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Konjunktur : Fällt die Wirtschaft im Euroraum in den Winterschlaf?

  • -Aktualisiert am

Zur Eindämmung der vierten Corona-Welle gelten vielerorts wieder schärfere Maßnahmen. Bild: dpa

Die Wirtschaft im Euroraum ist im Sommer kräftig gewachsen. Doch die vierte Corona-Welle bremst den Aufschwung. Reicht es trotzdem noch für die Rückkehr zum Vorkrisenniveau in diesem Jahr?

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          Nach dem Sommer schien die Wirtschaft im Euroraum auf Kurs zu alter Stärke. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) legte im dritten Quartal um 2,2 Prozent im Vergleich zum Vorquartal zu, und der Abstand zum Vorkrisenniveau verkürzte sich auf gerade einmal 0,5 Prozent. Zum Jahresabschluss könnte es jedoch einen Dämpfer geben. „Die weitere Erholung wird von einer unguten Kombination aus der rapiden Verteuerung von Energie, anhaltenden Materialengpässen und lokalen Infektionswellen unterschiedlicher Stärke ausgebremst“, sagte KfW-Chefvolkswirtin Fritzi Köhler-Geib.

          Svea Junge
          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Die vierte Welle der Pandemie verlagerte sich zuletzt von Osteuropa immer weiter ins Zentrum des Kontinents. In Osteuropa ist die Impfquote im Vergleich besonders gering. Schlusslicht im Euroraum ist die Slowakei: Dort sind lediglich 48 Prozent der Bevölkerung mindestens einmal gegen das Coronavirus geimpft, die Sieben-Tage-Inzidenz ist hingegen mit mehr als 1400 so hoch wie sonst nirgends in Europa. Doch auch in Deutschland, Österreich, den Niederlanden, Belgien und Frankreich steigen die Fallzahlen, was vielerorts schärfere Corona-Maßnahmen nach sich zog. Österreich verhängte sogar wieder einen Lockdown, um die Infektionswelle zu brechen.

          Inzwischen breitet sich die Welle auch in den Süden Europas aus, wo die Impfquoten vergleichsweise hoch sind und das Infektionsgeschehen bisher beherrschbar war. Allerdings rief in dieser Woche auch die Regierung Portugals, das mit 89 Prozent die höchste Quote im Euroraum hat, aufgrund steigender Infektionszahlen wieder den Notfallzustand aus.

          Mobilität nimmt ab

          Das lässt die Konsumenten vorsichtiger werden: Echtzeitdaten wie die von Google erfassten Bewegungsdaten von Mobiltelefonen deuten im November auf einen verstärkten Rückgang der Mobilität im Euroraum hin. Vor allem beim Einkaufen und Freizeitaktivitäten halten sich die Menschen zurück. Trotz der Verlangsamung sei die Aktivität aber immer noch höher als zu jedem anderen Zeitpunkt im Sommer 2020 und vergleichbar mit Ende Mai 2021, erklärte ING-Ökonom Bert Colijn. „Doch auch wenn der Rückgang der Mobilität bisher bescheiden ist, trägt er zum Gegenwind für das BIP-Wachstum bei“, sagte er.

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          Der Schaden dürfte aber geringer ausfallen als in den Infektionswellen davor, sagte Stefan Kooths, Konjunkturchef am Institut für Weltwirtschaft in Kiel: „Die ökonomischen Schmerzen der Pandemie werden von Welle zu Welle kleiner.“ Mit der fortgeschrittenen Erholung sei aber auch die Fallhöhe für die Wirtschaft höher als bei der Infektionswelle vor einem Jahr.

          „Die Wirtschaft hat zwar gelernt, sich an die Pandemie und die Einschränkungen anzupassen“, sagt Katharina Utermöhl, Europa-Volkswirtin der Allianz. Für mehr als ein „Mini-Wachstum“ werde es im vierten Quartal aber dennoch nicht reichen. „Die Wirtschaft im Euroraum dürfte in den nächsten Monaten in einen Winterschlaf mit eher enttäuschenden Wachstumsraten fallen“, erwartet sie.

          Stimmungshoch nur von kurzer Dauer

          Der Unternehmensstimmung konnten die hohen Corona-Fallzahlen indes bisher nichts anhaben. Der Einkaufsmanagerindex des Londoner Markit-Instituts stieg im November überraschend um 1,2 Zähler auf 55,4 Punkte und rangiert damit über der Marke von 50 Punkten, die Wachstum signalisiert.

          Gleichwohl trübten sich die Geschäftsaussichten so stark ein wie seit 10 Monaten nicht mehr. Vor allem die Dienstleister blicken pessimistisch in die Zukunft. Hinzu kommt, dass die Unsicherheiten über steigende Infektionszahlen und die neue Omikron-Variante noch nicht vollständig von den Umfrageergebnissen erfasst sein dürften. Das Stimmungshoch werde daher wohl „nur von kurzer Dauer“ sein, sagte Markit -Chefvolkswirt Chris Williamson.

          Für Deutschland verharrte das Barometer nahezu unverändert auf seinem 8-Monats-Tief aus dem Oktober. Denn die größte Volkswirtschaft des Euroraums leidet aufgrund ihres großen Industrieanteils besonders unter den Lieferengpässen. Laut einer aktuellen Umfrage des Münchner Ifo-Instituts hat sich der Materialmangel im November sogar noch einmal verstärkt. 74,4 Prozent der Industrieunternehmen – 4 Prozentpunkte mehr als im Oktober – klagten über Engpässe und Probleme bei der Beschaffung von Vorprodukten und Rohstoffen.

          Deutschland steht nicht mehr an der Spitze

          „Die Lieferkettenengpässe erweisen sich als deutlich klebriger als erwartet“, sagt Allianz-Ökonomin Utermöhl. Das habe zur Folge, dass Deutschland beim Aufholprozess im Euroraum längst nicht mehr die Nase vorn habe: „Während Frankreich und auch der Euroraum insgesamt voraussichtlich noch in diesem Quartal ihr Vorkrisenniveau erreichen werden, wird Deutschland gemeinsam mit Italien erst zwischen dem Frühjahr und Sommer 2022 nachziehen können.“

          Wie die meisten Ökonomen rechnet sie in diesem Jahr insgesamt mit einem Wachstum von 5 Prozent im Euroraum. Das deckt sich auch mit der Herbstprognose der Europäischen Kommission. Deutschland wird hingegen wohl nur etwa halb so stark wachsen. Die meisten Prognosen erwarten ein Plus von rund 2,5 Prozent. Dabei darf allerdings nicht vergessen werden, dass der wirtschaftliche Einbruch im Euroraum 2020 deutlich tiefer war als in Deutschland. Im nächsten Jahr dürfte die Wirtschaftsleistung dann in Deutschland und im Euroraum um rund 4 Prozent zulegen.

          Die Ausbreitung der neuen Virusvariante Omikron berge zwar Risiken, doch noch sei die Wirtschaft im Euroraum und auch in Deutschland auf Kurs, ihren ursprünglichen Wachstumspfad im nächsten Jahr wieder zu erreichen, sagt Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Deka-Bank. 2022 werde zudem „ein Jahr der fiskalischen und geldpolitischen Weichenstellung“. Es werde sich zeigen, ob die Konjunkturprogramme der Staaten und die überaus expansive Geldpolitik der EZB die Nachfrage überstimuliert hätten und die Inflation längere Zeit hoch bleibe.

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