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Gewinner und Verlierer : So stellt das günstige Öl die Wirtschaft auf den Kopf

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Die Saudis müssen das Sparen lernen

Auch Saudi-Arabien wird hart getroffen. Ende Dezember gab das Land ein Rekorddefizit von umgerechnet 98 Milliarden Dollar im Staatshaushalt für 2015 bekannt. Analysten hatten zuvor mit einem noch tieferen Loch in den Staatsfinanzen gerechnet. 2016 soll das Defizit auf 87 Milliarden Dollar sinken, was rund 13 Prozent der Wirtschaftsleistung entspräche. „Aber der Teufel steckt im Detail“, sagt Aleksander Stojanovski, Analyst der Deutschen Bank. Die Ölscheichs müssten das Sparen womöglich erst lernen, und es sei ungewiss, ob die Kürzungsziele wirklich erreicht würden.

Mittlerweile wachsen am Finanzmarkt die Spekulationen, dass Saudi-Arabien erstmals seit Jahrzehnten die strikte Wechselkursbindung seiner Währung Rial zum Dollar aufgeben könnte. Das Land erwägt inzwischen sogar, internationale Geldgeber an der Börse zu suchen und seinen Erdölkonzern Aramco teilweise zu verkaufen.

Im Januar will Saudi-Arabien einen längerfristigen „Nationalen Transformationsplan“ vorstellen, der die Weichen für wirtschaftliche Reformen stellen soll. Immerhin allerdings hat das Land hohe finanzielle Reserven - und damit Handlungsspielraum. „Die Finanzlage bleibt komfortabel“, sagt der Ökonom Farouk Soussa von der Citigroup.

Ölbranche streicht 300.000 Stellen

Dramatisch ist die Situation dagegen in Venezuela, das ebenfalls zu den größten Ölförderländern der Welt zählt. Die Inflation liegt geschätzt über 200 Prozent, die meisten Waren sind in den Läden knapp, weil fast alles außer Öl importiert werden muss. Die Wirtschaftsleistung dürfte allein 2015 um 9 Prozent geschrumpft sein. Hinzu kommt eine schwere innenpolitische Krise: Nach dem klaren Sieg der Opposition bei den Parlamentswahlen im Dezember ist ein heftiger Konflikt der Staatsgewalten entbrannt. Der sozialistische Präsident Nicolás Maduro und die von dessen Anhängern beherrschte Justiz fechten die oppositionelle Supermehrheit im Parlament an. Venezuelas Wirtschaftskrise wird derweil immer verheerender.

Aber nicht nur ganze Staaten leiden. Auch einige der größten Unternehmen der Welt zählen zu den Verlierern. Energieriesen wie Exxon-Mobil („Esso“), Shell und BP erwirtschaften zwar Jahresumsätze, die so hoch sind wie die Wirtschaftsleistung ganzer Staaten. Aber der Preisrutsch hat die Branche kalt erwischt: Niemand in den Chefetagen der Konzerne hat die Baisse kommen sehen. Stattdessen hatte sich die Ölindustrie an Preise von mehr als 100 Dollar je Fass gewöhnt.

Mittlerweile haben die Unternehmen mit radikalen Sparprogrammen reagiert: Schätzungen zufolge hat die Branche vergangenes Jahr rund 300.000 Arbeitsplätze gestrichen. Die Investitionen in die Erschließung neuer Öl- und Gasquellen sanken nach Berechnungen des Beratungshauses Rystad Energy um mehr als ein Fünftel auf knapp 600 Milliarden Dollar. 2016 wird die nächste Kürzungsrunde folgen: Weitere 70 Milliarden Dollar an Investitionen und zahlreiche Jobs werden wohl wegfallen, erwarten Analysten.

Eine Schlüsselrolle beim Ölpreisrutsch spielt weiterhin die amerikanische Fracking-Ölbranche: Sie trug maßgeblich zum Überangebot am Ölmarkt bei. Dass Amerikas Fracker dem Verfall der Preise viel länger standgehalten haben als erwartet, dürfte diese weiter nach unten getrieben haben. Seit dem vergangenen Frühjahr allerdings sinkt die Fracking-Fördermenge in kleinen Schritten. Viele Unternehmen sind mit hohen Schulden belastet. Die Erwartung ist, dass der Markt vor einer großen Konsolidierung steht. Die Schwachen geben auf, andere werden übernommen.

Es berichten Carl Moses, Winand von Petersdorff, Philip Plickert, Marcus Theurer und Benjamin Triebe.

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