kurz vor dem Jahreswechsel stieg der Benzinpreis an den Zapfsäulen des Königreichs um rund 40 Prozent. Der Grund: Bisher hielten die Saudis die heimischen Spritpreise mit hohen staatlichen Subventionen künstlich niedrig. Doch angesichts rapide schwindender Einnahmen aus dem Ölexport kann sich das Land diesen Luxus nicht mehr leisten. Die Ölscheichs müssen plötzlich sparen.

          Ob an den Tankstellen in Riad und Berlin, in den Devisenwechselstuben von Moskau, auf den Schieferölfeldern in der amerikanischen Prärie oder in den Chefetagen der großen Ölkonzerne in Texas und London - das billige Öl stellt die Weltwirtschaft auf den Kopf. Am Dienstag kostete ein Fass Rohöl (159 Liter) der amerikanischen Sorte WTI zeitweise nur noch 32,10 Dollar. Es war damit so billig wie seit zwölf Jahren nicht mehr. Seit Beginn des Preisverfalls Mitte 2014 ist das Öl, das noch immer der wichtigste Treibstoff für die Weltwirtschaft ist, um rund 70 Prozent billiger geworden.

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          Einen solchen Preiskollaps hat es am Ölmarkt seit drei Jahrzehnten nicht mehr gegeben. Viele profitieren davon, aber das Billigöl bringt auch Risiken mit sich. „Die Vorstellung, dass es für die Verbraucher umso besser ist, je niedriger die Ölpreise sind, ist falsch“, warnte schon im Herbst Fatih Birol, der Direktor der Internationalen Energieagentur (IEA), die traditionell das Sprachrohr der Erdöl importierenden Länder ist. Birol und andere Experten befürchten, dass mittelfristig die Ölpreise genauso rasant wieder steigen könnten. Denn angesichts der derzeitigen Baisse werde viel zu wenig in die Erschließung neuer Quellen investiert.

          In Europa wirkt das günstiger gewordene Öl wie ein kleines Konjunkturprogramm. „Die Verbilligung eines wichtigen Produktionsmittels ist per saldo günstig für die Weltwirtschaft, aber die starken Preisbewegungen als solche wirken kurzfristig wie ein Störfeuer“, sagt Stefan Kooths, Konjunkturchef des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel. Deutschland, das fast komplett von Importen abhängig ist, um seinen Ölbedarf zu decken, könnte 2016 beispielsweise rund 9 Milliarden Euro sparen, wenn der Ölpreis im Jahresdurchschnitt 40 Dollar betragen sollte - statt 54 Dollar wie im vergangenen Jahr -, rechnet Simon Junker vom Deutschen Institut für Weltwirtschaft vor. Die 9 Milliarden Euro entsprächen knapp einem Drittel Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP).

          Davon profitieren zunächst die Unternehmen, die Erdöl und Ölprodukte einkaufen. Ihre Gewinnmargen steigen, wenn die Importe billiger werden. Sie haben dann mehr Spielraum für Investitionen. Ein Teil der Kostenersparnis wird an die Verbraucher weitergegeben, die etwa für Benzin und Diesel an der Tankstelle oder Heizöl deutlich weniger zahlen müssen. Den Bürgern bleibt mehr Geld übrig, das sie für andere Konsumwünsche ausgeben können. Diese zusätzliche Nachfrage sollte die Konjunktur deutlich stärken.

