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Ökonomen korrigieren sich : Die Wirtschaft bricht stärker ein als erwartet

Das Veranstaltungsgewerbe gehört zu den am stärksten von der Krise betroffenen Wirtschaftsbereichen. Bild: dpa

Die Aussichten auf einen glimpflichen Ausgang der Corona-Krise haben sich nach Einschätzung von Ökonomen verschlechtert. Der Einbruch wird sich auch auf dem Arbeitsmarkt deutlich niederschlagen.

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          Weil die Beschränkungen zur Eindämmung der Corona-Pandemie hierzulande länger andauern als im März erwartet, korrigieren mehr und mehr Ökonomen ihre Prognosen nach unten. Dass Chinas Wirtschaft im ersten Quartal erstmals seit der Kulturrevolution von 1972 geschrumpft ist und das auch noch um 6,8 Prozent, nahm Volker Wieland zum Anlass, das für Deutschland vorhergesagte Basisszenario von minus 2,8 Prozent in diesem Jahr nunmehr für unwahrscheinlich zu halten.

          Britta Beeger

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Niklas Záboji

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Als Mitglied im wirtschaftspolitischen Sachverständigenrat der Bundesregierung hält Wieland mittlerweile eher das Risikoszenario mit einem Rückgang von 5,4 Prozent für wahrscheinlich. Anstatt sich im Sommer schnell zu erholen, dürfte es somit einen ausgeprägten, tiefen Einbruch geben. Das sagte der „Wirtschaftsweise“ unlängst der F.A.Z. Neue Zahlen, die ebenfalls in diese Richtung deuten, kommen nun vom Münchner Ifo-Institut auf Grundlage einer Umfrage unter rund 8800 deutschen Unternehmen sowie Kennziffern zu Umsatz und Kapazitätsauslastung der Betriebe.

          Der Rückgang sei „beispiellos“

          Die Wirtschaftsleistung dürfte demnach während der Corona-Schließungen um 16 Prozent eingebrochen sein. Für das Ende März abgeschlossene erste Quartal dürfte sich der Rückgang auf 1,9 Prozent belaufen und für das zweite Quartal auf 12,2 Prozent. „Insgesamt dürfte die Wirtschaftsleistung in diesem Jahr um kalenderbereinigt 6,6 Prozent schrumpfen; berücksichtigt man die vergleichsweise vielen Arbeitstage, verringert sich der Rückgang auf 6,2 Prozent“, erklärt Ifo-Konjunkturchef Timo Wollmershäuser.

          Im Gespräch räumt er ein, dass somit auch die Prognose der fünf größten deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute von Anfang April, an der das Ifo-Institut beteiligt war, zu optimistisch war. Darin war man von einen Rückgang der deutschen Wirtschaftsleistung von 4,2 Prozent in diesem Jahr ausgegangen. Das wäre aufs Gesamtjahr gesehen noch etwas besser gewesen als der Einbruch im Finanzkrisenjahr 2009, als ein Minus von 5,7 Prozent zu Buche schlug. Die nun geschätzten 6,2 bis 6,6 Prozent würden dieses Jahr dann doch zu einem schlechteren Jahr machen.

          Den größten Einbruch der Geschäfte vermelden laut Ifo-Umfrage Reisebüros und ‑veranstalter (minus 84 Prozent), die Luftfahrtbranche (minus 76 Prozent), das Gastgewerbe (minus 68 Prozent), das Gesundheitswesen (minus 45 Prozent), Kunst, Unterhaltung und Erholung (minus 43 Prozent) sowie der Fahrzeugbau (minus 41 Prozent). Einziger Gewinner der Corona-Krise war die Pharma-Industrie mit einem Anstieg der Auslastung um 7 Prozent.

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          Fest steht: Der Einbruch wird sich auch auf dem Arbeitsmarkt deutlich niederschlagen. Wie die monatliche Umfrage des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung unter allen lokalen Arbeitsagenturen ergeben hat, erwarten diese, dass die Arbeitslosigkeit in den kommenden Monaten stark steigen wird. Zugleich dürfte die Beschäftigung deutlich zurückgehen. Das entsprechende Barometer des Instituts fiel auf den niedrigsten Wert seit seinem Bestehen – der Rückgang sei „beispiellos“, teilte das Institut mit.

