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Folgen der Rezession : Weniger Kinder wegen der Wirtschaftskrise

Babys müssen in der Krise hinten anstehen Bild: dpa

Vielen Menschen passen sich der Krise an: Weil sie weniger verdienen und sich um ihre Zukunft sorgen, stellen vor allem junge Europäer Kinderwünsche zurück. Frankreich ist eine Ausnahme.

          3 Min.

          Die tiefe Rezession und Massenarbeitslosigkeit infolge Wirtschafts- und Finanzkrise werden Europa nachhaltig verändern: Weil sie sich um sichere Arbeitsplätze und ein geregelte Einkommen sorgen, haben Millionen vor allem junger Europäer ihre Kinderwünsche zumindest vorerst auf Eis gelegt. Zukunftssorgen und steigende Arbeitslosigkeit hinterlassen in vielen Ländern deutliche Spuren in den Geburtenstatistiken, wie eine Gruppe von Wissenschaftlern jetzt herausgefunden hat. Je höher die Arbeitslosenquote, desto stärker bleibt die Kinderzahl je Frau hinter dem Trend vor der Krise zurück, lautet ihre Kernaussage.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          Am deutlichsten sank die Geburtenziffer in Spanien von 1,47 Kinder je Frau im Durchschnitt während des Ausbruchs der Krise im Jahr 2008 auf nur noch 1,36 im Jahr 2011. Dabei hatte sich das Land gerade von einer sehr niedrigen Geburtenrate zu Beginn des Jahrhunderts mit etwas mehr als 1,2 Kindern erholt. Auch in Ungarn, Irland, Kroatien und Lettland gab es spürbare Einbrüche. Dies geht aus einer aktuellen Studie des Max-Planck-Instituts für Demographische Forschung in Rostock und der Leuphana Universität Lüneburg hervor, die dieser Zeitung vorliegt.

          Die Wissenschaftler haben die Entwicklungen in 28 europäischen Ländern zwischen den Jahren 2001 und 2011 untersucht. Heraus kam, dass vor allem junge Europäer unter 25 Jahren ihre Kinderpläne bei drohender Arbeitslosigkeit ändern. Steigt die Arbeitslosenquote um 1 Prozent, sinkt die Geburtenrate in der Gruppe zwischen 15 und 19 Jahren um fast 0,2 Prozent. Unter den 20- bis 24-Jährigen sind es 0,1 Prozent. In Südeuropa, wo in Spanien, Griechenland und Kroatien die offiziellen Jugendarbeitslosenquoten deutlich über der Marke von 50 Prozent liegen, betragen die Rückgänge sogar 0,3 beziehungsweise 0,2 Prozent. Am ausgeprägtesten sind die Einflüsse laut Untersuchung für das erste Kind.

           Die Arbeitslosigkeit steigt, die Geburtenrate fällt - fast in allen Ländern ist es dasselbe

          „Junge Menschen tun sich leichter, die Familiengründung zu überdenken“, sagt Michaela Kreyenfeld, eine der Autorinnen. Bei älteren Frauen seien die Grenzen der biologischen Fruchtbarkeit schon näher und deshalb die Flexibilität geringer. Tatsächlich ändere sich deshalb in der Rate für das erste Kind bei Frauen über 40 Jahren nichts.

          Das Problem der hohen Jugendarbeitslosigkeit - in der Eurozone waren es zuletzt mehr als 23 Prozent - hat mittlerweile auch die Staats- und Regierungschefs auf den Plan gerufen. Zuletzt einigten sie sich in Berlin auf ein gemeinsames Vorgehen: Mit Investitionen und Krediten in Milliardenhöhe wollen sie den Betroffenen neue Perspektiven eröffnen.

          Es gibt aber auch Länder wie Deutschland, Österreich und die Schweiz, deren Arbeitsmärkte die Krise ohne große Beeinträchtigung überstanden haben - in Deutschland sank die Arbeitslosenquote sogar deutlich. Dort stellten die Forscher auch keine Veränderungen in den Geburtenraten fest. In Deutschland hat sich die Geburtenrate seit mehr als einer Dekade unterhalb eines Wert von 1,4 Kindern je Frau eingependelt. Damit liegt das noch einwohnerreichste Land Europas in der Schlussgruppe.

          Wohlfahrtsstaat stützt Kinderwünsche

          „Die Finanzkrise traf Europa zu einer Zeit, als die Geburtenraten in vielen Ländern gerade langsam wieder zu steigen begannen“, sagt Kreyenfeld. Frühere Arbeiten hätten gezeigt, dass die Zeiten extrem niedriger Geburtenziffern eigentlich am Auslaufen waren. In einigen Ländern habe die Rezession diesen Trend nun umgekehrt, in anderen sei die Aufwärtsbewegung lediglich angehalten worden. Dazu zählten unter anderem Tschechien, Polen, Großbritannien und Italien.

          In Italien stagnierte die Rate zum Beispiel bei 1,42, in Großbritannien blieb sie mit 1,96 konstant und in Polen gab sie minimal auf 1,38 nach. Zwar stehen auch in diesen Ländern heute deutlich mehr Menschen ohne Beschäftigung da als noch vor der Krise. Allerdings weisen die Wissenschaftler auch darauf hin, dass neben der Arbeitslosigkeit weitere, landesspezifische Einflüsse auf die Familienplanung einwirkten wie etwa die gesamte Familienpolitik oder die Sicherheit der Arbeitsplätze.

          Wie stark der Einfluss staatlicher Förderung sein kann, lässt sich auch am Beispiel Frankreichs. Obwohl die Arbeitslosenquote im Untersuchungszeitraum deutlich auf fast 10 Prozent zunahm, setzen immer mehr Franzosen wohl auch aufgrund der relativ hohen Sicherheit durch den Wohlfahrtsstaat ihren Kinderwunsch um. Nach der Finanzkrise kletterte die Geburtenrate über die Marke von 2 Kindern je Frau, was den höchsten Wert in Europa darstellt.

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