          Allerdings bleiben hohe Unsicherheiten bei einem derart scharfen Rückgang des Ölpreises wie derzeit. „Rein rechnerisch müsste ein Rückgang des Ölpreises um ein Viertel gegenüber dem vergangenen Halbjahr die Konjunktur anschieben und etwa einen Viertel Prozentpunkt mehr Wachstum bringen“, sagt Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. „Aber es gibt die Unsicherheit über die Ursache des Preisverfalls.“

          Ausgelöst wurde der jüngste scharfe Preisrückgang für Öl in dieser Woche auch durch den Kurssturz am chinesischen Aktienmarkt. „Das wird am Ölmarkt als Schwächesignal auf der Nachfrageseite gedeutet“, sagt der Ölexperte Alan Gelder vom Beratungshaus Wood Mackenzie in London. Wenn nämlich nicht in erster Linie das große Angebot an Öl, sondern vielmehr eine schwache Nachfrage der Grund für den Preisverfall wäre, dann deutete dies auf eine insgesamt schwächere Weltwirtschaft hin. Und das wäre ein Problem auch für Europa und besonders Deutschland mit seiner großen Exportabhängigkeit. „Die Wachstumssorgen um China spielen derzeit eine große Rolle“, warnt Krämer, der Chefvolkswirt der Commerzbank.

          Ein Verlierer heißt Moskau

          Zumindest kurzfristig allerdings teilt das Billigöl die Welt in Gewinner und Verlierer auf: „Öl ist der Schlüssel“, sagt Kaushik Basu, der Chefökonom der Weltbank. Grob gesagt profitieren Ölimporteure wie Deutschland und China, während Ausfuhrländer wie Saudi-Arabien, Russland und Venezuela leiden. Die Weltbank erwartet, dass von 2015 bis 2018 das globale Wirtschaftswachstum zu 85 Prozent in Rohstoffimport-Ländern stattfinden wird. Zu den Hauptprofiteuren der Ölschwemme zählen die Amerikaner: Der Durchschnittsbürger in den Vereinigten Staaten hatte dank des gesunkenen Ölpreises 2015 rund 350 Dollar mehr in der Tasche. Autohersteller wie Ford und GM freuen sich darüber, dass unter Kunden Sprit fressende schwere Geländewagen plötzlich wieder en vogue sind.

          Wer die Verlierer des Ölpreisverfalls sucht, der wird dagegen in Moskau fündig: In Russland ist die Ölkrise an vielen Hauswänden zu sehen, nämlich an den Kurstafeln der zahlreichen Wechselstuben. Das Land ist einer der weltgrößten Ölproduzenten, und der Kurs des russischen Rubels hängt stark vom Ölpreis ab. Ein Dollar kletterte am Donnerstag über die Marke von 75 Rubel und war damit so viel wert wie seit mehr als einem Jahr nicht mehr. Mitten in der Rezession schwächt das die bereits strapazierte Kaufkraft der Bevölkerung, treibt die Inflation und verzögert so wahrscheinlich Leitzinssenkungen, welche die Wirtschaft dringend brauchen könnte.

          Für den Kreml geht es beim derzeitigen Ölpreis nur noch um Schadensbegrenzung für den Staatshaushalt: Das russische Budget für 2016 ist mit einem durchschnittlichen Ölpreis von 50 Dollar je Fass kalkuliert worden und enthält bereits ein Defizit von 3 Prozent der Wirtschaftsleistung. Schon nach wenigen Tagen im neuen Jahr gilt das als zu optimistisch. Es kann nicht mehr lange dauern, bis abermals gekürzt werden muss. Auch das wird die Wirtschaft spüren. Die Weltbank korrigierte am Mittwoch ihre Wachstumsschätzung für Russland nach unten und erwartet für 2016 nun ein Minus von 0,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Von Januar bis September 2015 ist es bereits um 3,7 Prozent geschrumpft.

          Die Saudis müssen das Sparen lernen

          Auch Saudi-Arabien wird hart getroffen. Ende Dezember gab das Land ein Rekorddefizit von umgerechnet 98 Milliarden Dollar im Staatshaushalt für 2015 bekannt. Analysten hatten zuvor mit einem noch tieferen Loch in den Staatsfinanzen gerechnet. 2016 soll das Defizit auf 87 Milliarden Dollar sinken, was rund 13 Prozent der Wirtschaftsleistung entspräche. „Aber der Teufel steckt im Detail“, sagt Aleksander Stojanovski, Analyst der Deutschen Bank. Die Ölscheichs müssten das Sparen womöglich erst lernen, und es sei ungewiss, ob die Kürzungsziele wirklich erreicht würden.