          Umsatzeinbußen von 75 Milliarden Euro

          In die gleiche Richtung deutet das Beschäftigungsbarometer des Ifo-Instituts, das die Beschäftigungsabsichten von rund 9000 Unternehmen aus der Industrie, dem Dienstleistungssektor, dem Bau und dem Handel widerspiegelt. Es stürzte im April ebenfalls auf ein historisches Tief. Im Dienstleistungsbereich werde es erstmals seit der Finanzkrise wieder zu Entlassungen kommen, teilte Ifo-Forscher Klaus Wohlrabe mit.

          Die offiziellen Arbeitsmarktzahlen veröffentlicht die Bundesagentur für Arbeit (BA) am Donnerstag. Ihr Vorstandsvorsitzender Detlef Scheele hatte Ende März gesagt, er rechne damit, dass die Zahl der Arbeitslosen im April um 150.000 bis 200.000 Personen steigen werde. Nach Informationen der F.A.Z. geht die BA intern inzwischen aber davon aus, dass es noch deutlich mehr sein könnten.

          Was der Einbruch konkret vor allem für kleine und mittlere Betriebe bedeutet, hat die Förderbank KfW am Dienstag veröffentlicht. Auch sie stützt sich auf eine Unternehmensumfrage. In die Berechnungen ein flossen Angaben von 3400 Unternehmen mit bis zu 500 Millionen Jahresumsatz. So habe der deutsche Mittelstand laut KfW allein im März Umsatzeinbußen von insgesamt 75 Milliarden Euro erlitten. Das sind zwei Prozent von dem, was er gewöhnlich im Jahr erwirtschaftet. Im Durchschnitt hätten die Betriebe etwa die Hälfte der üblicherweise zu erwartenden Umsätze verloren. Je Unternehmen entspricht das etwa 39.000 Euro.

          Die KfW-Zahlen legen nahe, dass kleinere Unternehmen und Dienstleister von der Krise überproportional stark betroffen sind. Jene 40 Prozent der Mittelständler, die etwa gleichbleibende Umsätze aufweisen, sind vor allem größere Unternehmen aus dem Handwerk und Baugewerbe. Zudem machen die KfW-Zahlen deutlich, wie schnell die Rücklagen aufgebraucht sind. Gerechnet vom 1. April an verfügen ungefähr die Hälfte der Mittelständler über Liquiditätsreserven, die bis maximal zwei Monate ausreichen. Danach drohe die Einstellung oder gar Aufgabe der Geschäftstätigkeit. Bei 4 Prozent der Unternehmen reichen die liquiden Mittel nur ein bis zwei Wochen, bei weiteren 14 Prozent bis zu einem Monat.

          Und dennoch: „Die in den vergangenen Jahren aufgebauten Finanzpolster helfen in der aktuellen Krise, Verluste temporär zu verkraften und den Druck auf die Liquidität zu mindern“, sagt KfW-Chefvolkswirtin Fritzi-Köhler-Geib. Dass die Eigenkapitalquote der Unternehmen zwischen 2002 und 2018 um durchschnittlich 13 Prozentpunkte auf 31 Prozent gestiegen sei, zeige, dass der Mittelstand seine Hausaufgaben gemacht habe und widerstandsfähig sei. Da viele Mittelständler zu Beginn der Krise einen moderaten Schuldenstand aufwiesen, sei die Gefahr, dass eine zunehmende Kreditaufnahme einen Großteil der Unternehmen in die Überschuldung treibt, auch überschaubar, so Köhler-Geib.

          Zudem geht sie davon aus, dass die nun erfolgte schrittweise Rückführung der Eindämmungsmaßnahmen für Entspannung sorgt – auch wenn eine Rückkehr zum Vor-Corona-Alltag „für die meisten nicht reibungslos möglich sein wird, niedrigere Umsätze und Liquiditätsengpässe dürften die Mittelständler auch in den nächsten Wochen begleiten“. Staatliche Hilfsmaßnahmen hält Köhler-Geib deshalb auch in den kommenden Wochen und Monaten für die kleinen und mittleren Unternehmen weiter für nötig und hilfreich.

          „Zurück zum Zustand vor Corona sind wir erst Ende 2021“, betont Ifo-Konjunkturchef Wollmershäuser. Erst dann würden wieder so viele Waren und Dienstleistungen produziert wie in einer Situation ohne Corona-Krise – vorausgesetzt die deutsche Wirtschaft wächst im kommenden Jahr um 8,5 Prozent. Vor allem dort, wo Dienstleistungen für Freizeit, Unterhaltung, Kultur, Beherbergung und Gaststätten erbracht werden, dürften die Folgen der Corona-Krise bis weit ins nächste Jahr hinein zu spüren sein, sagt der Ökonom.

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