https://www.faz.net/-gqe-9dzt0

10 Jahre Finanzkrise : Als die Skandalbanker davonkamen

RIchard Fuld, Spitzname „der Gorilla“, führte Lehman Brothers in die Insolvenz. Bild: Reuters

Vor zehn Jahren erreichte die Finanzkrise ihren Höhepunkt. Staaten und Aktionäre verloren hohe Milliardenbeträge, unschuldige Bankangestellte ihre Arbeit. Die Zocker in den Chefetagen kamen dagegen meist ungeschoren davon. Eine Bilanz.

          Am 15. September 2008 war Lehman-Brothers, die damals viertgrößte Investmentbank der Welt, am Ende. Ihre Pleite mit Schulden von 613 Milliarden Dollar (528 Milliarden Euro) war das Fukushima der Finanzindustrie. Die Banken mit ihren „modernen“ Finanzinstrumenten hatten ihre Unschuld verloren.

          Jürgen Dunsch

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Noch heute wirken die Beträge gigantisch. Allein 2006, dem letzten Jahr vor dem Beginn der finanziellen Kernschmelze, hatten in erster Linie amerikanische Banken an unsichere Schuldner Wohnhypotheken von 450 Milliarden Dollar vergeben. Verpackt in handelbare Wertpapiere fanden sie ihren Weg zu Banken und großen Anlegern rund um den Globus. Später büßten die Hypothekenfinanzierer mit enormen finanziellen Strafen und Vergleichszahlungen für ihre Geschäftspolitik, nach Schätzungen der Boston Consulting Group mit 321 Milliarden Dollar allein bis Ende 2016. Die Summe entspricht fast den drei staatlichen Hilfspaketen für Griechenland. Am meisten zahlen musste die Bank of America mit nahezu 17 Milliarden Dollar.

          Inzwischen dürfte die Summe nahezu 350 Milliarden Dollar erreicht haben. Zuletzt einigte sich die Royal Bank of Scotland Mitte August mit dem amerikanischen Justizministerium endgültig auf eine Vergleichszahlung von knapp fünf Milliarden Dollar. Die Banken als Unternehmen haben gebüßt und damit ihre Eigentümer, die Gläubiger und die Steuerzahler. Ganz anders die Zocker auf den Chefetagen. Zumindest strafrechtlich konnten sich fast alle aus der Schlinge ziehen.

          So auch der damalige Lehman-Chef Richard Fuld, der nicht umsonst den Spitznamen „Gorilla“ trug. Rücksichtslos, ruppig und abgehoben verordnete er seiner Bank einen ungehemmten Expansionsdrang. Zugleich war er einer der Spitzenverdiener an der Wall Street. Der Wirtschaftswissenschaftler Barry Eichengreen urteilte in seinem Buch über die großen Börsencrashs von 1929 und 2008, Fulds Persönlichkeit „ist zweifellos ein Teil der Erklärung, warum sich Lehman noch aggressiv am Immobilienmarkt engagierte, während anderen Investmentbanken schon klar war, dass die Party vorbei war“. Der Lehman-CEO verkörperte das zentrale Problem: Ehrgeiz, Geldgier und hemmungsloses Management sind verwerflich, aber kaum justiziabel. Dies unterscheidet solche Banker zum Beispiel von dem vielfachen Milliardenbetrüger Bernard Madoff, dessen Schneeballsystem wenig später, nämlich Ende 2008 aufflog.

          Das neue Management wollte schnell reinen Tisch machen

          Im Fall der großen Geldhäuser spielten auch deren verwirrende Geschäftsmodelle und Strukturen eine Rolle. Sie ließen lange Gerichtsverfahren mit ungewissem Ausgang erwarten, vor allem dann, wenn es einzelnen Managern an den Kragen gehen sollte. Da war es für viele Staatsanwälte und Behörden verführerisch, den einzelnen Banken hohe Geldsummen abzupressen. Die wiederum – oftmals unter neuem Management stehend – neigten dazu, rasch reinen Tisch zu machen. Es war ja nicht ihr eigenes Geld, das gezahlt werden musste. Fälle wie die des Goldman-Sachs-Mannes Fabrice Tourre, der für ungenügende Kundeninformationen über hypothekenbasierte Derivate schuldig gesprochen wurde, blieben die Ausnahme. Die meisten retteten sich in Vergleiche mit den Strafverfolgern und zahlten Geldbußen.

          Weitere Themen

          „Es muss alles auf den Tisch“

          Bahlsen gibt Fehler zu : „Es muss alles auf den Tisch“

          Der Bahlsen-Verwaltungsratsvorsitzende kündigt an, dass die Geschichte des Unternehmens fundiert aufgearbeitet werden soll. Was seine Tochter gesagt habe, sei falsch.

          Topmeldungen

          Kurz’ Zögern : Gefangen in der Ibiza-Falle

          Lange wartete Österreichs Kanzler, bis er sich zum Video von FPÖ-Chef Strache äußerte. Dabei war ihm schnell klar, dass sein Vize nicht zu halten ist. Dessen Parteifreund Gudenus soll derweil weiter Kontakt zu der vermeintlichen Oligarchennichte gehalten haben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.