          Mittlerweile wachsen am Finanzmarkt die Spekulationen, dass Saudi-Arabien erstmals seit Jahrzehnten die strikte Wechselkursbindung seiner Währung Rial zum Dollar aufgeben könnte. Das Land erwägt inzwischen sogar, internationale Geldgeber an der Börse zu suchen und seinen Erdölkonzern Aramco teilweise zu verkaufen.

          Im Januar will Saudi-Arabien einen längerfristigen „Nationalen Transformationsplan“ vorstellen, der die Weichen für wirtschaftliche Reformen stellen soll. Immerhin allerdings hat das Land hohe finanzielle Reserven - und damit Handlungsspielraum. „Die Finanzlage bleibt komfortabel“, sagt der Ökonom Farouk Soussa von der Citigroup.

          Ölbranche streicht 300.000 Stellen

          Dramatisch ist die Situation dagegen in Venezuela, das ebenfalls zu den größten Ölförderländern der Welt zählt. Die Inflation liegt geschätzt über 200 Prozent, die meisten Waren sind in den Läden knapp, weil fast alles außer Öl importiert werden muss. Die Wirtschaftsleistung dürfte allein 2015 um 9 Prozent geschrumpft sein. Hinzu kommt eine schwere innenpolitische Krise: Nach dem klaren Sieg der Opposition bei den Parlamentswahlen im Dezember ist ein heftiger Konflikt der Staatsgewalten entbrannt. Der sozialistische Präsident Nicolás Maduro und die von dessen Anhängern beherrschte Justiz fechten die oppositionelle Supermehrheit im Parlament an. Venezuelas Wirtschaftskrise wird derweil immer verheerender.

          Aber nicht nur ganze Staaten leiden. Auch einige der größten Unternehmen der Welt zählen zu den Verlierern. Energieriesen wie Exxon-Mobil („Esso“), Shell und BP erwirtschaften zwar Jahresumsätze, die so hoch sind wie die Wirtschaftsleistung ganzer Staaten. Aber der Preisrutsch hat die Branche kalt erwischt: Niemand in den Chefetagen der Konzerne hat die Baisse kommen sehen. Stattdessen hatte sich die Ölindustrie an Preise von mehr als 100 Dollar je Fass gewöhnt.

          Mittlerweile haben die Unternehmen mit radikalen Sparprogrammen reagiert: Schätzungen zufolge hat die Branche vergangenes Jahr rund 300.000 Arbeitsplätze gestrichen. Die Investitionen in die Erschließung neuer Öl- und Gasquellen sanken nach Berechnungen des Beratungshauses Rystad Energy um mehr als ein Fünftel auf knapp 600 Milliarden Dollar. 2016 wird die nächste Kürzungsrunde folgen: Weitere 70 Milliarden Dollar an Investitionen und zahlreiche Jobs werden wohl wegfallen, erwarten Analysten.

          Eine Schlüsselrolle beim Ölpreisrutsch spielt weiterhin die amerikanische Fracking-Ölbranche: Sie trug maßgeblich zum Überangebot am Ölmarkt bei. Dass Amerikas Fracker dem Verfall der Preise viel länger standgehalten haben als erwartet, dürfte diese weiter nach unten getrieben haben. Seit dem vergangenen Frühjahr allerdings sinkt die Fracking-Fördermenge in kleinen Schritten. Viele Unternehmen sind mit hohen Schulden belastet. Die Erwartung ist, dass der Markt vor einer großen Konsolidierung steht. Die Schwachen geben auf, andere werden übernommen.

          Es berichten Carl Moses, Winand von Petersdorff, Philip Plickert, Marcus Theurer und Benjamin Triebe.

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